Von Stanislaw Leschtschenko

„Für einen beträchtlichen Teil der Balten sind die Zeiten vorbei, als das Heizen noch erschwinglich war. Stattdessen ist die Heizung ein Kostenfaktor geworden, der die Deckung der übrigen Grundbedürfnisse gefährdet.“

Mit diesen Worten beschreiben Politikwissenschaftler die finanzielle Belastung, die mit dem Beginn der Heizsaison über die Menschen in Lettland, Litauen und Estland hereinbricht. Viele von ihnen werden bald mit horrenden Heizkostenabrechnungen konfrontiert werden.

Der nahende Winter versetzt die Bevölkerung der baltischen Staaten einmal mehr in Aufruhr: Die Menschen bereiten sich darauf vor, exorbitant hohe Nebenkostenabrechnungen zu erhalten. Aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Winter, wissen die Bewohner nur allzu gut, was in den kommenden Monaten auf sie zukommt. Edward Rebane, Leiter des Privatkundengeschäfts im Baltikum bei der lettischen Bank Citadele, erklärt:

„Die beginnende Heizsaison veranlasst die Menschen dazu, frühzeitig ans Sparen zu denken. Voller Sorge blicken sie dem Januar entgegen, der meistens der kostenintensivste Monat des Winters ist. Wenn in diesem Zeitraum gleichzeitig Heiz- und Stromrechnungen anfallen, Ausgaben für Winterkleidung, Gesundheitskosten, Autoreparaturen und möglicherweise geänderte Kreditraten hinzukommen, kann das Haushaltsbudget schnell an seine Grenzen stoßen.“

Er empfiehlt dringend, zu Beginn der Heizsaison über ein finanzielles Sicherheitspolster zu verfügen, bestenfalls in einer Höhe, die mindestens mehreren hohen Nebenkostenabrechnungen entspricht.

In einer eigens von der Citadele-Bank durchgeführten Umfrage wurden Bürger aus den drei baltischen Ländern gefragt, wie einfach bzw. schwer es für sie sein werde, die Heizkosten der kommenden Monate zu stemmen. Die Umfrage ergab, dass nur jeweils 26 Prozent der Esten, 28 Prozent der Letten und 35 Prozent der Litauer der Meinung waren, ihre kommenden Heizrechnungen problemlos begleichen zu können. Dies bedeutet im Endeffekt, dass die restliche Bevölkerung dieser Länder, also die überwiegende Mehrheit, sich gezwungen sehen wird, an anderer Stelle zu sparen, um es im Winter warm zu haben.

Die Ergebnisse waren durchaus vorhersehbar. Nach Angaben, die das Estnische Statistikamt im September veröffentlichte, sind die Wohnnebenkosten innerhalb eines Jahres um 7,4 Prozent gestiegen. Strom verteuerte sich in diesem Zeitraum um 6,1 Prozent, Gas um 44,5 Prozent und Brennholz um 10,6 Prozent. Neben den Heizkosten belasten auch Zahlungen für Baudarlehen und Leasingverträge das Budget vieler Familien.

Raul Kotov, Vorstandsmitglied des estnischen Energieunternehmens Elenger Grupp, warnt unterdessen davor, dass die Kosten für Gasheizungen im Winter um 50 bis 60 Prozent steigen könnten. Als Hauptgrund nennt er die angespannte Lage in der Straße von Hormus und die Konkurrenz um Gaslieferungen zwischen Estland und anderen Ländern. Vieles hängt von der kalten Jahreszeit selbst ab – davon, ob dem Baltikum ein strenger oder ein milder Winter bevorsteht.

Estland bezieht sein Gas derzeit hauptsächlich aus dem Gasspeicher Inčukalns im benachbarten Lettland. Dieser Speicher ist jedoch nur zu 50 Prozent gefüllt. Auch Liis Elmik, Senior Economist bei der estnischen Niederlassung der Swedbank, bestätigt, dass den Prognosen ihrer Bank zufolge der Gaspreis in den kommenden Monaten weiter steigen wird. In der EU setzt man derzeit darauf, dass die USA und Israel doch noch eine Einigung mit dem Iran erzielen und sich die Lieferungen durch die Straße von Hormus wieder normalisieren. Der Preis wird aktuell jedoch auch von anderen Faktoren beeinflusst: dem Füllstand der Gasspeicher in den EU-Ländern, dem Wetter, der Nachfrage nach Flüssigerdgas (LNG) in Asien sowie dem Fördervolumen in anderen Ländern.

