Von Dagmar Henn

Na, jetzt ist ja alles wieder gut. Das ZDF beruft seine New Yorker Korrespondentin ab, die eine KI-Sequenz in einen Beitrag geschummelt haben soll. Und gelobt lautstark Besserung:

„Der Schaden, der durch die Missachtung journalistischer Regeln entstanden ist, ist groß. Es geht im Kern um die Glaubwürdigkeit unserer Berichterstattung. Wir erarbeiten zurzeit einen Maßnahmenkatalog, um mit aller Konsequenz sicherzustellen, dass die hohen journalistischen Standards, denen wir verpflichtet sind, jederzeit und uneingeschränkt eingehalten werden.“

Um die Brutalität der US-amerikanischen Migrationspolizei ICE zu unterstreichen, wurde eine Passage eingefügt, die angeblich die Festnahme einer Mutter zeigte, an der ihre verängstigten Kinder hängen. „Sie nehmen Eltern vor ihren Kindern mit“. Nachdem bemerkt wurde, dass diese Bilder sogar noch den Stempel der KI trugen, mit der sie erstellt worden waren, erklärte das ZDF zuerst, man habe eben vergessen, die KI-Aufnahme als solche zu kennzeichnen.

Jetzt wurde also das Bauernopfer gefunden und Nicola Albrecht, deren Beitrag es war, wird strafversetzt – aber, so sieht es aus, nicht gekündigt. Albrecht ist seit 2011 feste Korrespondentin für das ZDF, unter anderem von 2014 bis 2020 aus Tel Aviv. Ob mit dem Abzug Gehaltseinbußen verbunden sind, wird nicht erwähnt. Wobei man dazu vielleicht daran erinnern sollte, dass Medien, auch öffentlich-rechtliche Fernsehsender, als Tendenzbetriebe gelten, wodurch Kündigungen wesentlich leichter sind als andernorts.

Allerdings verkauft dieses Einschreiten eine Illusion. Oder, um es noch schärfer zu formulieren: mit dieser Reaktion hat das ZDF die Gelegenheit genutzt, um dem ihm gewogenen Teil des Publikums vorzugeben, ab jetzt sei das, was sie zu sehen bekämen, wieder die reine Wahrheit. Das funktioniert, weil bei der Betrachtung dieses kurzen Berichts und dessen Verhältnis zur Wirklichkeit auf halber Strecke Halt gemacht wird. Die Verwendung der KI-Bilder ist in diesem Fall nämlich nur Symptom.

Schließlich heißt es schon in der Moderation, im Internet gebe es „sehr viele Videos zu den Einsätzen der ICE-Truppen“. Das Bedürfnis, einen KI-Clip zu verwenden, ergibt sich nur, wenn diese vielen Bilder dennoch keine Illustration für das liefern, was gesagt werden soll. Das eigentliche Problem ist die Aussage, die illustriert werden soll. Wenn man als Motivation nicht Arbeitszeitersparnis annimmt (was bestenfalls bei einem freien Mitarbeiter denkbar wäre), dann hat es eine Bedeutung, dass eine entsprechende Videopassage nicht zu finden ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutet es nämlich, dass die Aussage so nicht der Wirklichkeit entspricht.

Die große alte Tante BBC hatte ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit einen großen Skandal mit ihrer Berichterstattung. Dabei ging es um die Rede von Donald Trump am 6. Januar 2021, die so zurechtgeschnitten wurde, dass eine völlig andere Aussage entstand. Das war keine KI, die Bilder waren ebenso echt wie die Tonspur. Der Trick war, zwei Sätze, die in einem Abstand von fast einer Stunde gefallen waren, so zusammenzufügen, dass sie wirkten, als wären sie unmittelbar nacheinander gefallen. Trump hat die BBC mittlerweile verklagt – aber der wahre Schaden, den diese Aufnahmen auslösten, war, dass diese fiktive Aussage damals von vielen geglaubt wurde. Wer sieht sich schon eine ganze Rede im Stream an, um zu überprüfen, ob die gewählten Ausschnitte auch stimmen?

