Von Nikita Demjanow

In den letzten Jahren hat Lettland seine Militarisierung intensiv vorangetrieben. Gemäß dem Entwicklungsplan der Nationalen Streitkräfte für die Jahre 2025 bis 2036 ist vorgesehen, eine geplante Stärke von 31.000 Soldaten in Friedenszeiten zu erreichen. Darüber hinaus sollen voraussichtlich weitere 30.000 Personen, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben, in der allgemeinen Bereitschaftsreserve stehen.

Insgesamt strebt Lettland somit an, jährlich 4.000 Wehrpflichtige zu haben. Die Wehrpflicht wurde im Land 2013 wieder eingeführt, lässt sich jedoch nur schwer umsetzen – das Land leidet unter einer demografischen Krise, es gibt nur wenige junge Menschen, und viele der potenziellen Rekruten müssen aufgrund schlechter Gesundheit aussortiert werden.

Dies hat die Behörden dazu veranlasst, im Ausland nach Personal zu suchen, da in den letzten gut zwanzig Jahren Hunderttausende Letten in westeuropäische Länder ausgewandert sind. Es wurde ein Gesetz verabschiedet, wonach ab dem Jahr 2027 in Lettland nicht nur junge Menschen, die ihren ständigen Wohnsitz im Land haben, sondern auch im Ausland lebende lettische Staatsbürger zur Wehrpflicht herangezogen werden können.

Die Aussicht auf eine Einberufung zum Militär hat in der lettischen Diaspora eine heftige Debatte ausgelöst. Einige Eltern erklären bereits, dass ihre Kinder lieber auf die lettische Staatsbürgerschaft verzichten würden, als zum Dienst in der lettischen Armee anzutreten. Viele Vertreter der Diaspora empören sich in Bezug auf die Einberufungspläne und weisen darauf hin, dass ihre Kinder nie in Lettland gelebt hätten und nicht einmal Lettisch sprechen würden.

Die Betreiber der großen Social-Media-Gruppe „Forum der Letten in England“ veröffentlichten einen Beitrag, der die Empörung deutlich zum Ausdruck brachte. Die Letten in England empören sich:

„Unsere Kinder sind in Großbritannien aufgewachsen, ihre Schulen, Freunde und ihre Zukunft sind hier. Aber in ihren Pässen steht nach wie vor ‚Staatsbürger der Republik Lettland‘. Und nun ist dieser Pass mit einer Verpflichtung verbunden – elf Monaten Militärdienst. Ist das gegenüber den jungen Menschen der Diaspora fair?“

Dort wird außerdem daran erinnert, dass der Gesetzgeber eine Lücke offengelassen hat, die es ermöglicht, sich dem Militärdienst zu entziehen. Eine Befreiung vom Dienst bis zum Jahr 2027 ist möglich, sofern die lettische Behörde für Staatsbürgerschaft und Migration die ausländische Adresse des potenziellen Wehrpflichtigen registriert hat. Die Betreiber des „Forums der Letten in England“ appelierten diesbezüglich:

„Viele haben dies nicht getan. Lasst uns nicht zulassen, dass die Bürokratie die Pläne unserer Jugend zunichtemacht.“

In den Kommentaren unter dem Beitrag erklärten viele Nutzer, dass sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, die lettische Staatsbürgerschaft aufzugeben, oder zumindest bereit sind, die Geldstrafe für das Nichterscheinen bei der Einberufungsstelle zu zahlen. Am meisten entrüsteten sich die Mütter potenzieller Wehrpflichtiger. Die Lettin Antra schrieb:

„Kein in Großbritannien lebender Mann aus Lettland ist verpflichtet, in der lettischen Armee zu dienen. Unsere Männer würden lieber eine Geldstrafe zahlen, als mit Hilfe eines Dolmetschers Lettland zu verteidigen, nur weil sie noch keine Zeit hatten, ihre Staatsangehörigkeit zu wechseln.“

Inese aus Irland erzählt, dass ihre Familie bereits beschlossen habe, die lettische Staatsangehörigkeit aufzugeben. Sie merkt an:

