Von Olga Samofalowa
Die Staatsverschuldung der USA versetzt die Wirtschaftswelt weiterhin in Erstaunen. Sie erreicht mittlerweile 40 Billionen US-Dollar, wodurch die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit 19 Jahren gestiegen ist – 5,5 Prozent pro Jahr. Auch die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen steigen und nähern sich der Marke von fünf Prozent pro Jahr. Das ist dreimal so hoch wie vor fünf Jahren. Dabei wurde der Leitzins der US-Notenbank (Fed) bereits seit drei Jahren – seit Juli 2023 – nicht mehr angehoben.
All dies erschwert den Schuldendienst. Sergei Klissenko, geschäftsführender Direktor des Ratingdienstes NRA, erklärt:
„Das US-Finanzministerium muss in diesem Jahr rund 9 Billionen US-Dollar an Staatsschulden refinanzieren. Angesichts der Gesamtverschuldung, die jüngst die Marke von 40 Billionen US-Dollar überschritten hat – was 125 Prozent des BIP entspricht –, stellen solche Renditen und ein derartiger Refinanzierungsbedarf eine übermäßige Belastung für den US-Haushalt dar und destabilisieren das gesamte Finanzsystem, da allein die Zinszahlungen auf die Staatsschulden rund 20 Prozent der Haushaltsausgaben ausmachen.“
Die Ursache des Problems liege, so der Experte, in den zu niedrigen Unternehmenssteuern im Verhältnis zum BIP – weniger als zwei Prozent – und zum Staatshaushalt – rund elf Prozent. Keine US-Regierung sei bereit, die Steuerpolitik zu ändern. Infolgedessen sei das Haushaltsdefizit chronischer Natur und werde es auch weiterhin bleiben, sagt Klissenko.
Dies zwingt die USA dazu, auf Kosten derer zu leben, die ihnen Geld leihen. Derzeit sind dies in erster Linie Japan und Europa, die sich aufgrund ihrer starken Abhängigkeit dem Druck der USA nicht entziehen können.
Das Problem der Staatsverschuldung und der hohen Anleiherenditen betrifft nicht nur die US-Wirtschaft, es breitet sich auch auf andere Länder aus. Nachdem die US-Staatsverschuldung die Marke von 40 Billionen US-Dollar überschritten habe, treibe sie die Anleiherenditen weltweit in die Höhe und belaste die Staatshaushalte der europäischen Länder, schreibt Politico. Damit wächst auch in Europa die Gefahr einer Finanzkrise. Die europäischen Regierungen müssen mit Washington um das weltweit verfügbare Kapital konkurrieren. Zusätzlich verschärft wird dieser Wettbewerb dadurch, dass US-Technologiegiganten Hunderte Milliarden US-Dollar aufnahmen, um ihre Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) zu finanzieren.
Infolgedessen stieg die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen, die für den übrigen europäischen Markt richtungsweisend sind, auf das Niveau von 2011. Die Kosten für die Bedienung der Staatsschulden nehmen ebenfalls zu. In Frankreich etwa werden sie sich innerhalb eines Jahrzehnts mehr als vervierfachen – von 30 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 124 Milliarden Euro im Jahr 2030.
Nun versucht das US-Finanzministerium gegenzusteuern: Ab dem kommenden Monat soll das Volumen der Rückkäufe langfristiger Staatsanleihen mindestens verdoppelt werden. Experten bezeichneten diese Maßnahme jedoch als den Versuch, „eine Schusswunde mit einem Pflaster zu versorgen“. Zunächst reagierte der Markt positiv: Die Kurse langfristiger US-Staatsanleihen stiegen, während die Rendite 30-jähriger Papiere von ihrem wenige Tage zuvor erreichten 19-Jahres-Hoch zurückging. Doch die Wirkung hielt nicht lange an, und die Renditen begannen erneut zu steigen.
Nach Einschätzung von J.P. Morgan könnten die Rückkäufe zwar kurzfristig für Entlastung sorgen, das Schuldenproblem aber lediglich auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Und was unternimmt dabei das US‑Finanzministerium? Im Grunde kauft es Anleihen mit längeren Laufzeiten zurück und gibt gleichzeitig kurzfristige Schatzwechsel aus. „Im Grunde ähnelt dies der Tilgung einer Hypothek mit einer Kreditkarte. Vorübergehend mag dies funktionieren, doch letztlich wird die Diskrepanz immer offensichtlicher“, merkte ein Experte von J.P. Morgan an.