Die Richtung, die dieser ZDF-Beitrag nehmen soll, war bereits bei der Anmoderation zu erkennen. Moderatorin Dunja Hayali spricht von „ICE-Truppen von Donald Trump“. Faktisch ist das falsch. Das ICE gibt es seit 2003. Die Eingriffsrechte, die diese Behörde hat, kann man kritisieren, wie das Recht, Privatwohnungen zu durchsuchen – aber das Gesetz, das ihr diese Rechte erteilt, stammt aus dem Jahr 1996. Die Bezeichnung als „Trumps ICE-Truppen“ trifft also nicht zu.

Dass die Bilder der ICE-Einsätze keine fröhlichen Einwanderer zeigen, die dem Beobachter zum Abschied zuwinken, ehe sie festgenommen und abgeschoben werden, ist nicht erstaunlich – in diesem Moment zeigt sich ein Interessenskonflikt zwischen ihnen und dem Staat, in den sie illegal eingewandert sind. Da die Absicht dieses Aktes darin bestand, dort zu bleiben, wäre eine entspannte Abschiebeszene geradezu absurd (selbst wenn die Widersprüchlichkeiten im Prozess der Migration weitaus größer sind). Nur – der Kommentar, der in diesem Fall illustriert werden sollte, geht eben weit über die dokumentierte Wirklichkeit hinaus und zielt auf einen emotionalen Effekt, den sie nicht bietet.

Das Problem liegt in dieser Absicht. Und dieses Problem ist im augenblicklichen Zustand der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland geradezu Teil der DNA. Wieviele Fälle wurden mittlerweile bekannt, in denen vermeintliche Straßenumfragen vollkommen inszeniert und die Befragten vorab danach ausgewählt waren, ob sie die gewünschten Aussagen liefern? Wieviele Sendungen wurden mit handverlesenen Claqueuren bestückt?

Nicht umsonst ist das liebste Wort des aktuellen Personals „einordnen“ (das ein anderes Wort mit aufruft, „einnorden“, das wiederum in einen bestimmten Abschnitt der deutschen Vergangenheit führt…). Der Trick, mit dem man die Wirklichkeit stromlinienförmig bekommt. Die Aufgabe lautet nicht, diese Wirklichkeit wahrzunehmen und dann nach bestem Gewissen einzufangen und vielleicht in dem Vorgefundenen einen Sinn zu finden. Die Aufgabe lautet, eine fiktive Wirklichkeit zu schaffen, der die Bilder zu gehorchen haben. Im Grunde ist der Einsatz von KI da nur konsequent; das halbe Programm des ZDF könnte jetzt schon genausogut auf Seedance erstellt sein. Bis hin zum Wetterbericht.

Die Versetzung einer Redaktionsleiterin ändert daran nichts. Weil eine einzelne, noch neue, Technik der Manipulation exorziert wird, aber die vielen anderen, gebräuchlichen Techniken weiter ungehemmt genutzt werden. Und das sind viele. Die allererste? Die Auswahl der Themen.

Die Berichterstattung über den Gaza-Krieg ist da ein einleuchtendes Beispiel. Wieviele Berichte gab es über „deutsche“ Geiseln der Hamas? Wieviele davon erwähnten überhaupt, dass diese deutsche Staatsbürgerschaft nur eine Art propagandistischer Bonus war, also in Abwesenheit verliehen wurde, um genau solche Berichte zu ermöglichen? Und wieviele Berichte gab es über Deutsch-Palästinenser, die diese Staatsbürgerschaft schon hatten, über deren Leid, deren Familien? Oder gar über Deutsch-Palästinenser, die in israelischer Geiselhaft in irgendwelchen Gefängnissen vegetieren, deren israelische Wächter noch bejubelt werden, wenn sie die Gefangenen vergewaltigen?

