Von Irina Strelnikowa
Die Arktispolitik der EU gewinnt angesichts des globalen Wettbewerbs, der sowohl durch den Klimawandel als auch durch die strategische Bedeutung der Region angetrieben wird, zunehmend an Bedeutung. Das Schmelzen des arktischen Eises eröffnet neue Seewege, erleichtert den Zugang zu reichhaltigen natürlichen Ressourcen – überhaupt schafft es die Voraussetzungen für umfassende Wirtschaftstätigkeit. Folglich wird die Arktis zum Schauplatz des Wettstreits zwischen den führenden Weltmächten. Auch für Brüssel ist die Arktis nicht nur von regionaler Bedeutung, sondern zudem ein Werkzeug, mit dem die EU ihre außenpolitischen und geopolitischen Ziele umsetzen will.
Die aktuelle Arktispolitik der EU, die im Oktober 2021 verabschiedet wurde, trägt den Titel „Stärkeres Engagement der EU für eine friedliche, nachhaltige und prosperierende Arktis“: Sie konzentriert sich noch auf drei „weiche“ Prioritäten – Klimaschutz und Umweltschutz, nachhaltige Entwicklung sowie Frieden und Zusammenarbeit. Im Wesentlichen wird die Arktis in diesem Dokument als eine Zone mit geringen Spannungen aufgefasst, wobei der Schwerpunkt auf Umwelt und wissenschaftlichem Austausch liegt.
Seit dem Jahr 2021 hat sich die Welt jedoch stark verändert: von der Ukraine-Krise über die Lähmung des Arktischen Rates und Trumps Bestrebungen, Grönland den USA einzuverleiben, bis hin zu chinesischen Containerschiffen auf der Nordostpassage und Angriffen auf Unterseekabel in der Ostsee. Im Januar 2026 erklärte die EU-Außenpolitikbeauftragte Kaja Kallas auf der Arctic-Frontiers-Konferenz im norwegischen Tromsø:
„Es ist Zeit für eine Auffrischung der Arktispolitik der EU, für eine Politik, die den heutigen Gegebenheiten gerecht wird.“
Neue Phase der EU-Arktispolitik nach 2022
Die EU-Arktispolitik steht im Spannungsfeld geopolitischer, wirtschaftlicher und ökologischer Interessen. Brüssel hatte in den letzten Jahren versucht, seine Strategie an die veränderte internationale Politiklandschaft anzupassen, die durch die von Sanktionen geprägte Konfrontation mit Russland, Chinas wachsende (über)regionale Präsenz und die zunehmende Rolle der USA in Sicherheitsfragen geprägt ist: Nicht zuletzt der Ukraine-Konflikt und die zunehmende Militarisierung der Region haben die EU dazu veranlasst, ihre Arktispolitik zu überarbeiten. Die EU müsse demgemäß ihre Arktispolitik so gestalten, dass sie die jetzige normative Agenda mit Fokus auf nachhaltige Entwicklung mit konkreten wirtschaftlichen Interessen und Sicherheitsanforderungen der NATO-Verbündeten in Einklang bringt.
Im Juli 2025 kündigte die Vorsitzende der Europäischen Kommission eine Überarbeitung der EU-Arktisstrategie an, womit sichergestellt werden soll, dass diese den neuen Herausforderungen Rechnung trage. Gleichzeitig verstärkt die EU die Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Rohstoffe sowie Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaften mit mehreren arktischen Nicht-EU-Staaten – insbesondere mit Kanada, Island, Norwegen und dem unter Dänemarks Krone selbstverwalteten Grönland.
Geschichtlich gesehen entwickelte sich die Zusammenarbeit Europas mit den Arktisstaaten entlang dreier Kernlinien: wirtschaftliche Interaktion (in den Bereichen Energie und Energieträger, Verkehrsinfrastruktur und Rohstoffgewinnung), Umweltagenda (Klimawandel, nachhaltige Entwicklung und Erhaltung der biologischen Vielfalt) und wissenschaftliche Forschung (meteorologische und ozeanografische Studien sowie Forschung zum Gletscherschmelzen). Die aktuelle geopolitische Lage hat sich jedoch bereits im Hinblick auf diese Kooperationsbereiche erheblich verändert – insbesondere jedoch im Hinblick auf die Beziehungen zu Russland.
