Von Anna Kruglowa
Im Mai erstrahlen Parks und Plätze russischer Städte traditionell in üppigem Violett, Rosa und Weiß und erfüllen die Luft mit einem betörenden Duft. Der allen und jedem wohlbekannte gewöhnliche Flieder ist jedoch nicht nur ein im Frühling blühender (in manchen Fällen auch überblühender) Strauch, sondern er ist in vielen Fällen auch ein wahrer Schatz, ein botanisches Kulturvermächtnis der Völker – so auch in Russland. RT besuchte den Botanischen Garten der Lomonossow-Universität Moskau, der eine der größten Sammlungen russischer und ausländischer Fliederarten des Landes beherbergt. Lesen Sie, wie dieses Freilichtmuseum entstand, lernen Sie Fliedersorten kennen, die immer wieder auf internationalen Ausstellungen Preise gewinnen, und erfahren Sie, wie der Flieder neben der roten Nelke zu einem der wichtigsten Symbole des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg wurde.
Die Geschichte des Flieders als Zierpflanze in Europa begann mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Türkei durch europäische Länder, doch die eigentliche Revolution in der Pflanzenzüchtung erfolgte erst viel später.
Von Paris nach Moskau
Lange Zeit waren die Europäer hier die Trendsetter – sie machten aus dem ursprünglichen Wildstrauch eine beliebte Gartenpflanze. Wladimir Tschub, Direktor des Botanischen Gartens der Lomonossow-Universität Moskau und Professor an derselben Universität, merkt an: Das Interesse an dieser Pflanze im 19. Jahrhundert habe stark zugenommen, als Fachleute sich des Flieders annahmen, die das Aussehen seiner Blüten grundlegend verändern konnten.
„Flieder ist eine recht umfangreiche Gattung innerhalb der Ölbaumfamilie. Er ist in der Alten Welt weit verbreitet. Im 19. Jahrhundert zog er die Aufmerksamkeit von Züchtern auf sich – insbesondere der französischen Schule um Lemoine. Flieder wurde größer, es entstanden Sorten mit gefüllter Blüte und eine Vielzahl von Farbtönen, und schließlich entstand das Phänomen des Französischen Flieders.“


Züchter hierzulande übernahmen die ausländischen Erfahrungen nicht bloß, sondern entwickelten darauf aufbauend einen vollkommen eigenen Ansatz: Mithilfe des reichen Genpools europäischer Sorten begannen sowjetische Züchter, Pflanzen zu ziehen, die an unterschiedliche Klimazonen angepasst waren und zuvor unbekannte dekorative Eigenschaften aufwiesen. Nach und nach etablierte sich in der internationalen Gemeinschaft auch der Begriff des „Russischen Flieders“, wobei die legendäre Sorte „Schöne von Moskau“ zum anerkannten Standard wurde.


Wladimir Tschub berichtet stolz:
„Im Jahr 2018 richteten wir die Internationale Fliederkonferenz aus, und die Fliederzüchter gaben zu, Kolésnikows Sorte ‚Schöne von Moskau‘ nie bei den Wettbewerben einzureichen. Auf die Frage nach dem Grund antworteten sie: ‚Weil sie immer den ersten Platz belegt.‘ Um anderen Sorten eine Chance zu geben, wird die ‚Schöne von Moskau‘ stattdessen immer neben dem Wettbewerb eingereicht. Sie ist ein Meisterwerk von Weltrang, international bekannt, und auch hier in Moskau wird diese Kolesnikow-Sorte immer häufiger angebaut.“


