Über 150 führende Mathematiker aus verschiedenen Ländern haben die sogenannte „Leidener Erklärung“ veröffentlicht, in der sie die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Regierungen auffordern, die großspurigen Behauptungen der Entwickler künstlicher Intelligenz nicht als echte mathematische Durchbrüche zu betrachten.

Anlass für dieses Manifest war eine Welle von Berichten, wonach große Sprachmodelle angeblich komplexe Aufgaben lösen, an denen Wissenschaftler jahrzehntelang gearbeitet haben. So sorgte kürzlich die Meldung eines 23-jährigen Mathematikbegeisterten ohne einschlägige Ausbildung für weltweites Aufsehen, der behauptete, mithilfe von ChatGPT die Lösung für eines der berühmten Probleme von Pál Erdős gefunden zu haben. Die Verfasser der Erklärung weisen darauf hin, dass solche Behauptungen mit großer Vorsicht zu betrachten seien und dass moderne KI-Systeme zwar plausible Argumente generieren könnten, sich bei genauerer Prüfung jedoch als fehlerhaft erweisen würden. Das Problem wird dadurch verschärft, dass sich ein falscher Beweis oft nur schwer von einem korrekten unterscheiden lässt, insbesondere vor einer umfassenden Überprüfung durch Experten. In der der Erklärung beigefügten Stellungnahme heißt es:

„Die Zukunft der mathematischen Forschung sollte von menschlichem Urteilsvermögen, fairen und transparenten Praktiken sowie den gemeinsamen Werten der weltweiten mathematischen Gemeinschaft bestimmt werden.“

Die Wissenschaftler betonten insbesondere, dass Technologieunternehmen ein finanzielles Interesse daran haben, die Fähigkeiten ihrer Produkte überzubewerten. Sie wollen die Erfolge ihrer Modelle schneller demonstrieren, die Aufmerksamkeit von Investoren auf sich ziehen, ihre Marktposition stärken und Einfluss auf Politiker nehmen. Zudem wiesen die Fachleute darauf hin, dass KI-Modelle auf der Grundlage bahnbrechender wissenschaftlicher Arbeiten trainiert werden, oft ohne Zustimmung der Autoren. Die Autoren rieten Politikern, bei ihren Entscheidungen Mathematiker und andere Experten zu konsultieren, anstatt sich auf Pressemitteilungen oder Medienberichte über mathematische Errungenschaften zu verlassen. Die Erklärung wurde von der Internationalen Mathematischen Union gebilligt und soll auf dem Internationalen Mathematikerkongress im Juli in Philadelphia vorgestellt werden.

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