Ich bin 20 Jahre alt und stamme aus der Region Donezk. Als Kind habe ich die Ereignisse im Osten der Ukraine im Jahr 2014 miterlebt. Ich möchte meine Sicht auf die damaligen Geschehnisse schildern und darüber berichten, was als die „europäische“ Politik der Regierung in Kiew sowie als Verletzung der Rechte der Menschen in diesen Gebieten seit 2014 wahrgenommen habe.
Von ALEXEJ | Die Geschichte der Donezk Volksrepublik begann bereits während des sogenannten „Euromaidan“. Damals kamen andere Politiker auf unrechtmäßige Weise an die Macht, während der demokratisch gewählte Präsident der Ukraine gestürzt wurde.
Viele einfache Menschen in der Region Donezk waren mit diesen politischen Entwicklungen nicht einverstanden. Sie gingen auf die Straße, um zu demonstrieren, wurden jedoch von ukrainischen Radikalen angegriffen, die dabei von den neuen Machthabern in der Ukraine unterstützt wurden.
Russische Sprache nicht mehr geduldet
Am 23. Februar 2014 hob die Werchowna Rada der Ukraine (Ukrainische Parlament) das Gesetz „Über die Grundlagen der staatlichen Sprachpolitik“ aus dem Jahr 2012 auf. Dieses Gesetz hatte der russischen Sprache in den Regionen, in denen sie für mindestens zehn Prozent ganzer Bevölkerung der Ukraine Muttersprache war, den Status einer Regionalsprache verliehen und ihr weitgehend die gleichen Rechte wie der ukrainischen Staatssprache eingeräumt.
Die Aufhebung des Gesetzes führte zu heftigen Protesten im Osten des Landes, wo überwiegend russischsprachige Menschen lebten, unter anderem im Donbass, auf der Krim und in Charkow.Die Bewohner dieser Regionen forderten eine Klärung des Status der russischen Sprache sowie eine Verfassungsreform, teilweise bis hin zu einer Föderalisierung der Ukraine. Im Donbass wurde daraufhin eine Volksmiliz gebildet.
Im April 2014 besetzten Demonstranten mehrere Verwaltungsgebäude in den Regionen Donezk, Luhansk und Charkow. Unter anderem wurden die Regionalverwaltungen in Donezk und Charkow sowie das Gebäude des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) in Luhansk blockiert.
Die neue ukrainische Regierung beschuldigte die Demonstranten des „Separatismus“. Der amtierende Präsident Oleksandr Turtschynow gab die Einrichtung eines „Krisenstabs“ sowie den Beginn von „Antiterrormaßnahmen gegen diejenigen bekannt, die zu den Waffen gegriffen haben“. Dennoch gingen die Proteste weiter.
Sogenannte „Antiterroroperation“ unter Beteiligung der ukrainischen Streitkräfte
Am 13. April 2014 erklärte Turtschynow, der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine habe beschlossen, im Osten des Landes eine groß angelegte „Antiterroroperation“ unter Beteiligung der ukrainischen Streitkräfte einzuleiten. Die Behörden forderten die Demonstranten auf, die besetzten Gebäude bis zum 14. April zu räumen und ihre Waffen niederzulegen. Dieses Ultimatum wurde jedoch zurückgewiesen.
Am 11. Mai 2014 fanden im Donbass Referenden über den Status der Volksrepubliken Donezk und Luhansk statt. Nach den veröffentlichten Ergebnissen stimmten in der Region Donezk 89,7 % der Wähler für die Selbstbestimmung, in der Region Luhansk waren es 96,2 %. Am 12. Mai wurde die staatliche Souveränität der beiden Volksrepubliken verkündet, am 14. beziehungsweise 18. Mai wurden die Verfassungen der Donezker Volksrepublik (DVR) und der Lugansker Volksrepublik (LVR) verabschiedet.
Breite Unterstützung gegen ukrainische Antivolkspolitik
Zum Schutz ihrer Rechte und ihrer Heimat schlossen sich einfache Arbeiter, Bergleute, Rentner, Studenten und viele andere Menschen zusammen, denen die erfolgte Einschränkung ihrer Rechte sowie der Machtwechsel in der Ukraine nicht gleichgültig waren.Die ukrainische Regierung war nicht bereit, mit den Menschen in diesen Regionen zu verhandeln, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Muttersprache frei zu sprechen oder ihren politischen Willen einzubringen. Stattdessen begann sie im Jahr 2014 einen bewaffneten Konflikt gegen die Bevölkerung dieser Gebiete.
