Am Donnerstag dieser Woche beschloss die Mehrheit im Gelsenkirchener Stadtrat, dass Norbert Emmerich von der AfD, bis dato amtierender 2. Bürgermeister, sein Amt nicht länger ausüben darf. Die Abwahl erfolgte auf Antrag einer Viererkoalition aus CDU, SPD, FDP und Grünen. Ausschlaggebender Grund war ein Video, das die AfD-Landtagsabgeordnete Enxhi Seli-Zacharias aus Gelsenkirchen auf ihrem Instagram-Kanal gepostet hatte. An den „skandalösen“ Aufnahmen war auch Emmerich beteiligt – im Rahmen einer kritisierten Putzaktion in einem mehrheitlich von Sinti und Roma bewohnten Bezirk. 

Nach wochenlangen Beratungen der politischen Konkurrenz erfolgte am Donnerstag dieser Woche der finale Beschluss im Gelsenkirchener Stadtrat, den AfD-Politiker Norbert Emmerich als zweiten Bürgermeister mit sofortiger Wirkung abzuwählen. Das Ergebnis erfolgte mit 47 zu 18 Stimmen.

Dazu erklärte Hannah Huesmann Trulsen, seit Januar des Vorjahres Interims-Landesvorsitzende der NRWSPDqueer, auf Instagram:

„Wir haben ihn abgewählt mit einer großen Mehrheit, dass heute auch zwei Drittel dieses Rates gesagt haben, du repräsentierst nicht unsere Stadt. Videos zu machen, wo man migrantische Menschen zum Putzen auffordert und damit auch herabwürdigt, gehen einfach nicht und sind eines Bürgermeisters unwürdig.“

Die Stadtratsabgeordneten, wie auch Vertreter aus sozialen Verbänden und Kirchen in Gelsenkirchen, zeigten sich nach Bekanntwerden des AfD-Videos „entsetzt“.

Der WDR berichtete Anfang Juni zu den sich dynamisierenden Ereignissen:

„Die AfD filmt [siehe am Ende des Artikels], wie sie Migranten in Gelsenkirchen die Straße putzen lässt. Ein Pfarrer schlägt Alarm. Mittlerweile hat das Landesnetzwerk der Sinti und Roma gegen Antiziganismus in NRW e.V. Strafanzeige wegen möglicher Volksverhetzung erstattet.“ 

Karim Fereidooni, Rassismusforscher an der Ruhr-Universität Bochum, wurde vom ÖRR-Sender mit den Worten zitiert:

„Die öffentliche Demütigung gab es schon mal. Von 1933 bis 1945 wurden etwa Sinti und Roma oder Juden auch gezwungen, vor der Haustür zu kehren und dann wurden sie deportiert. Die Botschaft lautet: ‚Ihr seid nirgendwo sicher.'“

Medien hatten im September des Vorjahres ausführlich über den Kommunalwahlkampf in Gelsenkirchen berichtet. Ückendorf wurde darin als Stadtteil beschrieben, in dem Themen wie „Armutsmigration, Schrottimmobilien, Vermüllung, Sicherheitsprobleme und Integrationsfragen“ eine große Rolle in der Wahrnehmung der Bürger spielten. Ein WeltArtikel erläuterte zugleich, wie diese Themen von der AfD im Wahlkampf aufgegriffen wurden, um zu titeln:

„Uns wählen hier Migranten, die keine Lust mehr haben auf diese katastrophalen Zustände.“

Ebenfalls 2025 erschien eine Analyse zur Kommunalwahl, in der Gelsenkirchen neben Duisburg als Beispiel für Städte mit erheblichen sozialen Herausforderungen genannt wurde. Als Ursachen wurden auch hier unter anderem der Strukturwandel, Armut, Wohnungsprobleme sowie Konflikte rund um Migration und Integration analysiert.

Die Stadt Gelsenkirchen selbst verwies bereits 2024/2025 auf Maßnahmen gegen sogenannte „Armutsmigration aus Südosteuropa“. Dazu gehören als politische Reaktion die Einsetzung von sogenannten „Interventionsteams gegen Schrottimmobilien, Sozialleistungsmissbrauch und ausbeuterische Vermietungsstrukturen“. So heißt es, dass die Stadt bereits seit „über zehn Jahren gegen mafiöse Strukturen“ kämpfe. Die Maßnahmen bildeten wiederum im Vorjahr den Hintergrund vieler Medienberichte.

„Wer in fragwürdigen bis diffamierenden Videos auftritt, ist für das Amt des Bürgermeisters nicht geeignet“, so der CDU-Fraktionsvorsitzende Sascha Kurth am Tag der Abwahl von Emmerich. „Gelsenkirchen darf nicht blau werden“ lautete die SPD-Losung im Wahljahr 2025. Die AfD stellt aktuell im Stadtrat von Gelsenkirchen 20 Ratsmitglieder. Demgegenüber stehen die SPD mit ebenfalls 20, die CDU mit 12 sowie Grüne und Die Linke mit je drei Sitzen. Hinzu kommen noch weitere Kleinstparteien.

Im Dezember 2025 waren nach der Wahl drei Ratsmitglieder bei der auf Antrag der AfD geheim abgelaufenen Abstimmung von den Empfehlungen ihrer Fraktionen abgewichen und hatten für den AfD-Politiker statt für den CDU-Kandidaten gestimmt, womit es zur Wahl von Emmerich als zweiten Bürgermeister kam.

Gegenüber dem WDR erklärte der seines Amtes enthobene Emmerich in einem kurzen Statement lediglich:

„Wir sind in einer Demokratie und da zählt immer die Mehrheit. Und die Mehrheit hat mich heute abgewählt, und dann ist das halt so.“

Er würde das Video „nicht bereuen“. „Das ist ein großer Tag für Gelsenkirchen, dass wir diesen Fehler wieder beheben konnten“, so Dominic Schneider, der Fraktionsvorsitzende der SPD in Gelsenkirchen.

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