Einst war der Weinbau im zaristischen Russland so weit fortgeschritten gewesen, dass russische Technologien in die ganze Welt exportiert worden waren. Später gab es eine solche Blütezeit nicht mehr, und der sowjetische Weinbau holte gegenüber dem europäischen jahrzehntelang nicht mehr auf. Einen tödlichen Schlag versetzte ihm schließlich die Antialkoholkampagne unter Michail Gorbatschow – damals wurden die wertvollsten Weinberge im Kaukasus und auf der Krim gerodet, die sich danach jahrzehntelang nicht mehr erholen konnten. Nach Beginn der 2000er-Jahre wurde beschlossen, den russischen Weinbau wiederzubeleben, der praktisch verschwunden war. Und den Ergebnissen des Weinbau-Forums in der Weinstadt Bely Mys in Gelendschik nach zu urteilen, ist dies gelungen. Den auf dem Forum vorgestellten Daten zufolge wird die Rebfläche im Land in diesem Jahr auf 116.000 Hektar ansteigen – das ist der höchste Wert seit 20 Jahren. Dabei war es nicht einfach, solche Zahlen zu erreichen – die russischen Winzer hatten mit klimatischen Schwankungen sowie logistischen und infrastrukturellen Einschränkungen zu kämpfen.
Die führenden Weinbaugebiete sind nach wie vor – wie schon in der vorrevolutionären Zeit – die südlichen Regionen des Landes: das Gebiet Krasnodar, der Kaukasus und die Krim. Die Zeitung Iswestija schreibt:
„Das Gebiet Krasnodar bleibt die führende Weinbauregion des Landes. Auf sie entfallen etwa 46 Prozent der russischen Produktion; hier befinden sich 110 Weingüter mit einer Rebfläche von rund 35.000 Hektar, wie der Gouverneur des Gebiets Weniamin Kondratjew mitteilte. Gleichzeitig entwickeln sich die Weingüter auf der Krim, in Dagestan, im Gebiet Rostow und in anderen Gebieten jedoch zügig weiter. Dabei gewinnen neben den großen Betrieben zunehmend auch kleine, eigenständige Weinbaubetriebe an Bedeutung, die Weine mit ausgeprägten regionalen Besonderheiten herstellen.„
Bei der Wiederbelebung des Weinbaus spielten gleich mehrere Faktoren eine Rolle. Erstens die Enthusiasten, die bereit waren, Kraft und Geld in einen Wirtschaftszweig zu investieren, der anfangs unrentabel war. Zweitens einerseits die Sanktionen und verschiedenen Beschränkungen, die von ausländischen Staaten verhängt wurden, andererseits die erhöhten Steuern auf ausländische Weinprodukte. Und schließlich führte auch die Einführung staatlicher Fördermaßnahmen zu einem sprunghaften Aufschwung des Weinbaus. In den letzten Jahren erhalten Weinbaubetriebe vergünstigte Kredite und Leasingangebote, Kostenerstattungen sowie attraktive Agrarversicherungen, die es ermöglichen, Verluste bei Ernteausfällen zu decken. Ein eigenständiges föderales Projekt sieht zudem Subventionen für die Anlage und Pflege von Weinbergen vor. So sind beispielsweise für dieses Jahr drei Milliarden Rubel (ca. 32,6 Millionen Euro) im Haushalt für diese Zwecke vorgesehen.
In den letzten Jahren haben sich Wissenschaftler den Weinbauern angeschlossen – insbesondere das berühmte Kurtschatow-Institut. Dort wurde ein ganzer Forschungszweig ins Leben gerufen, der Genetik, Biotechnologie, Mikrobiologie, Chemie und die Erforschung der Boden- und Klimabedingungen im Weinbau vereint. Und während früher alles, was für die Weinherstellung benötigt wurde – bis hin zu Hefen –, importiert werden musste, ist es nun gelungen, sich selbst zu versorgen, da der Institut eine eigene Hefe- und Bakterienkulturbank wiederhergestellt hat. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt des Instituts sind die sorgfältige Erforschung und der Aufbau einer Sammlung der in Russland angebauten Rebsorten. Heute umfasst diese mehr als tausend Sorten, darunter über 130 autochthone – also lokale Sorten, die sich unter bestimmten natürlichen Bedingungen entwickelt haben. Darunter befinden sich Krasnostop Solotowski, Zimljanski Schwarz, Kokur Weiß und andere. Wenn man bedenkt, dass vor 20 Jahren in Russland fast ausschließlich ausländischer Wein in den Regalen stand, ist dies ein Durchbruch.
Deshalb reisen immer mehr „Weintouristen“ nach Krasnodar, in den Kaukasus und auf die Krim, immer mehr russische Weinsortimente erhalten internationale Auszeichnungen, und in russischen Restaurants finden regelmäßig Themenfestivals statt, bei denen die Besucher gerne einheimische Weine verkosten. Zu Beginn der 2000er-Jahre war das noch einfach undenkbar.
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