Von Astrid Sigena
Vor 70 Jahren, am 14. August 1956, ist Bertolt Brecht in Ostberlin verstorben. Dieses Datum (und den Umstand, dass Tote sich nicht mehr wehren können) nutzte der Chefredakteur von t-online, um Brecht als Scharfmacher gegen die AfD und Russland zu missbrauchen. In einem mit Brecht-Zitaten versetzten Meinungsartikel legte Florian Harms dem Dichter eine Tirade gegen die angeblichen Hauptfeinde der BRD in den Mund.
In der Mahnrede des angeblichen Brecht ist vom fehlgeleitetem Misstrauen des Volkes gegen Behörden, Parlamente und Regierungen die Rede. Er, Brecht, kenne die Scharfmacher „in braunen Röcken, mit einfachen Sätzen für unbequeme Menschen“ noch vom ersten Mal. Am Ende sei alles zerstört gewesen. Seine – Brechts – Mahnung „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ sei eine Warnung ohne Verfallsdatum.
Nun – „81 Jahre nach dem Ende der Hitlerei“ – liefen wieder viele denen unbekümmert hinterher, die das Einfache versprächen und das Grausame meinten. Harms‘ Brecht-Imitation vergleicht diese unvorsichtigen Menschen mit Fischen, die zweimal ins selbe Netz gingen.
Dass mit dem Nazi-Vergleich die AfD gemeint ist, darauf weisen nicht nur die im Vergleich erwähnten blauen Fahnen hin. Im weiteren Text-Verlauf fügt Harms noch einen in militärischem Ton gehaltenen X-Post des Hallenser AfD-Stadtrats Paul Backmund bei.
Dabei verkennten die Bürger in ihrem Ressentiment gegen den deutschen Staat, wer ihr wahrer Feind sei: „Denn während ihr darüber streitet, wer den Staat am stärksten hasst, steht im Osten einer und führt Krieg“, lässt Harms seinen Brecht vor dem namenlos bleibenden Kriegsherrn im Osten warnen.
Er schrecke davor zurück, ihn „Feldherr“ zu nennen, da Feldherren dadurch charakterisiert seien, dass sie Heere führten. Dieser jedoch führe „eine Armee von Metzgern, die die Ukraine zerfleischen“. Spätestens mit der Nennung des Ukraine-Krieges dürfte klar sein, dass Harms seinen Sprechpuppen-Brecht sich in einer herabsetzenden Invektive gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und die russische Armee ergehen lässt.
Nicht nur, dass dieser Feind „Europa in die tiefste Krise seit 1945 gestürzt“ habe: Er „schlägt nun auch nach euch“, lässt Harms seinen Brecht die heutigen Deutschen warnen. Als Beleg müssen die unbewiesenen Vorwürfe herhalten, die schon seit Langem im deutschen Mainstream gegen die russische Führung herhalten: „Drohnen über den Flughäfen, Brandstiftung an den Lagerhallen, Mordkomplotte gegen Firmenlenker, Sabotage an dem, was euch lieb und teuer ist. Schon Hunderte von Fällen wurden gezählt.“
Die Deutschen müssten endlich merken, dass der Anführer der Metzger aus dem Osten das Böse in Person sei, dem man nicht „mit Kompromissen beikommen“ könne. Vielmehr fordert die Brecht-Imitation: „Das Böse muss in die Knie gezwungen werden, sonst tritt es euch die Beine weg, das lasst euch von einem sagen, der mehr Böses gesehen hat als ihr alle zusammen.“
Was das nun konkret in Bezug auf Putin und Russland bedeuten soll, lässt Harms‘ Brecht offen. Nur, dass die Lage dringlich ist, wird dem Leser klargemacht: „Merkt euch das: Der Krieg ist nicht weit weg. Er ist schon in eurem Keller und stellt die Uhr.“
Am Schluss der Tirade folgt der ursprünglich von Gerhard Schröder stammende, mittlerweile zur Plattitüde gewordene Appell an den Aufstand der Anständigen. Die Anständigen sollen aufstehen, „dem verrufenen Staatsamt“ beistehen und sich vereinigen. Die Stunde der Anständigen schlage jetzt.
Dass deutsche Journalisten – ganz unanständig – zum Hass aufrufen, sei es gegen die politische Opposition oder gegen das Feindbild Russland, dürfte spätestens seit Michael Martens‘ Belgrader Auftritt keinen mehr verwundern. Dass beträchtliche Teile des anerkannten deutschen Mainstream-Journalismus keine Rücksichten gegenüber den zum absoluten Bösen erklärten Feind mehr kennen, muss man vondeiten Russlands (und der gern als Landesverräter stigmatisierten AfD) als Warnung zu Kenntnis nehmen.
Nein, empörend ist im Fall Harms etwas anderes: die Dreistigkeit, mit der er einen Toten für seine aufhetzende Brandrede missbraucht. Ausgerechnet den Dichter Brecht, der nur dadurch den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten entkommen konnte, dass ihn die Sowjetunion im Spätfrühling 1941 aufnahm.
Es ist nun 85 Jahre her, dass der Flüchtling Brecht – kurz vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion – mit der transsibirischen Eisenbahn zum Pazifikhafen Wladiwostok reiste, um sein Schiff Richtung Kalifornien zu erreichen. Ihn als Sprechpuppe für antirussische Propaganda zu benutzen, ist schäbig.
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