Erster Sämling
Für die meisten Kundigen unter den Moskauern und Gästen der russischen Hauptstadt ist der Name Leonid Alexéjewitsch Kolesnikow untrennbar mit Flieder und Botanik verbunden. Doch die Züchtung war in Wirklichkeit „nur“ sein Hobby, dem er in seiner Freizeit nachging – er war Automechaniker. In seiner im Jahr 1952 erschienenen Broschüre „Flieder“ schrieb Kolesnikow, dass er noch im Jahr 1919 eine Faszination für diese Pflanze entwickelt hatte.
Jelena Simonénko, eine Enkelin des Züchters, erzählte im Gespräch mit RT:
„Mein Großvater kämpfte in drei Kriegen: im Ersten Weltkrieg, im Finnischen Krieg und wurde nach einer Gehirnerschütterung aus dem Militär entlassen, die er sich im Großen Vaterländischen Krieg zugezogen hatte.
Also: Aus dem Ersten Weltkrieg brachte er einen Fliedersetzling mit, der ihm gefallen hatte, und pflanzte ihn in seinen Garten. Genauer gesagt, in den Rest des Gartens, der der Familie Kolésnikow nach der Revolution und Verstaatlichung im Jahr 1917 übrigblieb. Heute liegt er im Moskauer Stadtbezirk Sókol, damals war es das Dorf Wsechswjátskoje. Neben seiner Arbeit mit Automobilen gemäß Qualifikation begann er dann, Flieder anzubauen. Auch aus dem Finnischen Krieg kehrte er mit Gartengeräten heim: Irgendeine Schaufel brachte er wohl mit.“


Seine Mutter, Maria Kolesnikowa, wurde 101 Jahre alt und starb im Jahr 1949 – zu diesem Zeitpunkt war Kolesnikow bereits ein anerkannter Züchter, und auch die „Schöne von Moskau“ blühte längst in seinem Garten. Wladimir Tschub erzählt:
„Er kam abends in seinen Garten und suchte Paare für die Kreuzung aus. Es gibt sogar Erinnerungen daran, dass er den Botanischen Garten der Moskauer Staatlichen Universität aufsuchte – um sich beraten zu lassen, wie man richtig die Paare auswählt, die Ergebnisse bewertet, die Staubblätter richtig zupft und so weiter. Der Botanische Garten der Moskauer Staatlichen Universität unterstützte ihn denn auch in der Anfangsphase.“
Ikonischer Ort der Hauptstadt
Im Jahr 1952 wurde Kolesnikow mit dem Stalinpreis ausgezeichnet – und außerdem stellte der Staat ihm fast zeitgleich ein elf Hektar großes Grundstück im Dorf Kalóschino bei Moskau für seine Zucht- und Versuchsbaumschule zur Verfügung. Er begann, sein Syringarium dorthin zu verlegen.
Gleichzeitig lebte Kolesnikow bis zum Jahr 1966 weiterhin in seinem Haus im Stadtbezirk Sókol. Und obwohl der Garten an seinem Wohnhaus nur als ein Amateurgarten am Stadtrand galt, war dieses Grundstück damals ein Wahrzeichen Moskaus und wurde von den berühmtesten Persönlichkeiten besucht.


Wladimir Tschub führt ein Beispiel an:
„In den 1950er Jahren wurde der sowjetisch-indische Film ‚Fahrt über drei Meere‘ gedreht, mit Prithviraj Kapoor in einer wichtigen Rolle. Die Beziehungen zwischen Indien und unserem Land wurden ausgebaut. Kapoor kam auf Tournee nach Moskau – und ihm wurde Kolesnikows Garten gezeigt. Kolesnikow benannte sogar eine Fliedersorte nach ihm: ‚Raj Kapoor‘. Er verband Indien mit etwas Üppigem, Dunklem, Braunhäutigem. Kolesnikows Garten war ein Wahrzeichen, das jeder einmal gesehen haben musste.“
Jelena Simonenko erinnert sich, wie Juri Gagarin und seine Frau Valentina einmal bei den Kolesnikows vorbeikamen – und auch andere:
„Sie waren beim Bildhauer Lew Kerbel zu Besuch, dessen Gartentür gleich nebenan war – Juri Gagarin posierte dort für ihn. Das war der erste Frühling nach seinem berühmten Weltraumflug. Ich schenkte Gagarin und Valentina jeweils einen Fliederstrauß. Auch Nikita Chruschtschow besuchte uns. Er aß den Borschtsch meiner Mutter – den bereitete sie immer köstlich zu, mit geräucherter Schweinshaxe. Der Jagdpilot Alexei Maressjew kam oft – mein Großvater war mit ihm befreundet. Der Schriftsteller Leonid Leonow war ein häufiger Gast. Viele berühmte Persönlichkeiten besuchten unseren Garten.“