Eine ähnlich nervöse Erwartungshaltung herrscht auch in Lettland vor. Es war daher wohl kaum Zufall, dass eine lettische Zeitung mit dieser schonungslosen Überschrift die Situation auf den Punkt brachte:

„Zuerst die Rechnungen begleichen – gegessen wird später!“

Dieser eine Satz spiegelt deutlich wider, mit welchem finanziellen Dilemma viele Familien vor dem kommenden Winter konfrontiert werden.

27 Prozent der befragten Letten rechnen damit, dass ihr Familienbudget in den Wintermonaten sehr stark belastet wird. Vor einem Jahr lag dieser Anteil noch bei 23 Prozent. Um die Heizkosten zu decken, sind die Menschen am ehesten bereit, auf Unterhaltung, Kulturangebote und andere nicht unbedingt notwendige Ausgaben zu verzichten. Laut Kārlis Purgailis, Chefökonom der Bank Citadele, ist es besonders besorgniserregend, dass manche Haushalte gezwungen sind, an allen Ecken und Enden zu sparen – nicht nur bei Freizeitaktivitäten, sondern bei Dingen des täglichen Bedarfs, sogar bei Lebensmitteln.

In einer besonders misslichen Lage befinden sich Eigentümer großer Wohnungen und Häuser. Nach Schätzungen des lettischen Ministeriums für Klima und Energie könnten die Kosten für eine 35 Quadratmeter große Wohnung um etwa 2 bis 10 Euro pro Monat steigen. Eigentümer eines Einfamilienhauses mit einer Fläche von 100 Quadratmetern müssen, je nach Heizungstyp, mit einem monatlichen Mehrkostenaufwand von etwa 20 bis 40 Euro rechnen.

Viele würden unter solchen Bedingungen schlichtweg nicht überleben. Für einkommensschwache Menschen sind die kommunalen Heizkostenzuschüsse die einzige Rettung.

Prognosen zufolge wird die durchschnittliche monatliche Zahl der Sozialhilfeempfänger um 2.232 Personen auf 37.610 ansteigen. Die durchschnittliche Höhe der Unterstützung pro Person könnte von 149,19 Euro auf 174,11 Euro monatlich anwachsen. Zur Deckung eines Teils der zusätzlichen Ausgaben ist für die Kommunen eine zweckgebundene staatliche Zuwendung vorgesehen.

In Riga liegt der Wärmetarif derzeit bei 80,96 Euro pro MWh. Ab Dezember wird er allerdings rapide um 20 bis 30 Prozent ansteigen. Nach Angaben des städtischen Fernwärmeversorgers ist Erdgas auf dem Markt – im Vergleich zu den Preisen, nach denen der aktuelle Tarif berechnet wurde – um ganze 142 Prozent teurer geworden. Der Preisanstieg bei Biokraftstoffen beträgt 43 Prozent. Zwar konnte das Unternehmen Erdgas noch zu einem günstigeren Preis beschaffen, als er aktuell am Markt verlangt wird: im Durchschnitt 46 Euro pro MWh. Auch wurden bereits 73 Prozent der für die Heizsaison benötigten Menge eingelagert. Dennoch führen die Fernwärmebetreiber die hohen Gaskosten als Hauptgrund für den Preisanstieg an.

Die Stromkosten klettern ebenfalls weiter in die Höhe: Nach offiziellen Angaben war Strom im August 2026 3,2 Prozent teurer als im Vorjahr.

In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Holzpellets in Lettland stark gestiegen. Dies hat dazu geführt, dass große Pelletproduzenten zeitweise keine neuen Bestellungen mehr annahmen, obwohl die Gesamtkapazität der lettischen Betriebe bei rund 1,8 Millionen Tonnen Pellets pro Jahr liegt. Laut Didzis Palejs, einem Experten auf diesem Gebiet, liegt das Problem nicht an einem Mangel an Rohstoffen oder Produktionskapazitäten, sondern daran, dass viele Käufer gleichzeitig versuchen, sich einen Vorrat für die gesamte Heizsaison zu sichern. Palejs erklärt:

„Selbst bei einer Gesamtkapazität von zwei Millionen Tonnen wären die Betriebe einfach nicht in der Lage, in einem einzigen Monat die für ein ganzes Jahr benötigte Menge zu produzieren.“

Die größte Sorge der Käufer besteht derzeit darin, dass sie auf die Ausführung ihrer Bestellungen warten müssen. Spekulanten machen sich die aktuelle Lage zunutze und versuchen aktiv, die Produkte direkt beim Hersteller zu erwerben, um sie dann angesichts des herrschenden Ansturms auf Holzpellets zu einem höheren Preis weiterzuverkaufen. Die Käufer werden dazu aufgerufen, keine übermäßigen Vorräte anzulegen, um einen weiteren Preisanstieg zu verhindern.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch in Litauen ab. Dort prognostiziert der Staatliche Rat für Energieregulierung (VERT), dass Fernwärme in der kommenden Heizsaison etwa 13 bis 25 Prozent teurer sein wird als im Vorjahr.

