Westliche Militärplaner scheinen nicht gerade darauf erpicht zu sein, über ihr Albtraumszenario zu sprechen – geschweige denn, sich darauf vorzubereiten. Dennoch sind sie sich weitgehend einig darüber, wie es beginnen könnte: mit einem koordinierten, nahezu zeitgleichen Angriff in zwei weit voneinander entfernten Teilen der Welt.

Russland würde dabei einen NATO-Staat in Osteuropa angreifen, während China gegen Taiwan vorgeht. Das US-Militär müsste gleichzeitig an zwei Fronten reagieren – an drei, falls die USA zu diesem Zeitpunkt noch im Nahen Osten im Krieg stehen. Damit skizziert The Atlantic ein mögliches Szenario der Weltpolitik, das den Westen vor eine enorme strategische Herausforderung stellen könnte.

Vor etwa einem Jahr warnte der damalige NATO-Oberbefehlshaber in Europa, General Alexus G. Grynkewich, vor einem möglichen Zwei-Fronten-Krieg und forderte Europa auf, sich besser darauf vorzubereiten.

Doch Experten zufolge fehlt es dem Westen weiterhin an konkreten Plänen für ein solches Szenario. Auch die USA sind nach Einschätzung von Experten nur unzureichend vorbereitet. Bei einer Kriegssimulation vor rund 15 Jahren zeigte sich bereits, dass Washington weder über genügend Waffenbestände noch über ausreichende industrielle Kapazitäten für einen längeren Krieg an mehreren Fronten verfügte.

Die Gegenseite hat dagegen Fortschritte gemacht. Obwohl Russland seine Ziele im Krieg gegen die Ukraine bislang nicht vollständig erreicht habe, sei es ihm gelungen, seine umfangreichen industriellen Kapazitäten auf Kriegsproduktion umzustellen, heißt es in The Atlantic. Ehemals zivile Fabriken produzieren inzwischen auch Raketen und Panzer. Zugleich haben die russischen Streitkräfte ihre Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg genutzt, um ihre Fähigkeiten im Drohnenkrieg deutlich auszubauen.

China, das den Großteil der weltweiten Drohnen produziert, hat zwar seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr geführt und kämpft mit Korruption in den oberen Führungsebenen. Dennoch hat es die USA bei der Zahl der Kriegsschiffe sowie der Langstreckenraketen überholt. Gleichzeitig haben Russland und China ihre militärische Zusammenarbeit im Rahmen einer von ihren Staatschefs als „Partnerschaft ohne Grenzen“ bezeichneten Beziehung weiter vertieft.

Für Russland und China dürfte sich derzeit kaum ein günstigeres Zeitfenster für einen Angriff auf den Westen bieten, heißt es in der Analyse. Die USA sind weiterhin im Iran-Krieg gebunden und haben zahlreiche Schiffe und Flugzeuge aus Asien und Europa abgezogen, um ihre Truppen im Nahen Osten zu verstärken. Seit Februar sind Schätzungen zufolge rund zwei Drittel des US-Bestands an modernen Luftabwehrraketen aufgebraucht. Zugleich hat Donald Trump mit seinen wiederholten Angriffen und Drohungen gegenüber der NATO den Graben zwischen den USA und ihren europäischen Verbündeten erheblich vertieft.

Nach jüngsten Einschätzungen des US-Geheimdienstes könnte Russland in den kommenden Jahren versuchen, die Entschlossenheit der NATO mit einem Cyberangriff oder einem begrenzten Einfall in einen Mitgliedstaat zu testen. Ein solcher Vorstoß hätte „größere Erfolgsaussichten“, wenn er zeitgleich mit einem chinesischen Angriff auf Taiwan erfolgen würde, sagte Admiral Rob Bauer, ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses.

Das Thema eines Zwei-Fronten-Krieges werde unter Militärexperten inzwischen „häufiger als früher“ diskutiert, sagte Eric Heginbotham, ein Experte für Kriegssimulationen am Security Studies Program des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Das Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS) veröffentlichte im Juni einen umfangreichen Bericht darüber, wie die USA am besten auf eine von China und Russland angeführte Allianz reagieren könnten. Zuletzt warnte auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte vor einem solchen Szenario. „China blickt auf Taiwan“, sagte Rutte. Er sei „überzeugt“, dass China im Falle eines militärischen Vorgehens gegen Taiwan seinen Partner Russland dazu „drängen“ würde, „uns hier in Europa beschäftigt zu halten“.

Zwar haben Russland und China keinen gegenseitigen Verteidigungspakt, doch ihre Streitkräfte führen regelmäßig gemeinsame Militärübungen durch, um ihre militärische Zusammenarbeit zu vertiefen und ihre Einsatzbereitschaft zu verbessern, hieß es in The Atlantic.

Ein konkretes Szenario für einen Zwei-Fronten-Krieg sieht laut The Atlantic vor, dass China zunächst indirekt Europas Rüstungsindustrie schwächt, indem es den Export wichtiger Rohstoffe stoppt. Nach mehreren Monaten gerät die europäische Waffenproduktion dadurch ins Stocken. Anschließend nutzt Russland die geschwächte Lage Europas und greift einen NATO-Staat in Osteuropa an, während die USA ihre militärischen Kräfte auf den chinesischen Angriff auf Taiwan konzentrieren.

Damit wäre Europa weitgehend auf sich allein gestellt. Die Kriegssimulationen zeigen, dass Russland und China durch ein koordiniertes Vorgehen die militärischen Ressourcen des Westens auf zwei Kriegsschauplätze binden könnten. Gleichzeitig könnte ein Streit zwischen den USA und ihren europäischen Verbündeten die Reaktionsfähigkeit des Bündnisses zusätzlich schwächen.

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