Von Rainer Rupp
In einer Reihe von Interviews und Diskussionen auf YouTube liegt die Ursache der gegenwärtigen Krise laut Professor Sachs im historischen Machtverlust des Kollektiven Westens. Aber im Aufstieg Chinas oder Russlands sieht Sachs nicht die Gefahr für einen neuen Weltkrieg, sondern in der Reaktion des Westens.
Die Vereinigten Staaten und ihre engsten Verbündeten – Großbritannien, die Europäische Union, Japan und Australien – hätten über rund zwei Jahrhunderte die Welt maßgeblich bestimmt und ausgebeutet. Diese Ära gehe nun zu Ende. Nicht weil der Westen verschwindet oder wirtschaftlich bedeutungslos geworden wäre, sondern weil er seine frühere Fähigkeit verloren hat, die internationale Ordnung allein zu seinen eigenen Gunsten zu bestimmen.
Sachs spricht deshalb von einer „doppelten Krise“: einer Krise der USA und einer Krise des Westens. Besonders problematisch sei, dass die amerikanische Außenpolitik noch immer von der Vorstellung geprägt wird, dass die Vereinigten Staaten ihre Vorherrschaft über den Globus verteidigen müssten und dies auch noch könnten. Denn in den USA herrscht immer noch die Vorstellung, die sich nach dem Ende der Sowjetunion 1991 in den Machteliten Washingtons zunehmend durchgesetzt hatte, dass Amerika als alleinige Supermacht machen konnte, was es wollte. Diese Welt existiere jedoch nicht mehr, und die realen Machtverhältnisse – ökonomisch, militärisch und politisch – haben sich von Grund auf geändert.
Für Sachs ist diese neue Multipolarität an sich kein Unglück. Im Gegenteil: Dass China wieder zu einer bedeutenden Weltmacht geworden ist und Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seine Stärke zurückgewonnen hat, betrachtet er grundsätzlich positiv, denn so könnten auch mehr Wohlstand und Zusammenarbeit ermöglicht werden.
Fakt ist, dass eine Welt, in der mehrere große Mächte wirtschaftlich und politisch Gewicht besitzen, nicht automatisch gefährlicher sein muss als die globale Alleinherrschaft eines ungezügelten Washingtoner Regimes aus Kriegsprofiteuren.
Wenn Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil für westliche Eliten keine Option mehr ist
Laut Sachs ist es besonders beunruhigend, dass in tonangebenden Teilen des amerikanischen strategischen Establishments die Welt zunehmend als Nullsummenspiel betrachtet wird. Das heißt, dass die eine Seite nur auf Kosten der anderen etwas dazugewinnen kann. Folglich müsse Amerika verlieren, wenn China aufsteigt. Wenn Russland stärker wird, dann werde der Westen schwächer. Dieser unter neokolonialen Ausbeutern verbreiteten „Logik“ setzt Sachs eine völlig andere Vorstellung entgegen. Kooperation in der Wirtschaft ist grundsätzlich ein „Positivsummenspiel“: Handel, technologische Zusammenarbeit und wirtschaftliche Verflechtung könnten allen Beteiligten nutzen. Doch genau diese Denkweise sei den West-Eliten in Politik und Medien und den Bossen der kontinentübergreifenden Finanz-Großkonzerne verloren gegangen.
Als Beispiel verweist Sachs auf die im neoliberalen Establishment viel diskutierten Analysen über unterschiedliche mögliche Zukunftsordnungen. Eine multipolare Welt werde darin sinngemäß als gefährlich beschrieben. Einflusszonen seien ebenfalls problematisch. Eine Kooperation der Großmächte erscheine angeblich unrealistisch. Eine stärkere chinesische Stellung werde als Bedrohung dargestellt. Übrig bleibe schließlich die Idee, dass sich die westlichen Staaten zusammenschließen müssten, um China entgegenzutreten.
Für Sachs ist genau diese Logik der gefährliche Punkt: Wenn Kooperation grundsätzlich als naiv gilt und die einzige verbleibende Strategie darin besteht, sich gegen einen vermeintlich ausgemachten Gegner zu verbünden, dann hat eine friedliche Zusammenarbeit keine Chance mehr.
Eine Parallele zu der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg
Europa habe sich 1914 nicht deshalb in den Krieg gestürzt, weil seine Gesellschaften am Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs gestanden hätten. Im Gegenteil: Noch kurz vor dem Ersten Weltkrieg habe Europa eine außergewöhnliche Phase wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Fortschritts erlebt. Trotzdem entstand eine Situation, in der sich die europäischen Großmächte in zwei zunehmend verhärtete Blöcke aufteilten. Bündnisse, Aufrüstung, gegenseitiges Misstrauen und politische Fehlentscheidungen führten schließlich zu einem Krieg, dessen Ausmaß alle Beteiligten weit unterschätzt hatten. Darin liegt der fatale Kern von Sachs‘ eigentlicher Warnung:
Große Kriege brauchen nicht zwingend einen großen, rationalen Grund. Sie können aus einer Kette von Fehlentscheidungen entstehen.