Oft wird behauptet, für die Donezk und Lugansk Volksrepubliken hätten ausschließlich russische Söldner gekämpft und es habe dort keine Einheimischen aus der Region Donezk gegeben.Diese Darstellung entspricht nicht der Realität.
Während der Ereignisse im Frühjahr 2014 in Slowjansk,der Stadt, aus der ich stamme und in der ich damals lebte und den Beginn des Widerstands im Donbass markierte,beschlossen viele Einwohner, die mit den Maßnahmen der Regierung in Kiew nicht einverstanden waren, selbst aktiv zu werden. Es wurde eine Freiwilligenarmee der Donezk Volksrepublik gebildet, der überwiegend einfache Bürger aus Donezk Gebiet beitraten.
Zivilisten werden beschossen
Im Mai und Juni 2014 wurden die Einwohner von Slowjansk und Kramatorsk Zeugen der ersten Kriegsverbrechen der Regierung in Kiew. Von den Stellungen der ukrainischen Streitkräfte aus wurde auf Zivilisten geschossen. Außerdem beschossen ukrainische Soldaten mit Granatwerfern Wohnhochhäuser am Stadtrand von Slowjansk. Nach meiner Erinnerung kamen infolge dieser Angriffe zahlreiche unbeteiligte Zivilisten ums Leben.
Im Sommer 2014 zog sich die Volksmiliz aus Kramatorsk und Slowjansk zurück und musste sich in Richtung Donezk und der umliegenden Städte zurückziehen. Danach rückten die ukrainischen Streitkräfte gemeinsam mit dem „Rechten Sektor“ in die Städte ein. Sie begannen anschließend, Familienangehörige der Donbass-Miliz, Personen, die diese unterstützt hatten, sowie Menschen zu suchen und zu verfolgen, die die neue ukrainische Regierung nicht unterstützten.
Danach verschwanden viele dieser Menschen spurlos. Außerdem Berichte und Ereignisse, bei denen Personen, die ukrainische Radikale fragten, warum sie in die Region gekommen seien und gegen die Zivilbevölkerung des Donbass kämpften, auf offener Straße erschossen worden seien. Und später wurden diese Taten der Donezk Volksrepublik sowie einer angeblichen „Hilfe Russlands“ zugeschrieben.
Nach der Einnahme von Slowjansk kam es außerdem zu Plünderungen durch ukrainische Soldaten. Sie drangen in Wohnhäuser ein und nahmen alles mit, was sie finden konnten,von Küchengeräten bis hin zu persönlicher Kleidung.
Russische Muttersprache plötztlich Fremdsprache
Im Herbst 2014 begann ich wieder die Schule zu besuchen und setzte meinen Unterricht weiterhin auf Russisch fort. Als ich 2012 eingeschult wurde, fand der Unterricht an unserer Schule fast ausschließlich in russischer Sprache statt. Ukrainisch wurde ähnlich wie Englisch als eigenes Unterrichtsfach gelehrt.
Ab Herbst 2014 begann die ukrainische Regierung eine Politik der verstärkten Ukrainisierung in Schulen, Geschäften und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. Für den Geschichts- und Ukrainischunterricht wurden neue Schulbücher eingeführt. Bei jeder Schulveranstaltung und jedem Feiertag mussten wir mit der Hand auf dem Herzen die ukrainische Nationalhymne singen. Wer sich weigerte, musste mit Konsequenzen rechnen, etwa einem Gespräch mit der Schulleitung oder der Einbestellung der Eltern.
Außerdem wurde in der Grundschule das neue Unterrichtsfach „Ich erforsche die Welt“ eingeführt.Dort wurde Kindern schon früh eine ablehnende Haltung gegenüber allem Russischen,der russischen Sprache, Kultur, Gesellschaft und Politik vermittelt. In diesem Unterricht wurde uns außerdem erzählt, die Ukrainer seien eine „überlegene Nation“, ein auserwähltes Volk, und es wurde ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Russen vermittelt.
