Brüssel hat die EU-Mitgliedstaaten vor einer angespannten Lage auf den europäischen Energiemärkten gewarnt. Energiekommissar Dan Jørgensen forderte die Regierungen der EU-Staaten auf, den Gas- und Stromverbrauch weiter zu begrenzen. Hintergrund sind ungewöhnlich niedrige Gasspeicherstände, hohe Preise und die zunehmende Konkurrenz um Flüssigerdgas (LNG) auf dem Weltmarkt. Eine unmittelbare Gefahr für die Versorgungssicherheit bestehe derzeit zwar nicht, beschwichtigt Jørgensen, die Kombination aus Preis- und Angebotsdruck könne sich mit Beginn der Heizperiode jedoch verschärfen.

Nach Angaben von Euronews sind die europäischen Gasspeicher derzeit zu rund 70 Prozent gefüllt – etwa zwölf Prozentpunkte weniger als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. In Deutschland liegt der Füllstand derzeit bei lediglich 57,2 Prozent und damit weit unter dem Mittel der Jahre 2017 bis 2021. In diesem Zeitraum betrugen die Füllstände im Schnitt rund 85 Prozent. Gleichzeitig liegen die Preise am europäischen Referenzmarkt TTF seit Wochen bei mehr als 70 Euro je Megawattstunde. Brüssel empfiehlt unter anderem, den Energieverbrauch zu Spitzenzeiten zu reduzieren, die Temperaturen in öffentlichen Gebäuden zu begrenzen und unnötige öffentliche Beleuchtung abzuschalten.

Sanktionspolitik verändert Europas Gasversorgung

Ein wesentlicher Faktor für die veränderte Lage ist die energiepolitische Abkehr von Russland. Die EU hat ihre Einfuhren russischen Gases seit dem Beginn des Ukraine-Krieges massiv reduziert. Nach Angaben des Europäischen Rates sank der Anteil Russlands an den Pipeline-Gasimporten von rund 40 Prozent im Jahr 2021 auf etwa sechs Prozent im Jahr 2025. Einschließlich LNG lag der russische Anteil 2025 noch bei rund zwölf Prozent. 

Die Sanktionen und der politische Kurs zur Beendigung der russischen Energieabhängigkeit haben damit die europäische Gasversorgung grundlegend verändert. Zugleich ist die Abhängigkeit der EU-Staaten von Importen nicht verschwunden, sondern hat sich lediglich auf andere Lieferanten und den globalen LNG-Markt verlagert. Die EU hat im Januar 2026 zudem ein Verbot russischer LNG- und Pipelinegasimporte beschlossen; für bestehende Verträge gelten Übergangsfristen. Ende 2027 sollen sämtliche russischen Gasimporte beendet sein.

Der Europäische Rechnungshof hatte erst Anfang September darauf hingewiesen, dass die Abkehr von russischer Energie zwar erhebliche Fortschritte gemacht habe, die angestrebte Energieunabhängigkeit von Russland aber noch nicht erreicht worden sei. Neben den Sanktionen hätten auch andere Faktoren wie hohe Preise, ein geringerer Verbrauch und milde Winter zum Rückgang der russischen Gasimporte beigetragen. 

USA werden zu einem wichtigen Gaslieferanten

Besonders deutlich ist die Verschiebung bei Flüssigerdgas aus den USA. Nach Angaben des Europäischen Rates stiegen die US-Gaslieferungen in die EU von 18,9 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2021 auf 75,6 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2025. Die USA stellten damit 2025 rund 26 Prozent der gesamten EU-Gasimporte. Beim LNG war die Abhängigkeit noch größer: Fast 58 Prozent der LNG-Einfuhren der EU kamen 2025 aus den Vereinigten Staaten.

Damit hat Europa seine frühere Abhängigkeit von russischem Pipelinegas teilweise gegen eine stärkere Abhängigkeit vom globalen LNG-Markt eingetauscht – mit den USA als einem der wichtigsten Lieferanten. LNG wird auf einem internationalen Markt gehandelt. Europäische Abnehmer müssen deshalb mit asiatischen Käufern um verfügbare Ladungen konkurrieren. Das kann die Preise insbesondere dann nach oben treiben, wenn gleichzeitig mehrere Lieferregionen ausfallen oder ihre Produktion reduzieren. 

Nicht nur Russland ist für die aktuelle Lage verantwortlich

Die gegenwärtige Anspannung lässt sich allerdings nicht allein mit den Sanktionen gegen Russland erklären. Die Europäische Kommission verweist auf die angespannte Lage im Nahen Osten, unterbrochene LNG-Produktion in Katar und die Konkurrenz um LNG-Ladungen. Auch die außergewöhnlich hohen Temperaturen in Europa haben den Gasverbrauch zur Stromerzeugung erhöht. 

Der aktuelle Preisdruck ist damit das Ergebnis mehrerer Faktoren: Europa verfügt über weniger russisches Pipelinegas, muss stärker auf LNG zurückgreifen und ist dadurch stärker den Entwicklungen auf dem Weltmarkt ausgesetzt. Gleichzeitig konkurriert die EU dort mit anderen Großverbrauchern um verfügbare Mengen.

Die europäische Energiepolitik steht damit vor einem Zielkonflikt, der sich kaum im Sinne der Verbraucher lösen lässt. Die Abkehr von russischen Energieträgern soll die geopolitische Abhängigkeit von Moskau verringern. Dafür ist Europa stärker auf LNG und damit auf internationale Lieferketten angewiesen. Die USA spielen in diesem neuen Versorgungssystem eine zentrale Rolle. Ob es für die EU überhaupt möglich ist, dauerhaft auf den Bezug von russischen Energieträgern zu verzichten, ohne massiven wirtschaftlichen Schaden zu nehmen und an Konkurrenzfähigkeit einzubüßen, ist die Frage, auf die es wohl erst in einigen Jahren eine konkrete Antwort geben wird. Allerdings deutet schon jetzt viel darauf hin, dass am Ende des gewagten Experiments ein „Nein“ stehen wird. 

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