Nicht alle Besucher waren gleich wohlgesinnt: Jelenas Angaben zufolge wurde der Garten oft von Strolchen und Wüstlingen heimgesucht – und bei einem dieser Überfälle wurde Leonid Kolesnikow mit einem Messer verwundet, und die Polizei nahm danach den Garten sogar eine Zeit lang unter Bewachung. Jelena Simonenko erklärt die seltsame Beliebtheit des Gartens unter den Stadtrowdys:
„Ein Zweig Kolesnikows Flieder war damals so viel wert wie eine Flasche Wodka, noch mit einem kleinen Imbiss dazu. Meine Großmutter verkaufte sie manchmal auch so gern – Großvater aber verbot es: ‚Schönheit darf man nicht verkaufen!‘ Er verschickte stattdessen kostenlos Fliedersamen und -setzlinge an alle im ganzen Land, die sich an ihn wandten. Er bezahlte sogar den Paketversand selbst – dabei erhielt er Tausende Briefe aus aller Welt. Ich erinnere mich deswegen noch so gut daran, weil ich meinen Klassenkameraden, die begeisterte Philatelisten waren, Briefmarken von diesen Briefen aus verschiedensten Ländern schenkte.“
Wladimir Tschub betont seinerseits, dass die Faszination für die Fliederzucht damals das ganze Land erfasst hatte:
„Es gab keine einzige Sowjetrepublik, in der die Leute nicht versucht hätten, Flieder anzubauen – das war allerorten zu beobachten. So war zum Beispiel der Donbass ein wichtiges Zentrum für die Fliederzucht in der Steppenzone: In Donezk gibt es einen recht bekannten Botanischen Garten, der sich der Rekultivierung von Flächen nach dem Kohleabbau widmet. Die Pflanzen dafür müssen besonders hitzebeständig sein und der sengenden Sonne lange widerstehen können. Und eine solche Fliedersorte, die ‚Lichter des Donbass‘, haben auch wir in unserem Botanischen Garten.“


Der Experte erklärte auch, warum Flieder damals mit dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg in Verbindung gebracht wurde:
„Heimkehrende Kämpfer wurden mit Fliederzweigen begrüßt, da Flieder kurz nach dem Tag des Sieges blühte. Daher rührt die Bezeichnung ‚Siegesflieder‘. Kolesnikow hat Sorten, die eigens den Piloten des Großen Vaterländischen Krieges gewidmet sind: Eine der Eigenschaften dieser Sorten, die er hervorzuheben versuchte, ist das Gefühl des Fliegens. Flugzeuge mit Propellern waren damals die gängigsten – und die Blütenblätter dieser Sorten haben eine Form, die oft an Flugzeugpropeller erinnert.“


Meister des Fliederpinsels
Die Fliederzüchterin und Schriftstellerin Tatjana Poljakówa erzählt in ihrem Buch „Meister des Fliederpinsels. Zum Gedenken an Leonid Kolesnikow“ die Biografie des berühmten sowjetischen Züchters. Das Werk ist vor allem der Baumschule Kolesnikows und dem Umzug seines Gartens dorthin gewidmet:
„Hier wird detailliert der Umzug seines Gartens von Sokol bis zur Gründung seiner Baumschule in Kaloschino beschrieben. Dort befindet sich heute der Fliedergarten an der Schtschólkowskoje-Chaussée. Besucher können heute die von Leonid Kolesnikow dort persönlich gepflanzten Bäume bewundern. Doch der Umzug war mit großen Mühen verbunden: Er musste das Gelände roden, passende Erde herbeischaffen und schließlich die Pflanzen transportieren. Und dies kostete ihn fast seinen gesamten Stalinpreis.“


