„Es stimmt nicht, dass Italien eine ablehnende Haltung gegenüber Russland eingenommen hat“, sagt Fabio Mastrangelo gleich zu Beginn eines ausführlichen Interviews mit der Zeitung Iswestija. Genau das ist es, was ihn an der aktuellen Berichterstattung in den Medien beunruhigt und ärgert. Er erklärt:

„Vielleicht haben die Politiker das so beschlossen, aber sie sind in der Minderheit. Die italienische Bevölkerung steht Russland und anderen Ländern absolut freundlich gegenüber. Ich weiß das, weil ich viel mit meinen Freunden spreche.“

Fabio Mastrangelo ist eine echte Ausnahmeerscheinung. Der in Bari geborene Italiener betrachtet Sankt Petersburg mittlerweile als sein wahres Zuhause. Er leitet dort ein Theater sowie Orchester in Jakutsk und Moskau, steht an der Spitze von Musikfestivals in verschiedenen Teilen des Landes, ist mit Waleri Gergijew befreundet und inszeniert Opern – derzeit bereitet er auf Wunsch von Dmitri Bertman die Premiere von „Norma“ an der Helikon-Oper vor. Dabei ist es ihm gelungen, sich bereits im Jahr 2022 für Russland einzusetzen, ohne dabei in Europa „gecancelt“ zu werden, wie es vielen anderen Vertretern der Musikwelt widerfahren ist. Mastrangelo erinnert sich rückblickend an die Ereignisse des Jahres 2022:

„Ich lebe seit 25 Jahren in Russland und habe daher eine recht feste und klare Bürgerposition eingenommen. Im Juni 2022, also bereits nach Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine, dirigierte ich beim Festival ‚Kantata‘ in Kaliningrad. Eigentlich hätte ich zu dieser Zeit in Italien sein sollen, in meiner Heimatstadt Bari im Süden des Landes, um Rossinis Oper ‚Aschenputtel‘ zu inszenieren. Doch ich habe mich für einen ganz anderen Weg entschieden und meine Teilnahme abgesagt, um in Russland zu bleiben und hier weiterzuarbeiten. Meine Entscheidung ist natürlich kein Zufall. Mir war zu Ohren gekommen, dass mich dortige Journalisten erwarteten, um von mir zu verlangen, mich gegen Putin auszusprechen und so weiter. Ich habe ganz klar geantwortet, dass ich das nicht tun werde. Meine Entscheidung war also, hier zu bleiben.“

Dabei beobachtet Mastrangelo mit Besorgnis die Entwicklungen im kulturellen Leben Italiens unter dem Einfluss der Ukraine-Krise – und alle Versuche, die russische Kultur und russische Musiker zu verbannen. Er freut sich über jeden Sieg des gesunden Menschenverstands – wie kürzlich auf der Biennale in Venedig, als die wahre Freiheit der Kunst triumphierte und der russophobe Kurs der Europäischen Kommission eine vollständige Niederlage erlitt. Da er Pietrangelo Buttafuoco, den Leiter der Biennale, persönlich kennt, weist er darauf hin, dass dieser ein absolut regierungsfreundlicher Mensch ist, der Giorgia Meloni unterstützt. Wenn ein solcher Mensch davon spricht, dass die Biennale ein „Garten des Friedens“ und kein „Gericht“ sei, wenn er in der Lage ist zu verstehen, dass „die Kunst nicht zur Geisel politischer Meinungsverschiedenheiten werden darf“, dann gibt es Hoffnung auf ein Ende des Cancelns. Doch bis zu diesem Zeitpunkt ist es noch ein weiter Weg – und vorerst werden die Auftritte von Waleri Gergijew und Ildar Abdrasakow in Italien weiterhin abgesagt, was der Dirigent als „Unsinn“ betrachtet. Er erklärt:

„Das Auftrittsverbot für Waleri Gergijew in Italien ist für mich ein sehr schmerzliches Thema. Ich habe einen offenen Brief an die italienische Zeitung La Repubblica geschrieben und mich zu dieser Situation geäußert. Sie riefen mich an, um ein Interview aufzunehmen. Ich stellte eine Bedingung: Ich würde sprechen, wenn sie mir die Möglichkeit gäben, zu überprüfen, was sie schreiben würden. Sie stimmten zu. Das Interview wurde veröffentlicht. Dann habe ich verschiedene Reaktionen gelesen, darunter auch negative. Neider schrieben: Das ist schrecklich! Wie kann sich Mastrangelo so etwas erlauben? Aber es gab auch andere Kommentare, die meine Position unterstützten: Was hat Politik damit zu tun? Oder: Gergijew kommt ja nicht, um euch einen Vortrag darüber zu halten, wie gut Russland sei oder warum man Putin unterstützen müsse. Sein Ziel ist das künstlerische Schaffen, nicht die Politik. Der große Dirigent ist also nicht nach Italien gekommen. Ebenso wenig konnten die Italiener Ildar Abdrasakow hören. Auch dagegen wurde protestiert. Und das ist im Großen und Ganzen Unsinn.“

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