Laut Marius Taparauskas, einem Mitglied der litauischen Energieregulierungsbehörde VERT, hängt vieles von der Qualität des Wohnraums ab.

„Eigentümer neuer hochwertiger Wohnungen zahlten in der vergangenen Heizsaison, trotz der extremen Kältewelle im Januar und Februar, im Durchschnitt etwa 60 bis 80 Euro für die gesamte Heizperiode. Diese Angaben beziehen sich auf eine Standardwohnung von 60 Quadratmetern.

Bei Gebäuden der mittleren Kategorie, also bei älteren sanierten Gebäuden, lagen die Rechnungen bei etwa 150 Euro. Bei Gebäuden der untersten Kategorie konnten die Rechnungen hingegen bis zu 200 Euro betragen.

Hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass die sozial schwächsten Bewohner, für die die Heizkosten die ungemein größte finanzielle Bürde darstellen, genau in diese dritte Kategorie fallen. Für sie ist dieser Preisanstieg besonders schmerzhaft.“

Die Schlussfolgerung scheint auf der Hand zu liegen: Die Gebäude müssen saniert werden, damit sie die Wärme besser speichern und energieeffizienter werden können. Doch genau hier liegt das Problem: Viele Bewohner in Litauen weigern sich, einen finanziellen Beitrag zur energetischen Sanierung zu leisten. Stattdessen wollen sie dieses Geld sparen, um sich in den Wintermonaten die Heizkosten leisten zu können. Es entsteht ein Teufelskreis, den die Behörden nun mit sogenannten „kleinen Sanierungen“ durchbrechen wollen. Für diese ist es nämlich leichter, die nötige Zustimmung zu erhalten. „Eine kleine Sanierung kommt dann infrage, wenn die Bewohner einem umfassenden Sanierungsprojekt zwar nicht zustimmen, wohl aber der Erneuerung der zentralen Wärmeübergabestation. Das bringt bereits einen beachtlichen Effizienzgewinn, deckt aber nicht das gesamte Gebäude ab“, erklärt der litauische Wirtschaftsminister Lukas Savickas.

Laut dem Politikwissenschaftler Maxim Rewa ist Energiearmut für das Baltikum zu einem systemischen Problem geworden.

„Für einen beträchtlichen Teil der Balten sind die Zeiten vorbei, als das Heizen noch erschwinglich war. Stattdessen ist die Heizung ein Kostenfaktor geworden, der die Deckung der übrigen Grundbedürfnisse gefährdet.“

Die Situation verschärft sich dadurch, dass Sparmaßnahmen zunehmend nicht mehr nur den Freizeitbereich betreffen, sondern auch Lebensmittel und Medikamente. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die finanziellen Rücklagen der Haushalte aufgebraucht sind.“

Am stärksten betroffen sind besonders sozial schwache Gruppen: Senioren, Bewohner baufälliger Gebäude sowie Einwohner armer Regionen, wie z.B. Lettgallen. Die kommunalen Haushalte geraten zunehmend unter Druck. Die steigende Zahl der Empfänger von Heizkostenzuschüssen sowie die Erhöhung der Zuschussbeträge erfordern zusätzliche staatliche Subventionen. Vor diesem Hintergrund wirkt das Prahlen der lokalen Behörden, man habe eine ‚Energieunabhängigkeit von Moskau‘ erreicht, wie reiner Hohn.“

Laut dem Experten war der Preis dieser „Unabhängigkeit“ eine massive Verarmung, eine Verschärfung regionaler Ungleichheiten und ein Anstieg sozialer Spannungen. Rewa resümiert:

„Diese Folgen sind langfristiger Natur, da sie nicht auf vorübergehende Marktschwankungen zurückzuführen sind, sondern auf eine grundlegende Veränderung des Energieversorgungsmodells der Region.“

Das bedeutet unweigerlich, dass im kommenden Jahr die Zahl der Menschen im Baltikum, die mit Angst ihren Heizkostenrechnungen entgegenblicken, weiter zunehmen wird.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 19. September 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Stanislaw Leschtschenko ist Analyst bei der Zeitung Wsgljad.

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