Von Rainer Rupp
Die Zeitschrift Foreign Affairs ist nicht irgendeine Publikation – sie wird vom „US-Council for Foreign Relations“ herausgegeben. Die in diesem „US-Rat für Außenbeziehungen“ versammelten „Grauen Eminenzen“ aus Politik, Militär und Wissenschaft bedienen seit Jahrzehnten die imperialistischen Ambitionen der herrschenden US-Klasse und deren Vasallen mit militärpolitischen Analysen und Angriffsplänen.
Zugleich sind die Mitglieder des Rats große Spezialisten darin, die Verbrechen des US-Imperialismus mit einem passenden ideologischen Überbau zu exkulpieren und medial in wohltätige Interventionen für Demokratie, Menschenrechte und „Freie Finanzmärkte“ zu verwandeln.
Bitteres Erwachen der US-Eliten?
In der Vergangenheit haben Aufsätze und Diskussionen in Foreign Affairs nicht selten das außenpolitische Establishment der USA richtungsweisend beeinflusst. Deshalb kann man es ruhig als kleine Sensation betrachten, dass jetzt ein Beitrag unter dem Titel „Amerika muss den Nahen Osten loslassen“ erschienen ist. Der Untertitel lautete:
„Der gescheiterte Iran-Krieg sollte einen längst überfälligen Rückzug auslösen.“
Das ist aber nur einer von einer ganzen Reihe von kritischen Meinungsäußerungen anerkannter Experten in jüngsten Veröffentlichungen des „US-Council for Foreign Relations“.
Könnte das der Anfang eines radikalen Umdenkens sein? Hat der kläglich gescheiterte, unprovozierte, völkerrechtswidrige US-Angriffskrieg gegen Iran in Washington der Erkenntnis den Weg gebahnt, dass die imperiale Überausdehnung des US-Militärs nicht länger aufrechtzuerhalten ist, weil wichtige Ressourcen (z.B. „Seltene Erden“) und die notwendigen industriellen und militärtechnologischen Kapazitäten fehlen? Oder weil mit dem Erscheinen billiger und schlagkräftiger Drohnen die Lage auf den Kriegsschauplätzen sich zugunsten ärmerer, aber gegen Angriffe des kollektiven Westens gesellschaftlich resilienter Länder des Globalen Südens verändert hat?
Vor diesem Hintergrund ist vor allem in den letzten Jahren die Kluft zwischen den selbst gesteckten hegemonialen Zielen Washingtons und den dahingeschmolzenen real existierenden US-Fähigkeiten immer breiter geworden. Diese Tatsache der imperialen Überforderung der Fähigkeiten des US-Militärs, der US-Industrie und der US-Gesellschaft ist vor allem seit Beginn des verbrecherischen Angriffskriegs gegen Iran nicht nur der Welt, sondern auch zunehmend der amerikanischen Öffentlichkeit deutlich geworden, die inzwischen zu zwei Dritteln den Iran-Krieg ablehnt.
Leider ist es der herrschenden Klasse in den USA schnurzegal, was das Volk will. Parallelen zu Deutschland und Europa sind kein Zufall! Wichtiger für die zukünftige außenpolitische Richtung ist daher die Wahrnehmung des sicherheitspolitischen US-Establishments. Und in dieser Hinsicht scheint sich einiges zu tun. Denn in den jüngsten Veröffentlichungen des „US-Council for Foreign Relations“ können wir inzwischen einige radikale Prozesse des Umdenkens und des Abschieds von den globalen US-Machtansprüchen erkennen.
Hiernach und in den folgenden zwei Beiträgen wollen wir die teils radikalen Prozesse des Umdenkens zusammenfassen und analysieren. Zunächst ist jedoch eine kurze Bestandsaufnahme der oben angedeuteten militär-technologischen Veränderungen und rüstungsindustriellen Engpässe nötig, die von den eitlen Strategen der „einzigen Supermacht“ lange ignoriert und zum aktuellen bösen Erwachen geführt haben, zur Erkenntnis, dass der Krieg gegen Iran kläglich gescheitert ist. Dies einzugestehen, fällt vor allem der Trump-Administration und dem Großteil des US-Kongresses ungeheuer schwer, weshalb sie im derzeitigen Modus der Realitätsverweigerung verharren, in der vergeblichen Hoffnung, dass ein „deus ex machina“ ihre Probleme lösen wird.