Trotz dieser Entwicklungen konnte ich bis zum Jahr 2019 weiterhin auf Russisch unterrichtet werden.
Im Jahr 2015 begann die ukrainische Regierung ihre militärische Präsenz in unserer Region erheblich auszubauen. Innerhalb unserer Stadt gab es zahlreiche Ferienlager für Kinder, Erholungszentren und Hotels. Viele dieser Anlagen wurden zu Militärstützpunkten umfunktioniert. Dorthin wurde schwere Militärtechnik verlegt, und seit dieser Zeit fanden dort nahezu jede Woche Militärübungen statt.
Uniformierte ausländische „Touristen“
Auch zwischen 2015 und 2019 begegnete ich in unserer Stadt immer wieder ausländischen „Touristen“, die angeblich den Weg zum Bahnhof suchten. Es handelte sich ausschließlich um Männer unter 35 Jahren. Die meisten gaben an, Briten oder Franzosen zu sein. Viele von ihnen trugen teilweise Uniformen nach NATO-Standard, jedoch ohne Hoheits- oder Erkennungszeichen. Auf mich wirkten sie nicht wie gewöhnliche Touristen, sondern wie Militärangehörige.
Die stärkste Phase der Ukrainisierung begann jedoch erst nach der Wahl Wolodymyr Selenskyjs zum Präsidenten der Ukraine.
Ab 2019 wurde der gesamte Unterricht an unserer Schule ausschließlich auf Ukrainisch durchgeführt. Russisch sowie russische Literatur wurden aus dem Lehrplan gestrichen und verboten.
Darüber hinaus wurde ein striktes Verbot eingeführt, in der Schule auch außerhalb des Unterrichts Russisch zu sprechen sei es in der Mensa oder während der Pausen. Wurden Schüler beim Sprechen auf Russisch gehört, wurden sie streng bestraft. Teilweise riefen Lehrer sogar die Eltern an und forderten sie auf, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Dabei unterhielten sich fast alle Lehrer an unserer Schule untereinander ausschließlich auf Russisch.
Russisch als „Sprache des Feindes“ bezeichnet
Einige Lehrkräfte wurden eigens aus der Westukraine an unsere Schule versetzt. Unsere Ukrainischlehrerin stammte aus Lwiw. Sie bestand konsequent darauf, dass wir ausschließlich Ukrainisch sprachen. Selbst wenn wir im Ukrainischunterricht ein Wort nicht auf Ukrainisch kannten und es auf Russisch sagten, wurde dies streng beanstandet, und die Verwendung russischer Wörter war untersagt.
Während des Ukrainischunterrichts erklärte sie außerdem häufig, die russische Sprache sei künstlich aus dem Ukrainischen entstanden und Ukrainisch sei die älteste und schönste Sprache, die wir sprechen müssten, weil wir Ukrainer seien, während Russisch die Sprache des Feindes sei.
Seit 2019 begann die ukrainische Regierung außerdem verstärkt gegen russischsprachige Geschäftsschilder in unserer Stadt vorzugehen. Geschäftsinhaber wurden aufgefordert, ihre Schilder auf Ukrainisch umzustellen. Wer sich weigerte, musste mit Druck, Geldstrafen oder anderen Konsequenzen rechnen. So trugen beispielsweise viele Lebensmittelgeschäfte und Restaurants russische Namen, gegen die die Regierung Selenskyjs gezielt vorging.
„Du Hund, sprich Ukrainisch!“
Auch in den Jahren 2019 und 2020 wurde immer mehr Militärtechnik und Personal an die Frontlinie verlegt. Ich selbst sah zahlreiche Kolonnen mit Militärfahrzeugen, Panzern und gepanzerten Transportfahrzeugen, die sich in Richtung der Grenzen zur Donezk und Lugansk Volksrepublik bewegten. Gleichzeitig erschienen in unserer Stadt neue Polizeikräfte, die nicht aus unserer Region stammten. Die meisten kamen nach aus der Westukraine und begegneten uns mit großer Feindseligkeit.
