Von Astrid Sigena
Die Verhängung einer Rekordstrafe, die schon länger im Raum gestanden hatte, hat die Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) diese Woche in einer Meldung bestätigt. Demnach hat die AfD-Bundestagsfraktion gegen ihren früheren Außenpolitischen Sprecher Matthias Moosdorf die Zahlung einer Geldstrafe von 5.000 Euro verhängt. Auch darf Moosdorf für sechs Plenarwochen nicht mehr im Bundestag sprechen.
Von dieser gravierendsten aller Sanktionsmaßnahmen, die bisher gegen einen AfD-Abgeordneten durch die Fraktionsversammlung ausgesprochen worden war, hat die JF ihrem Bericht zufolge von mehreren AfD-Bundestagsabgeordneten erfahren.
Laut Medienberichten hatte die AfD-Bundestagsfraktion Moosdorf bereits im Herbst vergangenen Jahres wegen einer Russlandreise zur Zahlung eines fraktionsinternen Ordnungsgeldes im Umfang von 2.000 Euro verurteilt.
Der Betroffene hatte damals argumentiert, er habe die aus privaten Gründen unternommene Reise ordnungsgemäß angemeldet, der Vorstand die Anmeldung jedoch ignoriert. Die Position der AfD-Fraktion lautete dagegen: Eine Genehmigung habe nicht vorgelegen, die Reise hätte demnach nicht unternommen werden dürfen.
Der Grund für die 5.000-Euro-Strafe lag diesmal nicht in einer Russland-Reise, sondern in einer internen, an alle Fraktionsmitglieder versandte Mail vom April 2026, in der Moosdorf seinen Parteikollegen und Nachfolger im Amt des Außenpolitischen Sprechers scharf kritisiert haben soll. Medien zitierten Bruchstücke aus dem Schreiben, die darauf hindeuten, dass Moosdorf vor allem die Äußerungen von Markus Frohnmaier zum damals aktuellen Irankrieg anprangerte.
So seien Frohnmaiers Aussagen, beim militärischen Vorgehen der beiden verbündeten Kriegsparteien USA und Israel handele es sich um „präzise chirurgische Einsätze“, angesichts ziviler Opfer „zynisch und unangemessen“.
Frohnmaier zeichne sich durch einen Mangel an „analytischer Präzision“ und an „diplomatischem Gespür“ aus. Auch sei er von einer „bedenklichen Entkopplung von Realität und Sprache“ und einem „wiederkehrenden Muster mangelnder Urteilskraft“ bei heiklen außenpolitischen Problemen geprägt.
Auch in Hinsicht der diplomatischen Etikette und bezüglich seiner Fremdsprachenkenntnisse weise Frohnmaier Defizite auf. Die Kosten von Frohnmaiers USA-Reise stünden im keinen Verhältnis zu den erzielten Ergebnissen. Das Amt des Außenpolitischen Sprechers müsse deshalb neu besetzt werden.
Moosdorf beklagte zudem das Fehlen einer Debattenkultur innerhalb der Fraktion. Über wichtige Themen würde gar nicht mehr geredet. Die Bestrafung des Abgeordneten durch die AfD-Fraktion belegt, dass er zumindest mit diesem Vorwurf recht haben dürfte. Auch gerät diese durch ihr Verhalten in den Verdacht, mit zweierlei Maß zu messen, was Russlandfreunde und Transatlantiker angeht.
Denn während es sich bei Moosdorfs Äußerungen um eine zwar harsche, aber interne, an die Medien durchgestochene Kritik handelte, prangert der frühere NATO- und Bundeswehr-Offizier Rüdiger Lucassen Parteikollegen ganz öffentlich an. Und das ohne größere Konsequenzen von Partei und Fraktion.
Lucassen ist dabei Wiederholungstäter. Im Frühjahr 2023 hatte er in der ZDF-Sendung Markus Lanz die Auftritte seiner Fraktionskollegen Steffen Kotré und Eugen Schmidt mit „Volksverrat“ in Verbindung gebracht. Er musste sich im Nachhinein zwar in der Bundestagsfraktion für seine Wortwahl entschuldigen, konkrete Ordnungsmaßnahmen in Fraktion und Partei sind jedoch nicht bekannt. Er blieb Verteidigungspolitischer Sprecher.
Diesen Posten verlor er erst im April 2026, als er seinen sofortigen Rücktritt verkündete, Medienberichten zufolge, um einem geplanten Misstrauensantrag gegen ihn im Arbeitskreis Verteidigung zuvorzukommen.
Der Hintergrund: Lucassen hatte eine Rede im Plenum des Bundestags Anfang Dezember 2025 dazu genutzt, mit seinem parteipolitischen Gegner Björn Höcke abzurechnen. Dieser lehnt – zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt einer auf Kriegstüchtigkeit erpichten Regierung Merz – die Wiedereinführung der Wehrpflicht ab. Eine Position, die wiederum das Missfallen Lucassens erregte. Dieses Missfallen brachte er dann auch öffentlich zum Ausdruck, auch in einer Debatte mit Höcke auf X.
