Mehr als jeder zweite Deutsche bewertet den Atomausstieg der Bundesrepublik von vor drei Jahren als falsch. Einer aktuellen Umfrage von YouGov und dem Sinus-Institut zufolge bewerten 53 Prozent der Befragten den Atomausstieg als falsch, 40 Prozent halten ihn für richtig. Fast jeder Dritte (32 Prozent) bezeichnete die Abschaltung der letzten Meiler im April 2023 sogar als „voll und ganz falsch“. Das berichtet die Berliner Zeitung am Dienstag.

Die Ablehnung des Ausstiegs bedeutet jedoch nicht automatisch ein Bekenntnis zur Kernenergie. Lediglich 39 Prozent nennen Atomkraft als eine Energiequelle, die Deutschland künftig nutzen sollte. Klar bevorzugt werden die Erneuerbaren: 62 Prozent sprechen sich für Solarenergie aus, 60 Prozent für Windkraft, 50 Prozent für Wasserkraft. Biomasse beziehungsweise Biogas nennen 35 Prozent. Fossile Energieträger landen weit hinten – Erdgas bei 21 Prozent, Kohle und Öl jeweils bei 9 Prozent.

Die Spaltung verläuft auch durch die Regierungsparteien. 62 Prozent der SPD-Wähler halten den Ausstieg für richtig, 32 Prozent für falsch. Bei Anhängern der CDU/CSU ist das Verhältnis umgekehrt: Nur 32 Prozent halten den Ausstieg für richtig, 63 Prozent halten ihn für falsch. Wähler der Grünen (80 Prozent richtig) und der Linken (69 Prozent richtig) stehen klar hinter der Entscheidung, während AfD-Anhänger sie zu 90 Prozent ablehnen.

Hintergrund der Debatte ist ein aktueller Streit in der Koalition: Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) hatte sich vergangene Woche offen für eine Diskussion über die Wiederinbetriebnahme deutscher Kraftwerke gezeigt. Kanzler Friedrich Merz (CDU) sieht darin keinen kurzfristigen Weg zu einer besseren und günstigeren Energieversorgung. Es war allerdings die CDU unter Kanzlerin Angela Merkel, die bereits 2011 den sukzessiven Atomausstieg einläutete.

Anlass der Umfrage war die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vor 40 Jahren. Sie ist im gesellschaftlichen Bewusstsein nach wie vor präsent: 93 Prozent haben davon bereits gehört – konkret können 48 Prozent der Befragten genau erklären, was damals geschehen ist, weitere 45 Prozent erinnern sich zumindest oberflächlich.

Für die Umfrage wurden zwischen dem 13. und 16. März 1944 Menschen ab 18 Jahren online befragt. Die Erhebung ist nach Angaben des Instituts repräsentativ und quotiert nach Alter, Geschlecht, Region, Wahlverhalten, Bildung und politischem Interesse.

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