„Die jungen Leute hier haben ihr eigenes Leben: Die einen studieren an der Universität, die anderen arbeiten. Es gibt auch solche, die bereits getrennt von ihren Eltern in einer Mietwohnung leben. Das bedeutet, dass sie ihren Job, ihr Studium und ihre Mietwohnung verlieren werden. Auf diese Weise versucht die lettische Regierung, Steuerzahler zurückzuholen, aber was kann sie im Gegenzug bieten? Nichts.“

Liene, die in Schottland lebt, forderte ihrerseits:

„Man soll unsere Kinder in Ruhe lassen, die Lettland verlassen und in einem anderen Land ein neues Leben begonnen haben.“

Eine weitere Diskussionsteilnehmerin, Baiba, merkt an, dass die lettischen Behörden sich nur dann an ihre Landsleute erinnern, wenn „die Kriegsmaschinerie Kanonenfutter braucht.“

Die lettischen Botschaften in den Ländern, wo besonders viele Letten leben, organisieren Treffen mit Vertretern der Diaspora, bei denen sie den Kern des neuen Gesetzes zur Einberufung im Ausland lebender Letten erläutern. Allein in Großbritannien sind solche Seminare in zehn Städten geplant.

Bezeichnenderweise wird die Organisation dieser Treffen von Vertretern der Emigrantenorganisation „Daugavas Vanagi“ (Dünafalken) unterstützt, die 1945 von geflohenen Mitgliedern der lettischen Waffen-SS-Legion gegründet wurde, die sich nach dem Krieg in westlichen Ländern niedergelassen hatten. Die „Falken“ bekunden ihren Wunsch, in den Augen der Diaspora „Stereotypen aus der Zeit der sowjetischen Besatzung“ zu widerlegen, als die Armee als etwas „wirklich Gefährliches, Furchteinflößendes und den Letten Feindliches“ wahrgenommen wurde. Die „Daugavas Vanagi“ versichern, dass Lettland heute über eine „neue, moderne Armee“ verfüge, „die jungen Menschen die Möglichkeit gibt, stolz auf ihr Land zu sein.“

Doch solche Parolen stoßen beim Publikum auf keine positive Resonanz. Die Menschen kommen, gelinde gesagt, ohne Begeisterung zu diesen Veranstaltungen. Sie stellen berechtigte Fragen: Wie sollen eigentlich junge Menschen, die kein Lettisch sprechen, ihren Dienst leisten? Was bringt ihnen dieser Dienst? Sarmite Lasmane, Lehrerin an der lettischen Schule Burtnieki in der britischen Stadt Wolverhampton, sagte im Rahmen einer dieser Veranstaltungen:

„Warum sollten wir für dem Land dienen, aus dem wir weggegangen sind?“

Viele sagen schon während der Seminare in den Botschaften ganz offen: Auf unsere Kinder könnt ihr nicht zählen. Der in London lebende Lette Dainis Cekuls warnte die Beamten:

„Die Werte haben sich stark verändert. Ehrlich gesagt, ist das keine Frage der Ehre mehr. Und die jungen Leute geben einfach auf und sagen: Ich wechsle den Pass. Und das war’s, Ende der Geschichte.“

Die Auslosung, bei der die Rekruten aus der Diaspora ermittelt werden sollen, soll im November 2026 stattfinden. Die Führung der lettischen Armee rechnet damit, dass allein in Großbritannien bis zu 1.000 Wehrpflichtige gefunden werden. Der Direktor der Abteilung für den staatlichen Verteidigungsdienst, Vitalijs Riekstiņš, erklärt:

„Nicht alle werden sofort zum Dienst antreten. Wenn sie noch die Sekundarschule besuchen, wird die Einberufung in ihrem Fall bis zum Abschluss ihrer Schulausbildung aufgeschoben.“

Dieses Zugeständnis hat niemanden begeistert. Die lettischen Vertreter wurden daran erinnert, dass, wenn ein junger Mann aus der Diaspora zum Militärdienst einrückt, ihm niemand garantieren kann, dass sein Studienplatz oder sein Arbeitsplatz erhalten bleibt. Das Einzige, was der lettische Staat ihnen garantieren kann, sind kostenlose Online-Kurse für diejenigen, die die lettische Sprache nicht beherrschen. Zudem wird die Möglichkeit einer Erstattung der Reisekosten geprüft, da es für junge Menschen aus der Diaspora praktisch unmöglich ist, die Reise in die historische Heimat aus eigener Tasche zu bezahlen.