Nach dem Wiederaufflammen des seit den Minsker Abkommen lediglich schwelenden Krieges in der Ukraine im Jahr 2022 schloss sich die EU anderen Mitgliedstaaten des Arktischen Rates und wichtigen gleichgesinnten Partnern bei deren Bestreben an, die Teilnahme Russlands an verschiedenen regionalen Kooperationsgremien zu suspendieren. Konsequenterweise veröffentlichte die EU nachfolgend drei gemeinsame Erklärungen zur gemeinsamen Politik bezüglich der „Nördlichen Dimension“, zum Euro-Arktischen Rat der Barentsregion und zum Ostseerat. Am 12. November 2025 dann verabschiedete das Europäische Parlament eine neue Erklärung zur Arktis, die den Ausbau militärischer Kapazitäten dort thematisiert und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit nordeuropäischen Partnern (einschließlich Norwegen) zur Vorbereitung auf den bevorstehenden geopolitischen Wettbewerb in der Region betont. Diese Erklärung wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen (510 Ja-Stimmen und lediglich 75 Nein-Stimmen sowie 80 Enthaltungen).
Die Erklärung umreißt eine umfassende Strategie für die diplomatische Interaktion der EU bezüglich der Arktis – Aktivitäten, die Bereiche wie Umweltschutz und Sicherheit umfassen, doch auch darüber hinausgehen: Das verabschiedete Dokument signalisiert einen Kurswechsel in der Arktispolitik Brüssels, sieht eine engere Zusammenarbeit mit den Arktisstaaten, insbesondere Norwegen, vor – und unterstreicht die Bedeutung der Region für Europas Energiesicherheit und geopolitische Stabilität.
Zum Schutz europäischer Interessen – darunter die Freiheit der Schifffahrt, der Schutz der maritimen Infrastruktur und die Umweltsicherheit – fordert das Europäische Parlament eine aktive Zusammenarbeit mit der NATO, gemeinsame Übungen und schließlich koordinierte Überwachungs- und Verteidigungsmaßnahmen.
Darüber hinaus fördert das Europäische Parlament den Aufbau einer multilateralen Verwaltung der Arktis durch den Arktischen Rat und regionale Gremien. Dies umfasst die Förderung der Bemühungen um einen ständigen Beobachterstatus für die EU in besagten Gremien, die Zusammenarbeit mit arktischen Institutionen (wie dem Arktischen Wirtschaftsrat) und den Ausbau der EU-Präsenz in der Region (beispielsweise durch das kürzlich eröffnete EU-Büro im grönländischen Nuuk).
Die Erklärung bekräftigt zudem den Status der Arktis als Region von strategischer Bedeutung für die EU – vor allem angesichts ihrer direkten Auswirkungen auf die europäische Sicherheit – und postuliert, dass die EU das Konzept des „arktischen Sonderstatus“ verwerfen und die Prioritäten einer Kontrolle über den Hohen Norden in ihre umfassenderen außen-, sicherheits- und energiepolitischen Strategien integrieren müsse.
Mit der Annahme dieser Erklärung hat das EU-Parlament signalisiert, dass man die Arktis nicht mehr als abgelegenen Außenposten betrachte – sondern als Grenzgebiet von strategischer Wichtigkeit, eine Grenzregion, die für Europas Energieversorgung, Sicherheit, ökologische Nachhaltigkeit und sogar digitale Infrastruktur von entscheidender Bedeutung sei.
Der nächste Schritt besteht darin, diese Erklärung ohne rechtliche Bindungskraft in die aktualisierte Arktispolitik der EU zu integrieren. Ein Schritt in diese Richtung wurde auf dem EU-Arktisgipfel am 13. und 14. September 2026 in Rovaniemi, der Hauptstadt Finnisch-Lapplands, unternommen.
Wichtigste Ergebnisse und Beschlüsse des EU-Arktisgipfels
Zu den Teilnehmern des Gipfels gehörten: Bundeskanzler Friedrich Merz, der finnische Ministerpräsident Petteri Orpo, die EU-Beauftragte für Außen- und Sicherheitspolitik Kaja Kallas, der Präsident des Europäischen Rates António Costa, die Regierungschefs von Dänemark, Estland, Lettland, Litauen und Rumänien sowie Vertreter Frankreichs, Griechenlands, der Niederlande, Polens und Schwedens.
Das Hauptziel des auf Initiative des finnischen Ministerpräsidenten einberufenen Treffens war es, eine gemeinsame EU-Strategie für die Arktis zu formulieren – für eine Region, die für die europäische Sicherheit von entscheidender Bedeutung geworden ist.
