Von Dagmar Henn
Die Ereignisse in Ceuta in den letzten Tagen lieferten Bilder, die nicht nur in Spanien tief sitzende Ängste aktiviert haben dürften – wenn eine Stadt mit gerade einmal 80.000 Einwohnern, von denen ohnehin mindestens ein Drittel marokkanischer Abstammung ist, binnen weniger Tage von fast 50.000 jungen Männern überrannt wird, denkt jeder Beobachter vor allem an Eroberung und Besetzung und nicht an Migration oder Flucht. Tatsächlich ist die Position der spanischen Enklave, die letztlich eine Hinterlassenschaft der einstigen spanischen Kolonialherrschaft über Marokko ist, grundsätzlich fragil. Aktuell könnte sich hinter dem Ansturm auch eine geopolitische Intrige verbergen – Marokko hat sich Israel sehr weit angenähert, und sowohl der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als auch sein Sohn haben öffentlich dazu aufgefordert, die spanischen Enklaven „zurückzuholen“.
Wirklich kritisch wird diese Situation aber durch die vielen verschiedenen Untertöne, die teils weit in die Geschichte zurückreichen und die spanische Gesellschaft durchaus einer Zerreißprobe aussetzen könnten.
Die spanische Migrationspolitik ist eine der liberalsten in Europa, was sich jüngst an den Arbeitsvisa sehen ließ, die im Land anwesende Illegale beantragen konnten. Allerdings muss man ihre Zusammensetzung kennen, um zu verstehen, warum: Von den etwa 6,6 Millionen in Spanien lebenden Ausländern stammen bis zu 40 Prozent aus Lateinamerika. Sie sprechen von vornherein die Sprache und sind mit der Kultur vertraut, und ein relativ großer Teil von ihnen besitzt hohe Qualifikationen. Die werden zwar oft nur sehr zögerlich anerkannt, sodass sie oft weit unter ihren Fähigkeiten arbeiten müssen, aber insgesamt ist der Abstand zur spanischen Bevölkerung gering.
Nur etwa 20 Prozent stammen aus Nordafrika, davon 880.000 aus Marokko. Hier ist die Qualifikation eher niedrig, und viele arbeiten in der Landwirtschaft, insbesondere im Gemüsebau in der Provinz Almería, die wegen der vielen mit Kunststofffolien errichteten Gewächshäuser mittlerweile „Mar de Plástico“, Plastikmeer, genannt wird. Die Arbeits- und Lebensbedingungen dort erinnern sehr an jene der mexikanischen Wanderarbeiter im Kalifornien der 1930er, die John Steinbeck in seinem Roman „Früchte des Zorns“ beschrieben hat. Sie hausen vielfach in Slumhütten unmittelbar neben den Gewächshäusern. Aber die Städter begegnen ihnen kaum.
Die dritte Gruppe der Einwanderer in Spanien ist eine Mischung aus Osteuropäern und westeuropäischen Rentnern. Auch hier ist der Bildungsgrad mittel bis hoch. Einwanderer mit einem niedrigen Bildungsstand und ohne Sprachkenntnisse konzentrieren sich also vor allem in einigen wenigen Regionen, während die weit überwiegende Mehrheit mehr oder weniger überall als leicht integrierbar gesehen würde.
Die bisher im Rahmen der Legalisierungskampagne erteilten Aufenthaltsgenehmigungen gingen übrigens zu zwei Dritteln an Lateinamerikaner, 25,9 Prozent allein an Kolumbianer.
Eine Masseneinwanderung von Marokkanern wäre jedoch für Spanien ein enormes Problem. Nicht nur, weil das Land ohnehin eine Arbeitslosigkeit von mehr als zehn Prozent hat, vor der auch die Hälfte der jungen Spanier, die einen Hochschulabschluss besitzt, nicht sicher ist (9,3 Prozent; ohne Studium liegt sie bei 13,7 und ohne Schulabschluss sogar bei 21,1 Prozent). Nein, es ist die spanische Geschichte, die hier eine Rolle spielt.
Spanien, wie wir es heute kennen, als überwiegend katholisches Land mit einer romanischen Sprache, entstand erst in der Reconquista im 16. Jahrhundert. Zuvor waren große Teile für Jahrhunderte unter maurischer, muslimischer Herrschaft (das Rolandslied kündet von der Grenzziehung zur Zeit Karls des Großen). Die Rückeroberung (das bedeutet Reconquista übersetzt) war dabei ein durchaus zwiespältiges Ereignis – das maurische Spanien besaß nicht nur ein hochentwickeltes Bewässerungssystem, sondern auch Universitäten, die vielfach zum Reimport antiker Texte nach Europa beitrugen, die in Toledo aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt wurden. Die gesamte Entwicklung europäischer Universitäten fußte auf diesen Übersetzungen. Aristoteles, Euklid, Ptolemäus, Galen und Hippokrates wären ohne diese geistige Brücke, die Toledo darstellte, nie zurückgekehrt, und auch Algebra sowie die Null verbreiteten sich auf diesem Weg.