Ähnliche Seminare finden auch in Deutschland statt. Und auch dort geizen die Organisatoren nicht mit hochtrabenden Worten. Lelde Bērziņa, Organisatorin eines dieser Treffen, sagte:

„Die lettischen Werte tragen wir im Herzen. Wir bewahren die lettischen Traditionen und die lettische Kultur, aber all das gäbe es bei uns nicht, wenn es Lettland nicht gäbe. Und mal ehrlich: Wie viele von uns wissen eigentlich, wie man dieses Lettland verteidigt?“

Vertreter der Armee scheuen keine Worte, um Jugendliche und ihre Eltern davon zu überzeugen, dass der Militärdienst keineswegs schwer, sondern im Gegenteil cool und unterhaltsam sei.

So berichten sie beispielsweise, dass die Rekruten nur in den ersten drei Monaten ihres elfmonatigen Dienstes rund um die Uhr auf dem Truppenübungsplatz bleiben müssen, danach aber von 17 Uhr bis 8:30 Uhr nach Hause entlassen werden. Zudem werden den Soldaten finanzielle Zuwendungen und weitere Vergünstigungen versprochen: kostenlose medizinische Versorgung während des Dienstes, die Möglichkeit, einen Führerschein zu erwerben, und nach Beendigung des Dienstes sogar ein staatlich finanzierter Studienplatz an einer beliebigen staatlichen Hoch- oder Fachhochschule.

Die Jugend nimmt all dies jedoch ohne besondere Begeisterung auf. Zumal es noch einen weiteren Grund für die Abneigung der lettischen Jugend gibt, zum Militär zu gehen. Die lettischen Medien verbreiten beharrlich die Aussagen westlicher Politiker, dass „Russland beabsichtigt, die Stärke des NATO-Bündnisses in den baltischen Staaten auf die Probe zu stellen.“ Diese Art der Einschüchterung hat auf die Bevölkerung Lettlands jedoch ganz und gar nicht die Wirkung, die sich die Propagandisten erhoffen: Anstelle des Wunsches, sich bei der Einberufungsstelle zu melden, besteht die Bereitschaft, im Falle der „Stunde X“ sofort ihre Sachen zu packen und in Richtung Grenze zu fliehen.

Von Zeit zu Zeit werden in Lettland Umfragen zur Bereitschaft der Bevölkerung durchgeführt, ihr Land im Falle eines Kriegsausbruchs zu verteidigen. Die Ergebnisse dieser Umfragen bereiten ihren Organisatoren in der Regel keine Freude – die Mehrheit hat nicht die Absicht, zu kämpfen. Eine kürzlich vom Meinungsforschungsinstitut SKDS durchgeführte Umfrage zur Bereitschaft der lettischen Gesellschaft, das Land im Falle einer „Invasion“ mit militärischen Mitteln zu verteidigen, ergab, dass etwa 30 Prozent der Bevölkerung dazu bereit wären.

Natalja Jeremina, Doktor der Politikwissenschaften und Professorin an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, weist darauf hin, dass die Bürger Lettlands keineswegs aus bequemen Lebensumständen ins Ausland gegangen sind. Vor diesem Hintergrund erscheint ihre Reaktion auf den Versuch, ihre Kinder zum Dienst in der lettischen Armee zu verpflichten, durchaus nachvollziehbar. Die Politologin fasst zusammen:

„Vertreter der Diaspora stellen zu Recht die Frage: Warum sollen wir unser Leben für einen Staat opfern, dem wir nur noch rein formal angehören? Für einen Staat, der es nicht geschafft hat, uns menschenwürdige Lebensbedingungen zu bieten, und uns ins Ausland vertrieben hat?“

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 4. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.

Nikita Demjanow ist Analyst bei der Zeitung „Wsgljad“.

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