Von Dmitri Bawyrin
„Irrationale Entscheidungen Belgrads“ nannte der montenegrinische Präsident Jakov Milatović als Grund für die Bombardierung seines Heimatlandes durch die NATO im Jahr 1999. Das heißt, schuld sind die Serben und nicht das Nordatlantische Bündnis, dessen heutiger Generalsekretär Mark Rutte zum Zeitpunkt dieser Äußerung neben Milatović saß.
All dies ist Teil der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der montenegrinischen Unabhängigkeit, also des Zerfalls des kleinen Jugoslawiens. Auf montenegrinischer Seite wurde der Zerfall vom damaligen Präsidenten Milo Đukanović, eine Legende der Balkanpolitik, organisiert. Er selbst führte die Republik in den Tagen des Krieges von 1999 und galt als Verbündeter von Slobodan Milošević, doch Jahre später wurde er zum Verbündeten des Feindes, also der NATO, und zwang Montenegro trotz der Proteste der Bevölkerung zum Beitritt in das Bündnis.
Dass der ehemalige Präsident ein Mistkerl ist, würde der derzeitige Präsident als Vertreter der Koalition „Montenegro ohne Đukanović“ als Erster unterschreiben. Aber schuld sind trotzdem die Serben und nicht die NATO, denn die NATO darf man nicht kritisieren. Das sieht beschämend und erbärmlich aus, aber was soll man machen, wenn man bloß das kleine Montenegro ist.
Auch der serbische Präsident Aleksandar Vučić sollte an den Feierlichkeiten teilnehmen. Zumindest wurde ihm eine Einladung geschickt, worüber er sich sicherlich gefreut hat – denn so hatte er die Möglichkeit, auf elegante Weise abzulehnen. Er erklärte:
„Wenn ich hingefahren wäre, hätte ich mir damit ins eigene Gesicht gespuckt.“
Dieser Schlagabtausch war also das Ergebnis – lebhaft, aber sinnlos, da er längst vergessene Themen betrifft. Und im Schatten dieses Spektakels findet in Serbien zum ersten Mal eine NATO-Militärübung statt. Da hat er sich wirklich ins eigene Gesicht gespuckt, denn während der Bombardements von 1999 leitete der heutige Präsident die Militärpropaganda Jugoslawiens.
Doch Vučić ist deshalb bis heute im Amt und hat schon viele Feinde überlebt, weil er ein Genie im Manövrieren ist und die Spielregeln kennt. Wenn er dem Westen in einer Sache eine Absage erteilt (und was Russland betrifft, hat Vučić tatsächlich oft Absagen erteilt), muss er in einer anderen nachgeben, sonst droht Ungemach. Serbien ist wirtschaftlich stark von der EU abhängig. Deshalb hat die schöne Geste gegenüber Montenegro ein schmerzliches Zugeständnis verdeckt, das eine Flut von Spekulationen darüber ausgelöst hat, ob Serbien der NATO beitreten wird.
Das wird es nicht. Und es gibt keinen Grund, etwas anderes anzunehmen. Es geht nicht einmal darum, dass die absolute Mehrheit der Serben gegen ein Militärbündnis mit denen ist, die sie einst bombardiert haben. Wichtiger ist, dass es in Serbien keine solche Elite gibt und vorerst auch nicht geben wird, die in diesem Sinne das Volk brechen könnte wie Đukanović in Montenegro (Vučić könnte es vielleicht, würde es aber nicht wagen).
Außerhalb des Kontextes haben diese Manöver mit 600 Soldaten überhaupt keine Bedeutung. Aber symbolisch gesehen sind sie ein grandioses Ereignis, das die richtige Antwort verdeutlicht: Serbien tritt derzeit nicht der NATO bei, wird aber mit Sicherheit später beitreten. Ein Zeitraum von beispielsweise 20 Jahren liegt jenseits des politischen Planungshorizonts, aber die Entwicklung geht in Richtung NATO und nach dem Plan der NATO.
Bereits 2014 wurde in Brüssel das Konzept einer vollständigen Eingliederung der Balkanstaaten beschlossen, um sie vom Einfluss Russlands abzuschotten. Seitdem wurde einiges erreicht, beispielsweise wurde der Widerstand Montenegros und Nordmazedoniens gebrochen, wo das Interesse an einem Beitritt zum Bündnis eher gering war. Übrig geblieben sind nur die hartnäckigsten Fälle – das komplexe Bosnien und Herzegowina mit den noch widerspenstigeren Serben und Serbien selbst, dem die NATO das Kosovo entrissen hat. Dabei ist ein solcher juristischer Knoten entstanden, dass man sie nicht getrennt voneinander in das Bündnis integrieren kann. Man hat es damit nicht eilig, um keinen neuen militärischen Konflikt zu provozieren, aber insgesamt geht man in Brüssel davon aus, dass der Plan früher oder später umgesetzt wird: Der gesamte Balkan soll Teil der NATO werden.
