Der Generalsekretär des estnischen Außenministeriums Jonatan Vseviov sieht keinen Grund zu der Annahme, dass Russland in Kürze einen militärischen Angriff auf die NATO starten werde.

In den letzten Wochen gab es nicht nur in dem baltischen Land eine intensive mediale Debatte über einen möglichen russischen Angriff auf die NATO – eine Diskussion, die laut dem Generalsekretär auf das Zusammentreffen verschiedener Umstände zurückzuführen ist.

„Auch wenn Russland letztlich natürlich darauf abzielt, die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur zu verändern, hat die Lösung der Ukraine-Frage derzeit weiterhin oberste Priorität“, sagte Vseviov laut estnischen Medien. Russland sei sehr daran gelegen, die europäischen Staaten gegeneinander aufzuhetzen oder durch Angst zu lähmen, um sie von der bisher verfolgten Ukraine-Politik abzubringen, so Vseviov.

Von Berichten über einen bevorstehenden Angriff Russlands auf NATO-Gebiet hält der Generalsekretär nicht viel. Reißerische Schlagzeilen über einen bevorstehenden Angriff ließen sich besser verkaufen; zudem sei es möglich, dass die Ansichten wohlmeinender Personen, Analysten oder Politikwissenschaftler schlicht aus dem Zusammenhang gerissen wurden, so der Diplomat.

Betrachte man das daraus entstandene Narrativ, stoße man auf Fakten, „die für sich genommen zwar zutreffen, aber völlig überzogen dargestellt werden“. Als Beispiel nennt Vseviov, dass Moskau das Grenzregime am Fluss Narva, der Estland und Russland voneinander trennt, verschärft hat. „Russland nimmt beispielsweise gewisse Anpassungen auf der anderen Seite des Flusses Narva vor, und prompt verfallen alle in der NATO in Panik und hyperventilieren deswegen. Oder es werden Behauptungen aufgestellt, von denen jeder weiß, dass sie unwahr sind – etwa, dass Litauen derzeit konkrete Vorbereitungen zur Evakuierung der Bevölkerung von Vilnius nach Polen treffe“, führt Vseviov aus.

Diese Behauptungen stünden „unkommentiert nebeneinander“, doch „niemand setzt sich wirklich eingehend mit den einzelnen Fakten auseinander“,  kritisiert Vseviov. Das sich daraus ergebende „Gesamtnarrativ ist eines, das den Menschen den Atem raubt“. Vseviov fügte hinzu, es gebe keinen Grund zur Annahme, dass Russland im Begriff sei, NATO-Staaten anzugreifen.

„Ich freue mich, bestätigen zu können, dass es absolut keinen Grund zu der Annahme gibt, Russland werde in Kürze einen militärischen Angriff auf die NATO, Estland oder die baltischen Staaten starten“, erklärte Vseviov. 

Der Diplomat bezeichnete es als „einigermaßen überraschend“, sich als Vertreter Estlands „in einer Situation wiederzufinden, in der wir – nachdem wir unseren westlichen Kollegen jahrelang erklärt haben, dass Russland eine strategische Bedrohung darstellt (und ich versichere Ihnen: Es bleibt eine strategische Bedrohung, weil es die grundlegende Ordnung Europas verändern will) – ihnen nun sagen müssen: Hört zu, Freunde, beruhigt euch, bewahrt einen kühlen Kopf und atmet ganz normal.“

Vseviov erklärte zudem, es bringe nichts, in Panik zu geraten oder vor Angst zu erstarren. Stattdessen solle man die Lage nüchtern einschätzen und überlegen, was getan werden könne. „Sollte eine Situation eintreten, in der wir tatsächlich Alarm schlagen müssen, können Sie absolut sicher sein, dass Estland dies auch tun wird. Wir haben nicht die Absicht, auch nur theoretisch eine stille Kapitulation in Erwägung zu ziehen“, sagte Vseviov abschließend.

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