Der erste und vermutlich folgenreichste Filter ist, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht. Als 2014 der Aufstand im Donbass begann, wurde von Anfang an ohne jede Sympathie darüber berichtet. Das Massaker von Odessa, das als eines der größeren politischen Verbrechen in die europäische Geschichte eingehen wird, wurde gar nicht berichtet, trotz umfassender Videodokumentation. Einzig „Die Anstalt“ durchbrach das Schweigen, vier Monate später…

Dieser Filter ist am schwersten zu entdecken, weil das voraussetzt, die nicht gezeigten Teile der Wirklichkeit zu kennen. Was bezogen auf das eigene Land noch halbwegs funktioniert, aber mit Blick auf das Ausland schnell schwierig wird.

Der nächste Filter liegt selbst beim ganz klassischen Fernsehbericht, ja, schon bei den Wochenschauen in den Kinos, auf der Ebene der Technik. Er bezieht sich ebenso darauf, was gezeigt wird. Der BBC-Skandal ist das Beispiel dafür. Das Verhältnis zwischen Rohmaterial und dem, was letztlich gezeigt wird, kann extrem sein; wenn aus Aufnahmen von einer Stunde fünf Minuten zusammengeschnitten werden, kann auf den übrigen 55 Minuten nichts Wichtiges sein – oder aber Bilder, die dem widersprechen, was gezeigt wird.

Erst dann schlägt das „Einordnen“ zu. Im konkreten Fall, dem kurzen Bericht über das ICE und Abschiebungen in den USA, ist die Kernaussage „Gewalt gegen Kinder“. Das Bedürfnis nach diesem KI-Fragment entstand also daher, dass nicht ein beiläufiger, sondern der zentrale Punkt der vorgetragenen Aussage nicht illustriert werden konnte. Denn die Absicht des gesamten Beitrags war nicht Information, sondern Emotion. Darum war es auch wichtig, genau dieses „Eltern werden vor ihren Kindern getrennt“ mit einem Bild zu unterstreichen, um stärkere Gefühle auszulösen. Ziel war der empörte, nicht der informierte Zuschauer.

Genau das ist es, weshalb das Betrachten der gewöhnlichen Fernsehnachrichten inzwischen geradezu ein Reinigungsbedürfnis auslöst. Man kann das problemlos überprüfen – eine Sendung, gleich, ob Tagesschau oder Heute, und eine Liste, auf der man einträgt, wann immer ungefragt ein Gefühl mitgeliefert wurde. Nachdem die Sendungen im Netz stehen, lässt sich das Sekunde für Sekunde nachvollziehen, Satz für Satz.

Die Behauptung, Kinder würden von ihren Familien getrennt, wird von den Abschiebegegnern in den USA gern vorgetragen. Sie hat sich aber in mehreren Fällen bereits als falsch erwiesen. Wäre der Bericht des ZDF ehrlich, hätte es als Streitpunkt dargestellt werden müssen, und nicht als unbestrittene Wirklichkeit, schon gar nicht als emotional betonter Anlass zur Empörung. Die ganze Geschichte wird auf eine Weise dargeboten, die es maximal erschwert, dazu auf Distanz zu gehen.

Es wäre völlig legitim, wenn gesagt würde: „Gegner sprechen davon, Kinder würden von ihren Familien getrennt. Es erschüttert mich, wenn dem so ist.“ Es wäre ebenso legitim, wenn eine zweite Person, also beispielsweise jemand, der gegen das ICE protestiert, das sagen würde. Aber völlig zu übergehen, dass es sich um einen strittigen Punkt handelt, und die Behauptung als belegte Tatsache darstellen, das wäre selbst dann manipulativ, wenn die Aufnahmen echt wären.

Das ZDF erklärt all diese Fragen in gut altbayrisch-katholischer Weise für erledigt – die Beichte ist abgelegt, die zehn Ave Maria gesprochen, wo ist die Maß? Kritische Beobachter wissen aber, dass es weitaus mehr als die Versetzung einer Korrespondentin bräuchte, um das ZDF auch nur wieder in die Nähe von „hohen journalistischen Standards“ zu bringen. Da allerdings sind die Zustände der Leitmedien auch nur ein Symptom der Zustände des Landes.

Mehr zum Thema – Mit KI manipuliert: ZDF löscht nach Zuschauerkritik Beitrag über US-Einwanderungsbehörde

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