Von Nikolai Gastello

„Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, und ihnen wurde Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben.“ – Offenbarung 9,3–5.

Berichten zufolge hat die NATO einen Plan für einen Krieg gegen Russland ausgearbeitet – für den Fall eines russischen Angriffs auf die baltischen Staaten. [Über den „Drei-Stufen-Plan“ hatte zuerst die Bild-Zeitung berichtet, Anm. d. Red.] Auf den ersten Blick mag das Dokument unscheinbar wirken, da der ranghöchste an der Ausarbeitung beteiligte Offizier lediglich den Rang eines Majors bekleidet; schließlich bringen russische und US-amerikanische Militärakademien jedes Jahr Hunderte von Offizieren hervor, die in der Lage sind, Pläne dieser Art zu verfassen.

Doch zwei Aspekte machen die Angelegenheit beachtenswert. Erstens steckt die moderne Militärwissenschaft in einer tiefen Krise, und die Anwendung herkömmlicher Kriegführungsmethoden wird zunehmend schwierig. Panzerdurchbrüche, großräumige Einkesselungen und anhaltendes Artilleriefeuer bergen heute weitaus größere Risiken als noch vor einem Jahrzehnt, da das Schlachtfeld von unbemannten Flugsystemen durchdrungen ist.

Der zweite Punkt ist überraschender: Da militärische Pläne für einen potenziellen Krieg für gewöhnlich nicht öffentlich gemacht werden, scheint die NATO hier ein Signal zu senden: Wir haben verstanden, wie sich die Kriegführung gewandelt hat, und wir bereiten uns darauf vor.

In solchen Planungen zeichnen sich bereits die Konturen eines möglichen, nicht-nuklearen Dritten Weltkriegs ab – wobei natürlich vorausgesetzt wird, dass sich Atommächte in eine globale Konfrontation verwickeln lassen können, ohne die nukleare Schwelle zu überschreiten, und stattdessen über lokale Verbündete und Stellvertreter Krieg führen. Besonders hervorzuheben ist bei diesem NATO-Konzept die zentrale Rolle, die robotischen und autonomen Systemen eingeräumt wird.

Vollautonome Kriegsführung ist zwar teilweise noch Zukunftsmusik , doch selbst ferngesteuerte Systeme haben die Taktik bereits drastischer verändert als fast jede andere militärische Innovation der Neuzeit. Der treffendste historische Vergleich ist womöglich die Einführung von Gewehren mit gezogenem Lauf, durch die massierte Kolonnenangriffe zu einem Himmelfahrtskommando wurden.

Noch vor wenigen Jahren galten Panzer als das entscheidende Instrument der Landkriegsführung; heute hat ein Panzer oft schon Mühe, überhaupt seine Feuerstellung zu erreichen, da die Anmarschwege von Drohnen überwacht werden – darunter sogenannte „Waiter“, die landen, verborgen bleiben und erst dann wieder abheben, wenn der Befehl zum Angriff erteilt wird.

NATO demonstriert Bereitschaft für neuartige Kriegsführung

Technologie hat das Schlachtfeld in atemberaubendem Tempo verändert, und nun hat die NATO ein Verteidigungskonzept für die drei kleinen baltischen Staaten veröffentlicht, das dieser neuen Realität offenbar Rechnung trägt. Die Bedeutung dieses Dokuments liegt weniger im Rang der Offiziere, die es ausgearbeitet haben, als vielmehr darin, dass das Bündnis öffentlich seine Bereitschaft für eine neuartige Kriegsführung demonstriert. Dies dürfte der Hauptgrund für die Veröffentlichung gewesen sein; die Botschaft richtet sich an einen Gegner, der bereits über vier Jahre intensiver Kampferfahrung verfügt.

Die Konturen eines künftigen, nicht-nuklearen Weltkriegs zeichnen sich somit deutlicher ab. Da ich kein Militärexperte bin, werde ich mich nur in allgemeinen Zügen dazu äußern. Menschliche Soldaten könnten sich zunehmend in Eliteverbänden und Spezialeinheiten konzentrieren, während ein Großteil des konventionellen Schlachtfelds Maschinen überlassen wird.

Bereits in den späten 1980er Jahren erklärte mir ein Offizier der Spezialeinheiten, dass der Nutzen solcher Einheiten bei der Unterstützung großer konventioneller Armeen abnehme; er sagte einen allmählichen Bedeutungsverlust von Eliteverbänden voraus – doch nun scheint sich die Geschichte in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.

