Am Montag rutschte der Euro unter 1,12 Dollar auf den niedrigsten Stand seit 17 Monaten und verlor zugleich gegenüber dem Pfund Sterling, dem Schweizer Franken und dem Yen. Dies ist der Nachrichtenagentur Reuters zufolge das jüngste Warnsignal für Politik und Notenbanken: Die stark gestiegenen Kreditkosten Frankreichs beginnen, auf den gesamten Euroraum überzugreifen.
Ausgangspunkt ist der Nachrichtenagentur zufolge Frankreich. Die Regierung will einen unpopulären Haushalt für 2027 durchsetzen, um das Defizit zu senken und die Rekordverschuldung einzudämmen. Das ist in einem tief gespaltenen Parlament eine schwierige Aufgabe, zumal sich die politischen Lager schon auf die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr einstellen.
Anleger scheuen das Risiko: Sie verkaufen französische Anleihen und kaufen stattdessen deutsche Staatspapiere. Der Renditeaufschlag französischer gegenüber deutschen Staatsanleihen ist deshalb so hoch wie zuletzt während der Euro-Schuldenkrise 2010 bis 2012. Der Abstand zwischen den Renditen zehnjähriger Anleihen beider Länder wuchs in der vergangenen Woche so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Der Abverkauf beschränkt sich nicht auf Frankreich. Die Differenz zwischen italienischen und deutschen Renditen stieg laut Reuters auf fast 130 Basispunkte, den größten Wochenanstieg seit der Corona-Krise. Nach Einschätzung von Kit Juckes, Chef-Devisenstratege der französischen Großbank Société Générale, löst der Ausverkauf am Anleihemarkt stärkere Ausschläge bei allem aus, was in irgendeiner Weise als anfälliger gilt. Daraus hat sich eine Verkaufswelle beim Euro entwickelt, die an Fahrt gewinnt. Die Faktoren, die den Euro im Sommer über wichtigen Marken zum Dollar gehalten hatten, seien inzwischen weggefallen, so Juckes.
Deshalb fürchten die Devisenmärkte ein Übergreifen der Anleiheturbulenzen auf den Euro. Renditeabstände beeinflussen den Wechselkurs normalerweise kaum, erklärten Analysten von Goldman Sachs. In akuten Stressphasen könne der Effekt jedoch deutlich zunehmen, vor allem wenn ein Risikoereignis die deutschen Renditen drücke, während sie im übrigen Euroraum stiegen.
So war es in der vergangenen Woche: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sank um fast 17 Basispunkte, so stark wie seit 2024 nicht mehr innerhalb einer Woche. Die Devisenstrategen der Bank of America schätzen, dass jede weitere Ausweitung des Abstands zu Deutschland um 10 Basispunkte mit einem Rückgang des Euro gegenüber dem Dollar um 0,4 Prozent einhergeht.
Hinzu kommt politische Unsicherheit andernorts im Währungsraum. Die Partei von Bundeskanzler Friedrich Merz erlitt im vergangenen Monat eine historische Niederlage bei Landtagswahlen. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez setzte am Montag für den 29. November Neuwahlen an, und auch Italien wählt im kommenden Jahr. Die Inflation nimmt aufgrund der stark gestiegenen Energiepreise ohnehin zu, und höhere Renditen verteuern Kredite für Haushalte und Unternehmen. Schwächelt der Euro weiter, könnte die EZB zwischen der Inflationsbekämpfung und der Beruhigung der Anleihemärkte in die Zwickmühle geraten.
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