Das Spanien der Reconquista aber entstand als Antipode der Mauren, und diese Tatsache führte nicht nur zu einem ökonomischen Rückschritt, sondern auch zur berüchtigten spanischen Inquisition. Das ähnelte dem, was heute in der Ukraine geschieht: Überall wurden verborgene Mauren oder Juden vermutet, und die intellektuelle Blüte Toledos verwandete sich beim Gegenbild in eine lang anhaltende geistige Ödnis. Das Stichwort hieß damals „Limpieza de Sangre“, Reinheit des Blutes; die spanischen Aristokraten rühmten sich, keinen Tropfen maurischen oder jüdischen Blutes aufzuweisen (was natürlich genetisch eine Fiktion war). Aber weil relativ bald nach dem Ende der Reconquista Lateinamerika entdeckt wurde, gab es gewissermaßen ein Ventil, über das der Druck in Spanien selbst verringert werden konnte, die Kolonien, in denen dann soziale Experimente wie die Jesuitendörfer stattfinden konnten. Übrigens war der Gründer der Jesuiten, Ignacio de Loyola, selbst ein Opfer dieser geistigen Enge; er verließ Spanien und kehrte nie wieder zurück, nachdem er knapp der Inquisition entronnen war.
Trotz des überbordenden Reichtums zu Beginn des 16. Jahrhunderts stürzte Spanien dann, unter anderem, weil das viele importierte Gold eine hohe Inflation auslöste, wirtschaftlich ab und blieb auch in der Phase der Industrialisierung weit hinter Mitteleuropa zurück. Ab 1912 hatte es sich dennoch einen Teil Marokkos als Kolonie gesichert, und die spanische Kolonialherrschaft dort war nicht freundlicher als andere europäische Kolonialherrschaften andernorts. Was dann vor 90 Jahren nach Spanien selbst zurückkehrte – der Putschgeneral Francisco Franco stützte sich vor allem auf die Kolonialtruppen, als er 1936 das Land in einen blutigen Bürgerkrieg und danach in eine jahrzehntelange Diktatur stürzte. Auch die Front dieses Bürgerkriegs ist nie wirklich aus der spanischen Gesellschaft verschwunden.
Das ist einer der Gründe, warum es der aktuellen spanischen Regierung extrem schwerfallen dürfte, die spanischen Exklaven in Marokko, Ceuta und Melilla, militärisch zu verteidigen. Was natürlich alle Beteiligten wissen – und an diesen Orten ideale Möglichkeiten zur Erpressung schaffen. Die Hälfte der marokkanischen Bevölkerung ist unter 30 Jahre alt, und die Arbeitslosigkeit liegt bei Marokkanern unter 24 bei 29,2 Prozent. Junge Männer zu finden, die bereit sind, diese Städte zu stürmen, ist also kein Problem.
Das letzte Mal, als die marokkanische Grenzpolizei größere Mengen ohne Eingreifen auf Ceuta vordringen ließ, war das Problem im Hintergrund die spanische Haltung gegenüber der Westsahara, die Marokko annektiert hatte. Damals gab Spanien nach, und Marokko schloss die Grenze wieder. Aber worum geht es aktuell? Wenn es sich um einen Gefallen an Netanjahu handelt, dürfte ein Kompromiss nicht funktionieren – die spanische Regierung kann es sich innenpolitisch nicht leisten, ihre Position zu Palästina zu revidieren. Geht es um die verbesserten Beziehungen zu Algerien?
Hier geht es im Kern um zwei konkurrierende Pipelineprojekte. Beide beginnen in Nigeria. Das eine, die African Atlantic Gas Pipeline, existiert bereits von Nigeria bis Ghana und soll entlang der afrikanischen Westküste bis nach Marokko verlängert werden, um von dort aus über die Maghreb-Europa-Gasleitung nach Spanien zu führen. Baubeginn soll 2028 sein. Die zweite Pipeline, die Trans-Sahara-Pipeline, soll von Nigeria über Niger quer durch die Sahara nach Algerien führen; auch hier sind Teile bereits fertiggestellt. Nach Europa soll das nigerianische Erdgas dann über Almería in Spanien und über Tunesien nach Sizilien gelangen.
Der entscheidende Punkt sind die Transitgebühren, die die Länder verlangen können, durch die eine derartige Pipeline führt (und die kleinen politischen Nebenerträge, wie man an den vielfachen Erpressungen der Ukraine sehen konnte, als sie noch Transit für russisches Erdgas war). Ob es also Marokko gelingt, Algerien zu verdrängen, ist eine Frage, die langfristig die ökonomische Zukunft beeinflusst. Es gibt also Gründe, die weiter reichen als die Frage der Nähe zu Israel und Netanjahu.
Die spanische Regierung könnte darauf mit einem Rückzug aus Ceuta und Melilla reagieren – wenn da nicht ein weiteres kleines Problem wäre, das Gibraltar heißt. Denn gegenüber der spanischen Exklave liegt eine britische. Und wenn man betrachtet, welche Auseinandersetzungen derzeit um die Engstellen der globalen Schifffahrt geführt werden, und daran denkt, dass auch noch die Straße von Malakka auf dieser Liste steht – wer wollte die Straße von Gibraltar ernsthaft ausgerechnet den Briten überlassen? Oder womöglich einem Verbündeten Israels?
Wenn aber die marokkanischen Eindringlinge perspektivisch nach Spanien geraten, dann könnte die Stimmung bezogen auf Migration vollständig kippen, die vor allem deshalb so vergleichsweise entspannt ist, weil die Lateinamerikaner dominieren. Selbst wenn man völlig übergeht, dass der Oberste Gerichtshof Spaniens Ende Juni die seltsame Entscheidung getroffen hat, dass in den Exklaven zwar Migranten zurückgewiesen werden dürfen, die über Land, aber nicht jene, die über Wasser kommen – in dieser Lage gibt es keine einfache Lösung.
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