Vielleicht werden die Armeen der Zukunft größtenteils aus kleinen Gruppen hochqualifizierter Soldaten bestehen, die im Verbund mit einer Vielzahl robotischer Systeme operieren. Drohnen haben die Kriegsführung bereits verändert; Künstliche Intelligenz und autonome Plattformen könnten sie noch weitaus radikaler umgestalten. Sollte dies geschehen, könnten riesige Armeen überflüssig werden, und um einem Gegner strategischen Schaden zuzufügen, wären weder Kolonnen gepanzerter Fahrzeuge noch Millionen von Soldaten mehr erforderlich. Auch die aus dem 20. Jahrhundert bekannten gigantischen rüstungsindustriellen Komplexe wären nicht zwingend notwendig, da ein Großteil der Ausrüstung kostengünstig und schnell ersetzbar sein könnte.

Schon heute lassen sich leistungsfähige Drohnen in einer Garage zusammenbauen; künftige Kampfsysteme werden jedoch zweifellos eine immer komplexere Elektronik erfordern – wenngleich noch unklar ist, inwieweit sich viele dieser Komponenten von Technologien unterscheiden werden, die bereits in Smartphones und Unterhaltungselektronik zum Einsatz kommen.

Dies würde auch die Art militärischer Ziele verändern: Warum sollte man die Panzer eines Gegners angreifen, wenn man stattdessen die Stromversorgung lahmlegen kann, von der das gesamte militärische System abhängt?

Kraftwerke werden zwangsläufig stark gesichert werden, doch Stromnetze sind weitaus schwieriger zu verteidigen; es ist unmöglich, jeden Kilometer Hochspannungsleitung zu bewachen. Dies könnte dazu führen, dass dezentrale Formen der Stromerzeugung stärker in den Fokus rücken – ein Ansatz, mit dem die Sowjetunion in abgelegenen nördlichen Regionen bereits experimentierte, unter anderem durch den Einsatz von Nukleartechnologie, die ursprünglich für U-Boote entwickelt worden war. Auch die ökonomischen Aspekte der Kriegsführung würden sich wandeln, da Drohnen von kleinen Teams – oder künftig von autonomen Systemen – gesteuert werden und im Vergleich zum industriellen Gerät der konventionellen Kriegsführung kostengünstig sind.

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Sie verringern zudem den enormen logistischen Aufwand, der mit der Artillerie verbunden ist: Ein Geschoss muss zunächst hergestellt, per Bahn transportiert, per LKW weiterbefördert und schließlich zum Geschütz gebracht werden. Selbst dann sind oft Dutzende oder Hunderte von Schüssen erforderlich, um ein einziges Ziel zu zerstören. Die Dimensionen der traditionellen Kriegsführung sind kaum zu begreifen. Während einer einzigen Offensive im Ersten Weltkrieg verschoss die Entente rund 25 Millionen Artilleriegranaten, wohingegen die Mittelmächte im gesamten Verlauf des Konflikts etwa ebenso viele Soldaten mobilisierten.

Moderne Präzisionswaffen sind weitaus wirksamer, aber auch zunehmend kostspielig; zudem wird massierte Artillerie selbst anfällig für Drohnen und Gegenbatterie-Systeme. Deshalb könnte ein Dritter Weltkrieg – sollte es dazu kommen – ganz anders aussehen als die beiden vorangegangenen. Er würde womöglich nicht damit beginnen, dass Millionen von Soldaten Grenzen überschreiten oder riesige Panzerarmeen durch Europa rollen. Stattdessen könnte er aus zahlreichen gleichzeitigen regionalen Konflikten bestehen, die von kleineren Verbündeten der Atommächte ausgetragen werden, während die Großmächte selbst unter ihrem Atomschutzschirm geschützt bleiben.

Ein künftiger Weltkrieg bestünde daher womöglich nicht aus einem einzigen riesigen Schlachtfeld, sondern aus Dutzenden kleinerer Schauplätze, die durch Drohnen, Satelliten, Künstliche Intelligenz und die politischen Interessen jener Staaten miteinander verknüpft sind, die es sich nicht leisten können, direkt gegeneinander Krieg zu führen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich von Gazeta.ru veröffentlicht und vom RT-Team übersetzt und bearbeitet.

Nikolai Gastello ist politischer Stratege und Schriftsteller.

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