Besonders problematisch sei deshalb die Vorstellung, China müsse „eingedämmt“ oder besiegt werden. Sachs bestreitet nicht Chinas wachsende Macht. Er bestreitet vielmehr die Schlussfolgerung, dass daraus zwangsläufig ein amerikanisch-chinesischer Machtkampf entstehen müsse.
Denn China verfolge laut Darstellung von Sachs nicht das Ziel, die Vereinigten Staaten als globale Hegemonialmacht abzulösen. Vielmehr wolle Peking vor allem verhindern, erneut von ausländischen Mächten dominiert zu werden, die laut hinreichend wiederholten Erklärungen den wirtschaftlichen und technologischen Aufstieg Chinas stoppen wollen.
Ukraine, Iran und die „Flucht vor der Realität“
Sachs verbindet diese Analyse mit den westlichen Einschätzungen der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Er kritisiert insbesondere, dass die politische Kommunikation seiner Ansicht nach wiederholt ein Bild erzeugt habe, das mit den tatsächlichen Kräfteverhältnissen auseinanderklafft. Die mantraartigen Wiederholungen von Behauptungen, die Ukraine gewinne zwangsläufig, China stehe kurz vor dem Zusammenbruch oder Iran sei militärisch und gesellschaftlich leicht zu besiegen, interpretiert Sachs als Ausdruck der westlichen „Flucht vor der Realität“.
Dahinter stehe seiner Meinung nach ein psychologischer Mechanismus: Wenn jemand die eigene Schwäche nicht akzeptieren will, dann muss die eigene Stärke umso stärker beschworen werden. Aus dieser „Grandiosität“ der eigenen Stärke könne wiederum eine Paranoia entstehen – die Vorstellung, alle anderen Mächte arbeiteten gegen den Westen.
Gerade Iran führt Sachs als Beispiel an. Das Land werde im Westen häufig als rückständiger Staat dargestellt. Tatsächlich verfüge Iran jedoch über eine hochgebildete Bevölkerung, entwickelte Infrastruktur und eine lange zivilisatorische Tradition. Auch hier sieht Sachs eine gefährliche Diskrepanz zwischen westlicher Wahrnehmung und Realität.
Der Dollar als Machtinstrument verliert seine Wirkung
Washington hat den Dollar und das internationale Finanzsystem zunehmend als außenpolitisches Druckmittel eingesetzt. Staaten wie Russland, Iran oder Venezuela konnten dadurch vom westlich dominierten Finanzsystem getroffen werden. Doch genau dieses Instrument könne und werde sich langfristig gegen die USA richten. Denn je häufiger der Dollar als Waffe eingesetzt werde, desto größer werde für andere Staaten der Anreiz, alternative Zahlungssysteme aufzubauen. Und diesbezüglich haben China und Russland zusammen mit BRICS+ große Fortschritte gemacht.
Auch die immer größer werdende westliche Finanzblase zählt laut Sachs zu den Ursachen der aktuellen Entwicklung.
Die westliche Finanzwelt profitiere seiner Ansicht nach auch davon, dass sich in Teilen der nichtwestlichen, vor allem der bourgeoisen Welt die Vorstellung eingenistet hat, dass amerikanische technologische und wirtschaftliche Dominanz aufrechterhalten werden müsse, um die globale Stabilität zu erhalten und die eigenen Vermögen und Ersparnisse zu sichern. Hohe Bewertungen großer US-Technologiekonzerne sind ein zusätzliches Element dieses weit verbreiteten Narrativs. Zugleich jedoch sind die USA bis zur Oberkante der Unterlippe hoch verschuldet, was ein Weiter-so wie bisher nicht ermöglicht. Zudem befindet sich der US-Aktienmarkt auf historisch hohem Bewertungsniveau, und die KI-Branche, die bisher noch keine Gewinne eingefahren hat, sitzt auf historisch hohen Schulden von etwa 3 Billionen Dollar (3.000 Milliarden Dollar).
Für Sachs entsteht damit ein gefährlicher Teufelskreis: Eine geopolitische Blase stützt die finanzielle Blase – und umgekehrt. Je stärker die politischen und wirtschaftlichen Akteure in dieses System investiert sind, desto schwieriger wird es, die eigene Strategie zu korrigieren. Sachs nennt das den „Sunk-Cost“-Fehler: Die herrschenden Eliten haben bereits so viel von ihrer Karriere, ihrem Ruf und ihrem Geld in eine verfehlte Strategie investiert, dass sie nur noch unter großen Verlusten aussteigen können. Also werde weitergemacht nach dem Motto: Augen zu und durch!
Vor diesem Hintergrund sagte Sachs: „Niemand kann es aufhalten.“ Ganz so absolut, wie die Überschrift des Interviews klingt, ist Sachs‘ eigene Position allerdings nicht. Er sagt ausdrücklich, dass eine geopolitische Explosion oder ein großer Finanzcrash nicht zwangsläufig sei. Mit rationaler Politik ließen sich beide Gefahren vermeiden. Auch der Erste Weltkrieg wäre vermeidbar gewesen. Aber wenn man sich die Weltwirtschaftskrise und die Finanzkrise von 2008 anschaut, dann ist auch diese durch politische Fehlentscheidungen der noch heute herrschenden Politiker-Kaste verschärft worden.
