Statt Autos künftig Rüstung: Wo früher Autos für den zivilen Markt vom Band liefen, sollen künftig Komponenten für israelische Flugabwehrsysteme entstehen. Damit steht das traditionsreiche Volkswagen-Werk in Osnabrück nach 125 Jahren wie andere deutsche Traditionsbetriebe unter ausländischer Kontrolle.
Vom deutschen Cabrio zur israelischen Flugabwehr
Das Volkswagen-Werk in Osnabrück bekommt offenbar eine neue Zukunft. Doch mit Automobilbau wird diese nur noch wenig zu tun haben. Statt Autos sollen dort künftig Komponenten für ein Flugabwehrsystem des israelischen Rüstungskonzerns Rafael produziert werden.
Laut einem Bericht von „FINANCE“ [1] und „Jüdische Allgemeine“ [2] hat sich Volkswagen mit dem israelischenFinazinvestor Aurelius Capital Management und dem Land Niedersachsen auf den Verkauf der Fabrik verständigt. Aurelius soll die Mehrheit an dem Standort übernehmen, Niedersachsen einen Minderheitsanteil.
Damit bekommt das Werk zwar eine neue industrielle Perspektive. Gleichzeitig könnte der Vorgang kaum deutlicher zeigen, wie sehr sich die wirtschaftlichen Prioritäten verschieben: Während die deutsche Autoindustrie Werke und Produktionskapazitäten abbaut, wächst ausgerechnet die Rüstungsindustrie kräftig und sucht nach zusätzlichen Fabriken.
Autoproduktion war gestern – das „Grüne Wirtschaftswunder“ schafft Raketen
Der Kontrast ist erheblich. Noch vor Kurzem wurde in Osnabrück unter anderem das T-Roc Cabrio gefertigt. Künftig sollen in denselben industriellen Strukturen Bauteile für militärische Systeme entstehen.
Das betreffende Flugabwehrsystem könnte später auch für die Bundeswehr von Bedeutung sein. Die Bundesregierung plant voraussichtlich eine entsprechende Beschaffung für Deutschland. Auch das wird die Inhaber des Hedgefonds freuen, die Steuerzahler wohl kaum.
Arbeitsplätze gerettet – aber um welchen Preis?
Die zivile Industrie schrumpft – und die militärische Produktion übernimmt frei werdende Kapazitäten als folge der „grünen Politik“, die ja die Energie massiv verteuert, dadurch die Industrie nicht mehr wettbewerbstauglich macht um danach nach in staatlich bezuschusste Rüstungsbetreibe transferiert zu werden.
Für die Beschäftigten dürfte zunächst entscheidend sein, dass möglichst viele Arbeitsplätze erhalten bleiben. Aurelius und das Land Niedersachsen wollen laut Bericht einen Großteil der Belegschaft übernehmen. Zudem gilt weiterhin die bestehende Beschäftigungsgarantie von Volkswagen bis 2029.
Das ist zweifellos eine wichtige Perspektive für die Mitarbeiter und ihre Familien. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack: Dass ausgerechnet die boomende Rüstungsbranche zum Hoffnungsträger für Beschäftigte eines traditionsreichen deutschen Autowerks wird, wäre noch vor wenigen Jahren kaum als Erfolgsgeschichte verkauft worden. Heute scheint diese Entwicklung zunehmend Teil einer neuen industriellen Realität zu sein.
Osnabrück könnte erst der Anfang sein
Der Standort in Osnabrück blickt auf eine lange Industriegeschichte zurück und feierte in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Suche nach einer Anschlusslösung dauerte entsprechend lange. Nun scheint sie gefunden – nur eben nicht mehr im klassischen Automobilbau.
Auch für andere Produktionsstandorte werden neue Nutzungsmöglichkeiten diskutiert. Volkswagen hatte unter anderem die Zukunft mehrerer Werke infrage gestellt und nach „intelligenteren Lösungen“ für nicht mehr benötigte Kapazitäten gesucht. Die Nutzung durch die Rüstungsindustrie wurde dabei ausdrücklich als Möglichkeit genannt. Der Begriff der „intelligenteren Lösung“ bekommt damit eine durchaus bemerkenswerte Bedeutung: Wenn sich die Produktion ziviler Fahrzeuge nicht mehr ausreichend rechnet, könnten künftig militärische Systeme die Hallen füllen.
Die Autobranche schwächelt, die Rüstungsbranche expandiert
Auch andere Rüstungskonzerne interessieren sich für bestehende industrielle Kapazitäten. Unternehmen wie Rheinmetall und KNDS prüfen Möglichkeiten, Anlagen und Standorte aus der Automobilindustrie zu nutzen. Im Gespräch sind unter anderem Fabriken aus dem Mercedes-Nutzfahrzeugbereich in Ludwigsfelde sowie weitere Standorte in Niedersachsen.
Kriegspanikmache und grüne Energiepolitik als Basis für diese Entwicklung
Die Logik der Rüstungslobby und der Geldmagnaten: Autofabriken verfügen über große Produktionsflächen, moderne Maschinen und vor allem über Tausende qualifizierte Fachkräfte. Gleichzeitig benötigt die europäische Rüstungsindustrie angesichts steigender Verteidigungsausgaben zusätzliche Kapazitäten. Wohl mit ein Grund um das Bedrohungsszenario durch Russland weiter aufrechtzuerhalten und noch intensiver zu befeuern.
Wohlstand in Gefahr – Geld weiter vom Steuerzahler zu Rüstungskonzernen
Was sagt es über den Zustand einer Industrienation aus, wenn Arbeitsplätze zunehmend dadurch gesichert werden sollen, dass an die Stelle ziviler Produkte militärische Güter treten? Und wie weit wird dieser Wandel noch gehen, wenn weitere Werke der angeschlagenen Automobilindustrie nach neuen Aufgaben suchen müssen?
Die „neue industrielle Zukunft“
VW-Chef Oliver Blume erklärte zu der Vereinbarung: „Mit der heutigen Vereinbarung machen wir einen wichtigen Schritt, um dem Werk eine neue industrielle Zukunft zu eröffnen.“
Eine neue industrielle Zukunft – zweifellos. Allerdings eine, die sich deutlich von der Vergangenheit unterscheidet: Volkswagen zieht sich aus Osnabrück zurück. Ein Hedgefond übernimmt die weitere Entwicklung. Und ein Werk, das über Jahrzehnte mit dem Automobilbau verbunden war, soll künftig Teil der israelischen Rüstungsproduktion werden.
Für die Beschäftigten kann das vorläufig Sicherheit bedeuten. Für die deutsche Industrie ist es zugleich ein Symbol für eine Verschiebung, die man nicht einfach als gewöhnlichen Strukturwandel abtun sollte. Denn während seit Jahren über Transformation, Elektromobilität und die Zukunft des Industriestandorts Deutschland gesprochen wird, zeichnet sich an manchen Orten inzwischen eine ganz andere Form der Transformation ab:
Die Autos verschwinden aus den Werkshallen – und an ihre Stelle tritt die Rüstung. (CR)
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[1] finance-magazin.de
[2] Jüdische Allgemeine
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