Das ist wirklich ein deutlicher Anstieg bei den Zahlen der Selbsttötungen, die heute das Nationale Suizidpräventionsprogramm (NaSPro) veröffentlicht hat: Im Jahr 2025 waren es 11.334 Menschen ‒ 962 oder 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr, die sich das Leben nahmen. Das ist der höchste Wert seit 1998.

Der Anstieg begann im Jahr 2020, seitdem beträgt die Zunahme 23 Prozent. Das Präventionsprogramm führt dies auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 zurück, das das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung aufgehoben hatte, also die Tätigkeit von Vereinen, die beim Selbstmord assistieren, legalisiert hat. Allerdings deutet das Jahr 2020 als Wendepunkt auch auf Entwicklungen, die das NaSPro nicht anspricht: den Einschnitt, den die Corona-Maßnahmen im Leben vieler Menschen darstellten, und den dadurch ausgelösten Verlust an Sozialkontakten, der bis heute nicht behoben ist.

Auffällig ist, dass die Zahl der Suizide bei Frauen deutlich stärker gestiegen ist als bei den Männern: 17,9 Prozent gegenüber 5,8 Prozent. Im gesamten Zeitraum seit 2020 stieg sie bei den Frauen um 54 Prozent, bei den Männern um 13 Prozent. Allerdings sind es immer noch zu 69,2 Prozent Männer, die sich das Leben nehmen. Doch das Verhältnis ändert sich schnell. 2020 waren es noch 3,1-mal so viele Männer wie Frauen, 2025 lag das Verhältnis nur noch bei 2,3 zu 1. Setzt sich diese Entwicklung fort, ist der Unterschied bis 2033 verschwunden.

Die Zunahme bei den Frauen entsteht vor allem durch Selbsttötungen durch Medikamente. Das ist eine Zahl, die die Todesursachenstatistik liefert. Von den 962 zusätzlichen Todesfällen im Vergleich zu 2024 entfielen 530 auf Frauen, davon waren 520 Fälle auf Medikamente zurückzuführen. Das kann, muss aber nicht auf höhere Zahlen assistierter Selbstmorde hindeuten. Immerhin sind sie in Deutschland noch nicht, wie in Kanada, offizielles Programm. Dort gingen die Behörden mittlerweile so weit, im Falle von Obdachlosigkeit einen assistierten Selbstmord zu empfehlen.

Drei Suizidhilfeorganisationen meldeten für 2025, auch das erwähnt die Präventionsstelle, 1.287 begleitete Suizide, eine Zunahme um 310 oder um fast ein Drittel binnen eines Jahres. Nach Untersuchungen sind es weit mehr Frauen als Männer, die derartige Dienste in Anspruch nehmen. Allerdings ist hier die Erfassung sehr unvollständig.

Die Hälfte aller Suizide erfolgt in der Altersgruppe über 65 Jahre. 58 Prozent des gesamten Anstiegs entfielen auf ältere Menschen. Allerdings gibt es auch einen Anstieg bei Jüngeren – bei Mädchen von 15 bis 20 Jahren stieg die Zahl der Fälle von 52 auf 84. Die Raten unterscheiden sich allerdings auch geografisch deutlich. Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen weisen die höchsten Raten auf.

„Die Politik darf sich nicht darauf beschränken, die Bedingungen der Suizidassistenz zu diskutieren“, schreibt deshalb das NaSPro in seiner Presseerklärung. „Sie muss auch dafür sorgen, dass Menschen in suizidalen Krisen frühzeitig erreichbare Unterstützung und Alternativen finden.“

Ein derart rascher Anstieg sollte es jedoch auch nahelegen, die Lebensbedingungen so zu gestalten, dass weniger Menschen in die Gefahr geraten, über einen Suizid nachzudenken. Dazu gehören vor allem soziale Fragen, wie Altersarmut und Pflegekosten. Auch die langen Wartezeiten für Psychotherapien, die aktuell bei 18 bis 20 Wochen liegen, sind in diesem Zusammenhang nicht förderlich.

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