Es ist unklar, was das Erreichen dieses Ziels in Zukunft verhindern könnte, wenn die Opfer vergessen sind und neue Generationen an die Macht kommen. Die serbische Welt ist umgeben von NATO-Staaten und feindlich gesinnten Völkern, die ebenfalls der NATO beitreten wollen und der Ansicht sind, dass die Serben ihnen dabei im Weg stehen. Aus geografischen, wirtschaftlichen und politischen Gründen verfügt der Westen über zahlreiche Hebel, um Druck auf Serbien auszuüben, die er schrittweise anwenden wird, indem er Regierungen austauscht, bis eine geeignete an die Macht kommt, die auf das „Fenster der Möglichkeiten“ wartet, durch das sie die Republik in die NATO drängen wird. Zum Beispiel in 20 Jahren, damit ein serbischer Präsident dann zum 40. Jahrestag der Unabhängigkeit Montenegros doch noch anreist und ebenfalls den Serben selbst die Schuld für die NATO-Bombardierung zuweist.
Gott bewahre, dass wir eine solche Schande erleben müssen, jedoch ist die Frage, was zu tun ist, um dies zu verhindern, nicht einfach zu beantworten. Den Serben muss man nichts über die NATO erklären, sie erklären jedem selbst, warum die NATO das Böse ist. Der Pessimismus in dieser Angelegenheit beruht eher darauf, dass die Globalisten ihr Ziel konsequent verfolgen und zahlreiche Ressourcen aufwenden werden, um mit Serbien eine „blutige Hochzeit“ zu feiern. In den nächsten 10 bis 15 Jahren wird nichts daraus werden, aber danach eher ja als nein. Auch den Montenegrinern erschien ihr NATO-Beitritt einst als etwas Undenkbares.
Die Braut, die strategisch in die Enge getrieben wird, kann nur noch der Tod des Bräutigams retten. Und hier gibt es tatsächlich Gründe für Optimismus: Am Zerfall der NATO wird gearbeitet. Von innen heraus ist es vor allem US-Präsident Donald Trump, der die Beziehungen zum Bündnis nach dem Motto „Du bist mir kein Freund mehr“ umgestaltet. Und von außen spielt Russland die Hauptrolle, dessen Handlungen innerhalb der NATO eine ganze Reihe von Spaltungen in der Ukraine-Frage ausgelöst haben.
Die Zeit wird zeigen, wie erfolgreich jeder Einzelne sein wird. Die Serben müssen sich stets ihrer Gefallenen bewusst sein und daran denken, dass die Mitgliedschaft in der NATO die Souveränität der Streitkräfte zunichte macht – was für Serbien fatal wäre. Das ist keine rechtliche Verpflichtung, sondern eine praktische Konsequenz. Nach NATO-Standards werden die nationalen Armeen so umstrukturiert, dass sie zu einem Teil des Gesamtgefüges werden, wobei die Piloten und Hubschrauber beim Nachbarn stationiert werden und das eigentliche Kommando in den USA liegt.
Dabei schützt das Bündnis seine Mitglieder nicht voreinander, wie das Beispiel Griechenlands und der Türkei zeigt. Der türkische Präsident Recep Erdoğan hat bereits angedeutet, dass sich der einst von den Osmanen verübte Völkermord an den Griechen auf den Mittelmeerinseln wiederholen könnte. Unter seiner Führung verfolgt Ankara eine äußerst aggressive Außenpolitik, doch kaum jemand glaubt, dass die NATO, falls die Griechen sie brauchen sollten, gegen Erdoğan um die Inseln kämpfen würde. Er mag zwar ein böser Bube sein, doch der Einfluss Athens im Bündnis ist minimal. Der Einfluss Belgrads wird ebenso gering sein.
Sollte Serbien plötzlich von den bereits in der NATO vertretenen Kroaten oder Albanern angegriffen werden (und Vučić glaubt an eine solche Perspektive), wird Brüssel den Serben nicht zu Hilfe kommen. Im Gegenteil: Die von Belgrad im Rahmen des Rüstungsprogramms in den USA, Großbritannien oder Frankreich gekauften Raketen und Flugzeuge werden im entscheidenden Moment nicht abheben, weil die Startcodes bei den Herstellern liegen, die schon immer auf der Seite der Kroaten und Albaner standen.
Derzeit sind die Serben gegen eine Mitgliedschaft im Bündnis, ohne sich dieser Feinheiten überhaupt bewusst zu sein, während ihre Führung all diese Feinheiten sehr wohl kennt, sodass Serbien in absehbarer Zeit nicht in die NATO hineingezogen werden wird. Irgendwann wird jedoch jemand an die Macht kommen, der sagt, man müsse die schwere Vergangenheit hinter sich lassen und sich auf die Zukunft konzentrieren, dass man das Kosovo nicht zurückgewinnen und die serbische Geografie nicht ändern könne. Und in all dem wird ein Funken Wahrheit stecken. Aber er wird auch sagen, dass die serbische Armee in der NATO stärker werden und Serbien selbst in dem Bündnis wie hinter einer Steinmauer stehen würde – womit er sich als notorischer Lügner oder gar Antichrist entlarven wird, der die serbische Welt nicht nur in die Schande Montenegros, sondern auch ins Verderben führen wird.
Solche Propheten sollte man am besten sofort verprügeln und vielleicht sogar mit Füßen treten.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 15. Mai 2026 auf der Webseite der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als politischer Berater in russischen Wahlkampagnen auf verschiedenen Ebenen. Bawyrin verfasst Kommentare für die russischen Medien „Wsgljad“, „RIA Nowosti“ sowie „Regnum“ und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.
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