„Akella hat den Sprung verfehlt“: Der Leitwolf lahmt
Sie alle sind in einer Welt aufgewachsen, in der nach der Auflösung der Sowjetunion die USA den Globus geradezu allmächtig regierten. Entweder mit wirtschaftlichen oder finanziellen Sanktionen, mit „Farbenrevolutionen“ oder anderen Arten von Umstürzen, zuweilen mit kurzen Militärinterventionen bis zu langen Kriegen, die die Dinge in der Welt zum Besten der herrschenden Klasse in den Vereinigten Staaten regelten.
Wie in einem Wolfsrudel bekamen dabei willige US-Vasallen in Europa oder Asien einige Brocken von der Beute des US-Leitwolfes ab. So funktionierte bisher die „Karotten und Stock“-Methode, um auch die Vasallen auf Linie zu halten.
Jetzt aber lahmt der Leitwolf, seine wichtigsten Reißzähne, die Flugzeugträger-Angriffsgruppen („Die Carrier Strike Groups“) sind stumpf geworden und seine einstigen, alles zerquetschenden finanziellen Kräfte (die Position der Dollars und die maßlose Überschuldung der US-Regierung) sind am Schwinden, während sich zugleich die US-amerikanische Gesellschaft zunehmend selbst zerfleischt.
Während Trump sich bei seinen kriminellen Angriffskriegen oder bei seiner Unterstützung des israelischen Verbrechens gegen die Menschlichkeit (Genozid in Gaza) auf seine willigen Helfer im Kongress verlassen kann, wächst – wie bereits dargelegt – im elitären sicherheitspolitischen Establishment der USA die Erkenntnis, dass die imperiale Überdehnung des US-Militärs und dessen fehlender, militärisch-industrieller Rückhalt nicht länger aufrechtzuerhalten sind.
Drohnen machen Flugzeugträger obsolet
Vor allem ist der Pfeiler der globalen militärischen Machtprojektion der Vereinigten Staaten, nämlich die Flugzeugträger-Angriffgruppen (Carrier-Strike-Groups), zunehmend obsolet geworden. Angesichts billiger, aber zielgenauer und zunehmend weitreichender Antischiffraketen, die im Zielanflug nicht selten hyperschnell, sondern auch durch wendige Manöver unverwundbar sind, haben die Carrier-Strike-Groups als Instrument der erpresserischen Drohungen im Fall des Iran bereits ausgedient. Bald werden andere kleine Länder, die sich nicht länger vom US-Bully herumkommandieren lassen wollen, ihre Raketenarsenale entsprechend aufstocken.
In der Vergangenheit war es die Aufgabe der Carrier-Strike-Groups, vor der Küste des anzugreifenden Landes in etwa 50 km Entfernung von der Küste aufzukreuzen, um von dort ihre je 60 bis 80 Kampfbomber loszuschicken. Diese schalteten als Erstes mit hoch technisierten Raketen, z. B. AGM-88 HARM, die Radarleitstellen und die Stellungen der gegnerischen Luftabwehr aus. Danach konnten die Jet-Bomber mit zielgenauen, schweren Gravitationsbomben die eingebunkerten gegnerischen Küstenbatterien zerstören.
Da die auf den Flugzeugträgern stationierten US-Bomber ohne Reservetank eine maximale Reichweite von etwa 400 km haben, konnten sie sich nach der Eliminierung der gegnerischen Luftabwehr tiefer ins Landesinnere wagen. Zugleich konnten die Carrier-Groups näher an die Küste heran, um von dort mit Artillerie wichtige Landziele unter Beschuss zu nehmen.