Sachs‘ pessimistische Aussage bezieht sich vielmehr auf die politische Dynamik: Wenn Regierungen an einer überholten Vorstellung von Hegemonie festhalten, obwohl sich die Kräfteverhältnisse verändert haben, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass sie Entscheidungen treffen, die schließlich außer Kontrolle geraten.
Das „Schlimmste“ wäre in dieser Logik nicht einfach eine Rezession. Es wäre eine Kombination aus finanzieller Krise und geopolitischer Eskalation, möglicherweise bis hin zu einem Krieg der Großmächte. Und genau darin liegt die Pointe seines Vergleichs mit 1914: Niemand muss einen Weltkrieg wollen, damit ein Weltkrieg entstehen kann. Der Westen müsse akzeptieren, dass seine frühere Monopolstellung vorbei ist. Eine multipolare Welt sei nicht automatisch eine Katastrophe. Katastrophal könne vielmehr der Versuch werden, eine untergegangene Weltordnung mit immer härteren Mitteln wiederherzustellen.
Letztlich aber formuliert Sachs dennoch eine vorsichtige Hoffnung. Die Bevölkerungen in den USA und Europa seien seiner Ansicht nach keineswegs kriegsbesessen. Sie wollten ihr normales Leben führen, wirtschaftliche Sicherheit und ein Ende der Kriege.
Die entscheidende Frage lautet für ihn deshalb, ob demokratische Institutionen diesen Willen tatsächlich in Politik übersetzen können. Diesbezüglich sieht der Autor dieser Zeilen allerdings schwarz für Deutschland.
Die aktuelle kriegsgeile Bundesregierung setzt sich aus den Koalitionsparteien CDU/CSU und SPD zusammen. Sie verfügen nur noch über knapp ein Drittel der Wählerzustimmung. Trotzdem planen CDU/CSU und SPD, die AfD als die mit großem Abstand stärkste und einzige Anti-Kriegspartei im Bundestag mit antidemokratischen und juristisch höchst fragwürdigen Mitteln politisch zu lähmen und zu marginalisieren.
Diesbezügliche Vorbereitungen werden für den Fall getroffen, dass die „Alternative für Deutschland“ in den Landtagen im Osten mit absoluter Mehrheit gewinnt und dort die Regierungen bilden kann. Dabei ist die herrschende CDU/CSU/SPD-Politiker-Kaste auch noch so unverschämt arrogant, dass sie ihre undemokratischen Pläne gegen den demokratischen Willen der AfD-Wähler auch noch öffentlich ankündigt und versucht, das als Maßnahme gegen „Rechts“ und zum angeblichen Schutz „unserer“, aber tatsächlich ihrer Version von „Demokratie“ zu verkaufen.
Der Faschismus im Mantel des Antifaschismus
Letzteres erinnert an Signor Ignazio Silone, den Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens (PCI). Als er nach der Befreiung Italiens von den Faschisten Ende 1944 aus dem Schweizer Exil in seine Heimat zurückkehrte, wurde er am Grenzübergang von dem Journalisten François Bondy gefragt, ob er glaube, dass der Faschismus je wieder zurückkommen werde. Darauf gab Silone die – aus heutiger Sicht – prophetische Antwort: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus.‘ Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus.'“
Zur Personalie von Jeffrey Sachs
Jeffrey D. Sachs, Jahrgang 1954, ist ein US-amerikanischer Ökonom und Professor an der Columbia University in New York. International bekannt wurde er zunächst durch seine Arbeiten zur wirtschaftlichen Entwicklung, Armutsbekämpfung und makroökonomischen Stabilisierung. In den 1980er- und 1990er-Jahren beriet er unter anderem Regierungen in Lateinamerika und Osteuropa bei wirtschaftlichen Reformen.
Später wurde Sachs zu einem prominenten Befürworter globaler Entwicklungsprogramme und war in verschiedenen Funktionen für die Vereinten Nationen tätig. Er leitete unter anderem das Earth Institute an der Columbia University und arbeitete als Berater von UN-Generalsekretären. Seine Forschung und sein öffentliches Engagement konzentrieren sich stark auf globale Entwicklung, Armut, Nachhaltigkeit und internationale Politik.
In den vergangenen Jahren ist Sachs zunehmend als scharfer Kritiker der amerikanischen Außenpolitik hervorgetreten. Besonders bei den Themen Ukraine, NATO, Russland, China und Nahost vertritt er Positionen, die deutlich vom außenpolitischen Mainstream in Washington und vielen europäischen Hauptstädten abweichen.
Seine zentrale These ist: Die eigentliche Gefahr sieht Sachs nicht im Aufstieg einer multipolaren Welt, sondern im Versuch, diesen Aufstieg mit einer Politik der Konfrontation aufzuhalten.
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