Im Jahr 1968 starb Leonid Kolesnikow an einem Herzinfarkt. Er hatte verschiedene Fliedersorten nicht allein berühmten Persönlichkeiten, sondern auch seinen Angehörigen gewidmet: „Enkelin Lenotschka“, „Tochter Tamara“, die nach einem seiner Schüler benannte Sorte „Andrjuscha Gromow“ – und natürlich auch eine Sorte, die er zu Ehren seiner Frau züchtete, „Olimpiada Kolesnikowa“. Professor Tschub erzählt, wie die Züchtungen, die Kolesnikow vor seinem Tode noch nicht in die Welt hinausgeschickt hatte, gerettet wurden.
Die zentrale Figur dabei war Major a.D. Wladimir Davydowitsch Mironówitsch, ein weiterer Veteran des Großen Vaterländischen Krieges, der Stabsleiter eines separaten Panzerabwehr-Artilleriebataillons war und nun mit seiner Ingenieursausbildung als Betriebswirtschaftler bei einer Chemiefaserfabrik in Sérpuchow bei Moskau arbeitete. Den Kriegsmüden zog indessen, wie auch Kolesnikow, die Gartenarbeit an – er begegnete dem damals schon bekannten Züchter und ließ sich von ihm mit dem Flieder-Fieber anstecken. Die beiden wurden Freunde, und Mironowitsch wurde nicht bloß Kolesnikows Schüler, sondern auch Co-Autor mehrerer von dessen Züchtungen, die dem Großen Vaterländischen Krieg gewidmet waren – etwa „Den Verteidigern Moskaus“ oder auch „Der Große Sieg“.
Tschub wörtlich:
„In den 1970er Jahren kam Wladimir Mironowitsch in den Botanischen Garten – mit dem Angebot, Leonid Kolesnikows Vermächtnis zu bewahren. Als unser Syringarium eingerichtet wurde, trafen auch einige noch unbenannte Sämlinge von Kolesnikow ein, die vielversprechend und interessant aussahen. Mironowitsch wählte eine Sorte, die der „Olimpiada“ ähnelte, aber etwas kleinere Blüten und einen kühleren Farbton aufwies. Einen Farbton, der ihn an Kolesnikow selbst erinnerte – so wurde die Sorte nach ihm benannt, und sie stehen in unserem Garten nebeneinander: das Ehepaar Olimpiada und Leonid Kolesnikow.“


Zu den Sorten von Kolesnikow gehört auch eine, die nach dem impressionistischen Maler Pjotr Kontschalowski benannt ist. Mit diesem Künstler war der Züchter gut bekannt – nicht verwunderlich, zumal Kontschalowski seinerseits neben Stillleben vor allem Pflanzen in allen möglichen Ausführungen malte – und darunter sehr, sehr viel Flieder. Professor Tschub beschreibt:
„Die Sorte ‚Kontschalowski‘ hat einen dichten Blütenstand mit großen, gefüllten Blüten, deren Blütenblätter gebogen sind. Als Knospen sind die Blüten dunkler und öffnen sich aber zu lilafarbenen Tönen, während die Mitte weiß ist. Der gesamte Blütenstand ’spielt‘ – sprich, er verändert sein Aussehen während des Aufblühens, genau so, wie ein Blütenstand, auf einem Gemälde von einem Künstler abgebildet, je nach Lichtstimmung ’spielen‘ kann.“


Die duftenden Blüten des Flieders haben überhaupt viele Dichter und Schriftsteller inspiriert. Flieder taucht in den Stillleben und Landschaftsbildern vieler berühmter Künstler auf, auch zeitgenössischer.


Die alten, blühenden Fliedersträucher mit ihren geschwungenen Stämmen am Sretenski-Boulevard ziehen jedes Jahr den Künstler Wladimir Katschanow an, der Moskau seit Jahrzehnten malt. Er teilt seine Eindrücke mit RT:
„Die Menschen lieben Flieder. Er ist nicht nur schön, wenn er wächst – sondern auch, wenn man ihn in einem Blumenstrauß darstellt. Und er liefert wahrlich sehr russische Bilder. Wenn man diesen ganzen Weg entlang des Boulevards geht, sieht man: Da ist jeder Busch ein unglaubliches architektonisches Meisterwerk, eine Art Harmonie in Zweigform. Solche Orte sind in Moskau nicht mehr viele geblieben.“
Übersetzt aus dem Russischen.
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