In diesen Szenarien kamen auch Cruise Missiles und andere see- oder luftgestützte Raketen gegen Bodenziele mit längerer Reichweite zum Einsatz, aber vom Volumen her nur in einer begrenzten Anzahl. Denn diese sehr teuren Raketen waren für die wenigen wichtigen Ziele reserviert, die entweder zu gut geschützt oder in schwierigem geografischem Terrain lagen, die auszuschalten für die Piloten der Carrier-Kampfbomber zu gefährlich gewesen wäre.
Iran ist nun das erste gute Beispiel dafür, dass die bisherige US-Methode der Machtprojektion mit Carrier-Strike-Groups nicht mehr funktionierte: Aus Sorge vor iranischen Antischiffraketen bleiben die US-Träger auf mindestens 300 km Distanz zur iranischen Küste. In den ersten Tagen und Wochen, als der US-Air-Force noch genügend teure Langstreckenraketen zur Verfügung standen, wurden diese von US-Bombern recht großzügig eingesetzt, in dem festen Glauben, dass die Iraner schon bald kapitulieren würden. Mit diesen teuren Raketen wurden oft zweit- und drittklassige Ziele im Inneren des Iran zerstört, ohne dass die US-Bomber dafür in den iranischen Luftraum hätten eindringen müssen, womit sie riskiert hätten, abgeschossen zu werden, was das Schicksal einiger US-Piloten war, die sich im Rahmen einer Kommando-Operation tiefer in den Iran gewagt hatten.
Seit einigen Tagen zitieren US-Medien zunehmend Quellen aus dem Pentagon, wonach der Vorrat teuren und komplexen Langstreckenraketen, die für den Iran-Krieg bereitgestellt worden waren, aufgebraucht ist. Um mit dieser Art Abstandswaffen weiter angreifen zu können, müsste die US-Führung die „eisernen Reserven“ freigeben, die sie für einen eventuellen US-Krieg im Pazifik oder gegen Russland reserviert hat.
Natürlich haben die Amerikaner noch genügend Schwerkraftbomben und Gleitbomben in ihrem Arsenal. Letztere sind mit Flügeln versehene Bomben, die aus großer Höhe abgeworfen und über GPS ins Ziel gesteuert werden, das bis zu 100 km entfernt sein kann. Um mit dieser Methode Ziele anzugreifen, die mehr als 100 km von der Küste entfernt im Landesinneren Irans liegen, müssten sich US-Piloten in die operative Reichweite der landgestützten iranischen Flugabwehr begeben. Erschwerend kommt hinzu, dass sie im Fall des Einsatzes von Gleitbomben vor dem Abwurf sogar auf große Höhen aufsteigen müssten, wodurch sie für gegnerisches Radar gut erkennbar wären.
Da die iranischen Luftabwehrsysteme anscheinend immer noch gut funktionieren, hat die Vorstellung von massiven Verlusten an teuren Flugzeugen und von blamablen Fotos von kostbaren US-Piloten in iranischer Gefangenschaft die US-Führung davon abgehalten, unter diesen Bedingungen Gravitations- oder Gleitbomben einzusetzen. Stattdessen fordert Trump jetzt mit Macht einen Waffenstillstand und sein für den Mittleren Osten verantwortliches CENTCOM-Kommando hat seit fast einer Woche keine Angriffe mehr gegen Iran durchgeführt.
Selbst nachdem Iran in den vergangenen Tagen weitere Öltanker mit Raketen gestoppt hatte, die der US-CENTCOM-Anweisung gefolgt waren, nämlich über die Route entlang der Küste von Oman die Straße von Hormus zu durchqueren, blieb die für einen solchen Fall von CENTCOM ausgesprochene Vergeltung aus.
In Teil II werden wir uns dem eingangs bereits angesprochenen Artikel in „Foreign Affairs“ widmen, der mit seinem Titel: „Amerika muss den Nahen Osten loslassen“, für Aufregung gesorgt hat.
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