Im Anschluss an den EU-Arktisgipfel wurde ein gemeinsames Kommuniqué verabschiedet, das den Weg zu einer aktualisierten EU-Arktisstrategie skizziert, die im Oktober 2026 vorgestellt werden soll. Zu den wichtigsten Punkten des Dokuments gehören:
1) Verabschiedung einer neuen Arktisstrategie. Kaja Kallas kündigte an, eine aktualisierte Arktisstrategie solle ausgearbeitet und im Oktober vorgestellt werden. Sicherheit steht im Mittelpunkt dieser Strategie. Kallas zufolge zwinge Russland mit seinen zunehmenden militärischen Aktivitäten und China mit seinen strategischen Investitionen in der Arktis die EU zu einem Umdenken hin zur kollektiven Verteidigung. Die Gipfelteilnehmer ermutigten die EU, eine aktivere strategische Präsenz in der Region aufrechtzuerhalten.
EU-Ratspräsident António Costa erklärte, dass eine Erhöhung der Militärausgaben in der Arktis in den nächsten langfristigen EU-Haushalt einfließen werde.
2) Eine einheitliche EU-Eisbrecherflotte. Das Konzept, gemeinsam als EU eine Eisbrecherflotte zu besitzen, fand ebenfalls Eingang in das verabschiedete Kommuniqué. Kallas sprach angesichts des Klimawandels und der geopolitischen Lage von einer Notwendigkeit, eine solche Flotte aufzustellen. Finnland schlug vor, die Schiffe auf seinen eigenen Werften zu bauen, um seine Expertise in diesem Bereich zu nutzen und Erfahrungen auszutauschen.
3) Investitionen in grenzüberschreitende Infrastruktur. Die Teilnehmer betonten die Notwendigkeit, Infrastruktur zu entwickeln, die zivilen Zwecken dient (etwa der Versorgung abgelegener Siedlungen) und zugleich eine schnelle Truppenverlegung ermöglicht. Die Staats- und Regierungschefs forderten verstärkte Investitionen in militärische Mobilität, grenzüberschreitende Transportverbindungen, andere Einrichtungen im Norden sowie Satelliteninfrastruktur zur Kommunikations- und Aufklärungsabdeckung der Region.
Das Augenmerk der Diskussion lag darauf, Mittel für Straßen-, Schienen- und Brückenbau in Finnland, Schweden und Norwegen zu gewährleisten – um sicherzustellen, dass diese dem Gewicht schwerer NATO-Panzerfahrzeuge bei extremer Kälte standhalten –, sowie Tiefseehäfen im Norden Norwegens zu modernisieren und Treib- und Schmierstofflager entlang der Barentsseeküste einzurichten. Teilnehmer des Gipfels unterstützten auch den Ausbau der europäischen Satellitenkonstellation zur Erleichterung der Navigation und der maritimen Überwachung in der Region.
4) Prioritätenausgleich. Die Erklärung hob hervor, dass trotz des starken Fokus auf Sicherheit auch Themen wie Klimaschutz, nachhaltige Entwicklung und friedliche Zusammenarbeit weiterhin zu den Prioritäten der EU-Arktisstrategie gehören. Besondere Bedeutung wurde der Situation indigener Völker und der Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften bei der Entwicklung der Region beigemessen.
5) Hybride Bedrohungen. Der finnische Vertreter Petteri Orpo merkte an, dass der Klimawandel zwar neue Schifffahrtsrouten eröffne, die Region aber gleichzeitig anfällig für „hybride Einflüsse“ mache. Das Dokument unterstrich die „Notwendigkeit, die Kapazitäten zur Bewältigung solcher Herausforderungen zu stärken“.
Insgesamt markierte der Gipfel in Rovaniemi einen grundlegenden Wandel im Umgang der europäischen Staats- und Regierungschefs mit den nördlichen Gebieten: Die Arktis wird – allen Bekräftigungen zum Beibehalten der alten Linie neben der neuen zum Trotz – nicht länger als Naturschutzgebiet betrachtet, sondern offiziell als Frontlinie im geopolitischen Konflikt anerkannt.
Darüber hinaus wird die Arktis nicht mehr als isolierte Region diskutiert, sondern in den sogenannten „nordöstlichen Bogen“ der europäischen Sicherheitspolitik integriert.
Insgesamt stellt die bevorstehende Aktualisierung der Arktispolitik der EU den Versuch dar, die Arktis von einem bloßen „Umweltproblem“ zu einem integralen Bestandteil der europäischen Strategie für Sicherheit, Wirtschaft und technologische Autonomie zu machen.
Übersetzt aus dem Englischen.
Irina Strelnikowa ist Leiterin des Zentrums für interdisziplinäre Arktik-Studien an der Nationalen Forschungsuniversität für Wirtschaft in Moskau.
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