Vor dem Hintergrund einer potenziellen Bedrohung vonseiten Russlands und reduzierter Unterstützung durch die USA beeile sich die NATO, die Ostflanke des Militärbündnisses zu stärken. Wie Politico berichtet, bauen die an Russland grenzenden NATO-Mitglieder ihre Befestigungen aus, stocken ihre Reserven auf, kaufen Militärtechnik und Waffen – und bereiten sich auf die Möglichkeit vor, dass sie in den ersten Tagen eines Konflikts fast allein kämpfen müssten. Bei den beteiligten Ländern handelt es sich um Finnland, Litauen und Polen.
Finnland hat die längste Grenze der NATO mit Russland – ihre Länge beträgt 1.343 Kilometer. Nach dem NATO-Beitritt im Jahr 2023 betrachte Finnland seine Mitgliedschaft im Bündnis „als Verstärkung der eigenen Verteidigung und nicht als Ersatz dafür“, so Politico. „Wir freuen uns, Teil eines Bündnisses zu sein, aber wir verstehen auch, dass wir den ersten Schlag allein führen müssen, bevor Artikel 5 des NATO-Vertrags in Kraft tritt“, sagte Jukka Kopra, ein finnischer Abgeordneter und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Parlaments, gegenüber Politico. Er fügte hinzu, dass Helsinki Washington vertraue. Finnland sei sich jedoch gleichzeitig bewusst, dass die USA auch andere Prioritäten hätten, sagte Kopra.
Politico wies darauf hin, dass Finnland jahrelang seine Kriegsbereitschaft auf dem Konzept der „totalen Verteidigung“ aufgebaut habe, um auch ohne Verbündete kämpfen zu können. Das Land mit einer Bevölkerung von 5,6 Millionen sei in der Lage, bei Bedarf fast 870.000 Reservisten zu mobilisieren.
Zudem gebe Finnland fast drei Prozent seines BIP für Verteidigung aus und beabsichtige, seine Militärausgaben in Übereinstimmung mit den NATO-Verpflichtungen bis 2035 auf fünf Prozent zu erhöhen. Die finnischen Luftstreitkräfte erwarteten in den kommenden Monaten die Lieferung von in den USA hergestellten F-35-Kampfjets, so Politico. Wie die meisten Streitkräfte in Europa habe auch die finnische Armee jedoch eine Schwachstelle – die Drohnenkriegsführung.
Im Beitrag wird angemerkt, dass die Landschaft Finnlands eine der größten militärischen Vorteile des Landes sei. Eine gegnerische Armee müsste sich durch ein Land mit wenigen Straßen, dichten Wäldern, tiefem Schnee und niedrigen Temperaturen bewegen.
Ein weiteres an Russland grenzendes Land an der Ostflanke der NATO ist Polen. In diesem Jahr plane Warschau, 4,8 Prozent seines BIP für Verteidigung auszugeben, heißt es bei Politico. Dies mache Polen zum größten Verteidigungsausgeber des Bündnisses, gemessen am BIP, verlautete das US-Medium. Nach den USA und der Türkei verfüge Warschau über die drittgrößte Armee der NATO. Die Größe des Territoriums und die geografische Lage machten Polen „zum zentralen Frontstaat des Bündnisses in jeder potenziellen Konfrontation mit dem Kreml“.
Das 10 Milliarden Euro schwere „Projekt Ostschild“ soll Polens Verteidigung entlang der 800 Kilometer langen Grenze zu Weißrussland und der russischen Exklave Kaliningrad stärken. Das Programm sehe die Einrichtung „eines Netzwerks von Hindernissen zur Verlangsamung eines Angriffs, zur Lenkung russischer Streitkräfte und zur Gewinnung von Zeit für die NATO-Reaktion“ vor, so Politico. Das System umfasse unter anderem Schützengräben zur Panzerabwehr, Betonbarrieren, Bunker, Drohnen und Minen. Darüber hinaus arbeite Warschau an einer sogenannten Anti-Drohnen-Mauer. Dieses Drohnenabwehrsystem könnte bis zu 4 Milliarden Euro kosten, was etwa 40 Prozent des gesamten Ostschildes betrage.
Bislang sei der Ostschild jedoch „entlang einiger Grenzabschnitte eher ein Versprechen als Realität“, schreibt Politico. Laut dem polnischen Verteidigungsministerium könne die Einrichtung der Befestigungen von sieben bis zu 14 Tagen in Anspruch nehmen. Ein Logistikexperte erläuterte gegenüber Politico jedoch, dass dieser Prozess von der Geländebeschaffenheit abhänge und auch mehrere Wochen bis mehrere Monate dauern könnte.
Wie Polen grenzt auch NATO-Land Litauen an das russische Gebiet Kaliningrad. Im Gegensatz zu Finnland und Polen seien die baltischen Staaten jedoch durch die Suwałki-Lücke gefährdet, vom Rest der NATO abgeschnitten zu werden. Wie Politico betonte, hänge die Verteidigung Litauens von der Unterstützung der NATO ab.
Dennoch werden im Rahmen der Baltischen Verteidigungslinie, einem gemeinsamen Verteidigungsprojekt von Estland, Lettland und Litauen, Befestigungsanlagen errichtet. Entlang der Ostgrenze der NATO bauen die drei Länder Gräben zur Panzerabwehr, Bunker, Verteidigungshindernisse und Minenfelder auf.
Die Verteidigung des Baltikums hänge davon ab, wie lange diese Staaten durchhalten könnten und wie schnell die NATO sie verstärken könne. Politico merkte an, dass etwa 3.000 NATO-Soldaten, darunter Personal aus Deutschland, Norwegen, den Niederlanden und den USA, in Litauen stationiert seien. Die Rotation von über 1.000 US-Soldaten sei kürzlich abgeschlossen worden, ein neues Kontingent sei jedoch noch nicht eingetroffen. Deswegen erwarte Vilnius die Verlegung einer deutschen Brigade, die bis Ende 2027 dauerhaft in Litauen stationiert werden soll. Es sei unwahrscheinlich, dass die derzeit in Litauen stationierten Truppen auf Dauer allein kämpfen könnten, meint Politico. Wie es heißt, werde die Lage davon abhängen, wie schnell zusätzliche NATO-Einheiten einträfen und wie groß das Ausmaß eines möglichen russischen Angriffs sein würde.
Moskau hat wiederholt bekräftigt, dass es nicht die Absicht habe, die NATO anzugreifen. Die Behauptungen über angebliche Pläne, das Militärbündnis zu attackieren, bezeichnete der russische Präsident Wladimir Putin als „Unsinn“:
„Diese Legende, dass Russland vorhabe, Europa und die NATO-Staaten anzugreifen, ist eine unglaubliche Lüge, an die man die Bevölkerung der westeuropäischen Länder glauben machen will“, sagte Putin gegenüber Reportern im vergangenen Jahr bei dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg.
Wie Kremlsprecher Dmitri Peskow anmerkte, hätten sich die Warnungen vor einem möglichen russischen Angriff intensiviert, als die NATO-Mitglieder über eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des BIP diskutierten. Das Militärbündnis habe Russland als Monster dargestellt, um diese Entscheidung durchzusetzen, so Peskow.
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