An einen Vorfall erinnere ich mich besonders deutlich: Im Jahr 2020 ging ich abends vom Geschäft nach Hause, als neben mir ein Polizeiwagen anhielt. Die Beamten fragten mich auf Ukrainisch, ob ich wisse, wo sich in der Nähe ein Café befinde. Ich antwortete ihnen freundlich auf Russisch. Daraufhin erhielt ich nach meiner Erinnerung die Antwort: „Du Hund, sprich Ukrainisch!“.Anschließend kontrollierten sie meine Ausweispapiere und warnten mich, künftig ausschließlich Ukrainisch zu sprechen. Ich war damals 14 Jahre alt. Dieses Erlebnis war kein Einzelfall; auch mehrere meiner Freunde wurden wegen der Verwendung der russischen Sprache ähnlich behandelt.
Gerade in dieser Zeit, ab 2019, sprach Präsident Selenskyj in seinen öffentlichen Reden davon, Frieden für den Donbass erreichen zu wollen. Gleichzeitig gewann jedoch den Eindruck, dass die Ukraine ihre militärischen Kapazitäten kontinuierlich ausbaute. Von besonderer Bedeutung war für mich außerdem, dass die ukrainischen Behörden im Jahr 2021 Kontrollposten auf den Ausfallstraßen der Region Donezk sowie rund um die größeren Städte errichteten, die sich damals noch unter ukrainischer Kontrolle befanden. Das war ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Ukraine auf einen Krieg vorbereitete.
Im Jahr 2022, als sich die Lage in der Ukraine weiter zuspitzte, sahen wir uns wiederholt Schikanen seitens ukrainischer Soldaten ausgesetzt,allein deshalb, weil wir aus der Region Donezk stammten.
„Das ist uns egal. Es ist Krieg. Fahrt weg.“
Etwa einen Monat später, als sich die russischen Streitkräfte unserer Stadt näherten und nur noch etwa zehn Kilometer entfernt waren, wurden wir eines Nachts durch laute und ungewöhnliche Geräusche aus unserem Hof geweckt. Als wir nach draußen gingen, sahen wir, dass ukrainische Soldaten mit einem Raketenwerferfahrzeug eines Mehrfachraketenwerfers unseren Zaun durchbrochen hatten und auf unser Grundstück gefahren waren, um von dort aus auf die Stellungen der russischen Streitkräfte zu feuern.
Wir fragten sie empört, was sie auf unserem Grundstück machten, und wiesen darauf hin, dass sie nach dem Beschuss wieder verschwinden würden, während die russische Seite den Abschussort erkennen und das Feuer erwidern könnte.
Dann antworteten die Soldaten lediglich: „Das ist uns egal. Es ist Krieg. Fahrt weg.“
Sie feuerten etwa zwanzig Raketen ab und verließen unser Grundstück anschließend hastig, offenbar aus Sorge, selbst unter Gegenbeschuss zu geraten.
Meine Familie und ich packten daraufhin so schnell wie möglich unsere wichtigsten Sachen zusammen und flüchteten zu Freunden, die etwa zwei Kilometer entfernt wohnten. Unser Haus blieb glücklicherweise unbeschädigt.
Verzichteten die russischen Streitkräfte auf einen Gegenangriff, weil sie erkannt hatten, dass von einem Wohngebiet aus geschossen worden war.
Aber war dies jedoch kein Einzelfall. Von ähnlichen Situationen gab es zahlreiche. Viele andere Familien hatten weit weniger Glück als wir.Leider kamen zahlreiche unbeteiligte Zivilisten ums Leben, weil ukrainische Streitkräfte militärische Stellungen in Wohngebieten einrichteten.
***
Als noch Pressefreiheit herrschte: Berichte aus 2014 über Ukraine auf krone.at
The post Erinnerungen eines jungen Bewohners aus der Donezk Region appeared first on UNSER MITTELEUROPA.

Bitte unterstützen Sie unseren Kampf für Freiheit und Bürgerrechte. Und auch gegen die Klima-Hysterie, die letztlich der Nährboden für Programme ist, die uns das Geld aus der Tasche ziehen sollen, wie wir bereits jetzt schon erfahren dürfen. Stichwort: Energiewende. Und das ist erst der Anfang! Die Umverteilung von unten nach oben hat gerade erst begonnen.