Klissenko ist der Ansicht:
„Der Rückkauf zielt darauf ab, die Renditen zu senken und damit das Haushaltsdefizit weniger akut zu machen. Gleichzeitig ist dieser Rückkauf eine Form der quantitativen Lockerung, die bereits früher eingesetzt wurde und faktisch nichts anderes als Gelddrucken bedeutet.“
Was bedeutet das konkret?
Der Experte erläutert:
„Das Gelddrucken wird den US-Dollar gegenüber realen Vermögenswerten – Immobilien, Gold, Rohstoffen und Ähnlichem – durch Inflation entwerten. Das Problem der Staatsverschuldung wird sich somit weiter verschärfen. Die Gefahr besteht darin, dass das Finanzsystem mit derart hohen Verschuldungskennzahlen – wie einer Staatsverschuldung von 125 Prozent des BIP – langfristig instabil wird und früher oder später in eine große Krise gerät.“
Im Grunde bedeutet dies das Risiko eines Staatsbankrotts der USA, wenn das Land seine Schulden nicht mehr bedienen kann. In der Praxis müsse es jedoch nicht zu einem solchen Zahlungsausfall kommen, erklärt Klissenko, da die gesamte US-Staatsverschuldung in der eigenen Währung denominiert sei und das Problem im äußersten Fall durch Gelddrucken gelöst werden könne.
Wohin führt das alles? Klissenko kommt zu folgendem Schluss:
„Erstens könnte das Vertrauen in den Dollar auf dem Weltmarkt erschüttert werden. Zweitens führt unkontrolliertes Gelddrucken früher oder später zur Entstehung von Finanzblasen und kritischen Ungleichgewichten in der Wirtschaft, die letztlich Rezessionen und massive Ausverkäufe an den Finanzmärkten auslösen. Solche Schocks sind in den vergangenen 100 Jahren mehrfach aufgetreten und können sich wiederholen. Neue Schocks lassen sich daher auf mittlere Sicht nicht völlig ausschließen.“
Die USA befinden sich in einer äußerst komfortablen Lage, da die ganze Welt dem US-Dollar vertraut, den die USA selbst drucken.
Juri Itschkitidse, Makroökonom bei Freedom Global, erklärt:
„Es gibt im Grunde keinen bestimmten Stand der US-Staatsverschuldung, ab dem diese für die Wirtschaft gefährlich wird. Sie kann sowohl 100 Prozent als auch 200 Prozent des BIP betragen. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen dem Wachstum des nominalen BIP und dem Zinssatz für die Staatsverschuldung, der nicht höher sein sollte als das Wirtschaftswachstum. Bei einem nominalen BIP-Wachstum von fünf Prozent kommen die USA derzeit damit gut zurecht.“
Eine Rezession könne jedoch, so Itschkitidse, durch eine unausgewogene Haushaltspolitik in den USA und einen Vertrauensverlust der Investoren ausgelöst werden – und das wäre natürlich ein schwerer Schlag.
Die Situation wird zusätzlich dadurch erschwert, dass einige traditionelle Käufer von US-Staatsanleihen ihre Bestände reduzieren. Größter ausländischer Gläubiger ist Japan: Das Land hält US-Anleihen im Wert von 1,2 Billionen US-Dollar – genauso viel wie bereits sechs Jahre zuvor, im Jahr 2020. Auf Platz 2 liegt Großbritannien, das seine Investitionen in US-Staatsanleihen von 400 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 auf 900 Milliarden US-Dollar erhöhte. Doch auch das reicht kaum aus, wenn man bedenkt, dass China – das an dritter Stelle steht – seine Bestände an US-Staatsanleihen von 1,1 Billionen im Jahr 2020 auf derzeit 600 Milliarden US-Dollar reduzierte.
Chinas Bestände an US-Staatsanleihen liegen damit auf dem niedrigsten Stand seit 18 Jahren. Zugleich reduzierten ausländische Regierungen ihre Investitionen in US-Staatsanleihen auf den niedrigsten Stand seit 14 Jahren. Russland verzichtet bekanntlich schon seit Langem auf dieses „Vergnügen“.
Klissenko fasst zusammen:
„Rund ein Drittel der US-Staatsverschuldung befindet sich in ausländischer Hand. Sollten Probleme mit der US-Staatsverschuldung auftreten, könnte es zu Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten kommen – wie bereits im Jahr 2008.“
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 23. August 2026 auf der Website der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung „Wsgljad“.
Mehr zum Thema – Immer mehr US-Amerikaner können ihre Schulden für Haus und Auto nicht mehr abbezahlen