Zwar war daraufhin aus Fraktionskreisen vom Einleiten eines Ordnungsverfahrens wegen Verdachts auf Fraktionsschädigung die Rede, letztendlich kam Lucassen jedoch mit einer Missbilligung des Fraktionsvorstands davon.
Diese Doppelstandards zeigen sich auch bei den Reisegenehmigungen. Denn offenbar konnte Lucassen im September 2026 an dem Treffen der Yalta European Strategy (YES) in Kiew mit der Billigung, wenn nicht gar mit dem Segen der Fraktionsspitze teilnehmen. Zumindest gab es keinen Widerspruch vonseiten der Fraktion gegen über die schon länger in den Medien kursierende Reise.
Ganz anders verhielt sich das, als eine Gruppe von AfD-Politikern im November 2025 zu einer Konferenz nach Sotschi reisen wollten: Es handelte sich um die Bundestagsabgeordneten Steffen Kotré und Rainer Rothfuß, den sächsischen AfD-Landeschef Jörg Urban und den EU-Abgeordneten Hans Neuhoff. AfD-Partei- und Fraktionschefin Alice Weidel äußerte öffentlich ihr Unverständnis für eine solche Reise nach Russland. Sie könne nicht verstehen, „was man da eigentlich soll“. Rothfuß verzichtete daraufhin auf die Reise.
Zwar reiste im Juni 2026 eine AfD-Delegation mit dem Außenpolitischen Sprecher Frohnmaier zum Internationalen Wirtschaftsforum nach Sankt Petersburg. Die Beispiele zeigen aber, dass bestimmten, als dezidiert russlandfreundlich bekannten Persönlichkeiten in der AfD-Fraktion Reisen nach Russland erschwert werden.
Es handelt sich dabei nicht um ein rein persönliches Problem der Abgeordneten Moosdorf und Rothfuß, sondern um ein strukturelles. Derzeit gibt es in der AfD-Bundestagsfraktion keine prominenten Vertreter der einst recht aktiven Gruppe von Russlanddeutschen oder Spätaussiedlern aus dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Früher bekannte Namen wie Waldemar Herdt, Schmidt und Anton Friesen haben in der AfD ganz offensichtlich keinen Einfluss mehr.
Der Thüringer Friesen – einst eine starke Stimme für die Interessen der Russlanddeutschen – verpasste 2021 mit Listenplatz 7 den Wiedereinzug in den Bundestag, seitdem ist von ihm auf Bundesebene nichts mehr zu hören. Zuletzt erschien von Friesen im Frühjahr 2026 eine Skizze einer europäischen Friedensordnung unter Einbezug Russlands im Freilich Magazin.
Während bei Friesen unklar ist, ob er nicht freiwillig auf einen weiteren Versuch im Jahr 2025 verzichtet hat, ist dies bei Schmidt ganz offensichtlich nicht der Fall. Denn Presseberichten zufolge wollte Schmidt zur Bundestagswahl 2025 erneut kandidieren, gelangte jedoch auf keinen der 40 Listenplätze der NRW-Landesliste. Schmidt verstand sich während seines Mandats als Bundestagsabgeordneter ebenfalls als Fürsprecher der Deutschen aus der Sowjetunion.
Auch Herdt, der einst als Sprecher des Internationalen Konvents der Russlanddeutschen fungierte, spielt bei der AfD keine Rolle mehr, weder auf Bundesebene noch im niedersächsischen Landesverband. Wie er der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) 2024 bestätigte, ist er mittlerweile aus der Partei ausgetreten. Wie Schmidt kommentiert er weiterhin gelegentlich politische Ereignisse aus Deutschland im russischen Fernsehen.
Am schlimmsten traf es wohl die hamburgische Bürgerschaftsabgeordnete Olga Petersen, die wegen befürchteter Behörden-Repressalien nach Russland geflüchtet war. Rückhalt aus ihrem Landesverband bekam sie in dieser Situation kaum. Stattdessen wurde sie aus der AfD ausgeschlossen. Als Gründe für den Parteiausschluss werden unter anderem ihre Russlandreisen und ihre dortige Wahlbeobachtung genannt.
Ob sich diese Tendenz zur parteiinternen Ausgrenzung russlandfreundlicher Positionen umkehren lässt, ist fraglich. Laut einer Umfrage des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) von 2025 wenden sich deutsche Wahlberechtigte mit russischem Migrationshintergrund nicht nur vermehrt der AfD, sondern auch dem BSW zu. Es bleibt abzuwarten, ob diese noch junge Partei bald auch mit russlanddeutschen Führungspersönlichkeiten aufzuwarten hat.
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