Von Kalliopi Sioltsidou
Eigentlich verzeichnet die katholische Kirche gerade Rekordzuwächse, sogar in Europa und vor allem bei der Jugend ‒ das gilt jedenfalls für Frankreich, Belgien, die USA, aber auch Spanien. In Deutschland hingegen liegen die Austrittszahlen, trotz punktuellen Interesses am Katholizismus, noch immer über den Eintrittszahlen. Das nimmt auch nicht wunder, wenn man sich den „deutschen Sonderweg“ der katholischen Kirche anschaut. Dass das Erzbistum Magdeburg unter dem bekanntermaßen progressiven Bischof Gerhard Feige nun mit einem eigens entworfenen Gebet gegen die AfD zu Felde zieht, ist nur ein kleiner Teil des großen Irrwegs der Katholiken in Deutschland.
„Bewusst wählen“ – Kampagne mit klarer Zielscheibe
Dennoch ist es ein bedeutsamer Teil. Was also ist passiert? Bischof Feige hat eine neue Kampagne zur bevorstehenden Landtagswahl vorgestellt. Die heißt „Bewusst wählen“ ‒ eine charmante Umschreibung, die ihre Adressaten gleichwohl vornehmlich zu einem bewegen soll, nämlich genau eine Partei nicht zu wählen, nämlich die AfD. Damit die Aktion aber auch rechte (beziehungsweise eben nicht rechte) Wirkung zeitigt und damit sie nicht, wie so viele andere „Aktionen gegen rechts“, unbeachtet verpufft, vertraut man sicherheitshalber doch auf Support von jenem höheren Wesen, das wir verehren. Darum hat man dann auch ein passendes „Gebet zur Landtagswahl“ verfasst, das wie folgt lautet:
„Lass uns bewusst wählen, nicht aus Angst,
nicht aus Wut, nicht einfach aus dem Bauch heraus,
sondern mit klarem Verstand, mit wachem Gewissen
und mit Verantwortung von Dir und den Menschen.
Stärke in uns, was unser Zusammenleben trägt:
Dialog statt Abschottung, Menschenwürde statt Ausgrenzung
Solidarität statt Gleichgültigkeit, Nächstenliebe statt Hass und Hetze.“
Gebet – oder politisches Statement?
Man könnte dazu so viel sagen. Ein knapper Befund vorweg: Dass das ein Gebet sein soll, ist nur noch am Kontext zu erkennen ‒ es könnte auch ein Websitetext der „Omas gegen rechts“ oder Teil einer politischen Rede aus den links-woken Zirkeln sein.
Wie auch der Synodale (Irr-)Weg, wird diese Aktion den deutschen Katholizismus nicht aus seinem Loch herausführen. Denn der Grund, warum die Menschen ‒ insbesondere junge Männer ‒ anderenorts in die katholische Kirche strömen, ist, dass sie Tradition und traditionelle Familienwerte suchen und ihnen der regenbogenfarbene Quark schon zu den Ohren herauskommt.
Die deutsche katholische Kirche, genauer gesagt, der Teil von ihr, der mit dem vom Vatikan abgeschmetterten Synodalen Weg liebäugelt, tut aber genau das, wovor die Gott neu Suchenden gerade flüchten: Sie biedert sich dem Zeitgeist an. Darum gewinnen in Deutschland vor allem zwei Arten von christlichen Kirchen derzeit an Bedeutung: die Orthodoxen und konservative Freikirchen. Der deutsche Sonderweg ist also ein echter Marketing-Fail der katholischen Kirche.
Zeitgeist statt Tradition: der deutsche Irrweg
Aber auch jenseits von ‒ um im Marketingsprech zu bleiben ‒ miserabler Zielgruppenanalyse und Produktpositionierung sind diese Tendenzen ein Irrweg. Und damit meine ich nicht nur die offenkundige theologische Fragwürdigkeit so manch einer Idee des Synodalen Wegs. Ich meine auch nicht die Tatsache, dass man sich damit in einigen Fragen direkt im Konflikt mit der päpstlichen Autorität befindet ‒ man denke nur an die Segnung homosexueller Paare, an der viele deutsche Gemeinden trotz päpstlichen Neins partout festhalten wollen.
Nein, diese Anti-AfD-Aktion hat noch einen weiteren fundamentalen Fehler: Sie macht die Kirche politisch. Zugegeben, das ist sicher etwas, was man auch kontrovers diskutieren kann. Ich persönlich denke: Politik ist weltlich. Sie ist, in gewisser Hinsicht, der Inbegriff des Von-der-Welt-Seins: Gibt es überhaupt einen größeren Hort des Bösen, fragt man sich gelegentlich? Kirche sollte in, aber eben gerade nicht von der Welt sein (Johannes 17,14-18). Natürlich darf und soll Kirche für Nächstenliebe und Toleranz werben. Und „Bewusst wählen“ versucht uns weiszumachen, dass sie ja nur genau das tun. Und zugegebenermaßen steht auf der Seite der Aktion auch, dass man mit AfD-Anhängern sprechen wolle (immerhin!).
Das Problem: Es wird natürlich ganz schnell deutlich, dass es eben nicht um diese allgemeinen Prinzipien geht, sondern gegen jene eine Partei. Der unterstellt man dann, in der auf der Website des Projekts abrufbaren Handreichung aus dem Jahre 2023: „Grundsätze und Handlungsempfehlungen zum Umgang mit der AfD und anderen rechtsextremistischen und rechtspopulistischen Organisationen“, genau jene bekannten Stereotype, die wir aus den Mainstream-Medien schon zur Genüge kennen. Dort heißt es unter anderem:
„Wir stehen, im Gegensatz zur AfD und anderen rechtsextremen und rechtspopulistischen Organisationen, für die Gleichwertigkeit aller Menschen. Dies betrifft insbesondere Herkunft, sexuelle Orientierung und Identität, Beeinträchtigungen, Benachteiligungen, Religion und Diversität der Lebensentwürfe.“
AfD und ihre Anhänger: zwischen berechtigter Kritik und pauschaler Verurteilung
Ich will nicht sagen, dass es nicht in der AfD problematische Figuren gibt ‒ und, gerade in dem sachsen-anhaltischen Landesprogramm, auch eine mindestens unschöne Rhetorik.
Es gibt auch Punkte in dem Programm, die schlichtweg unsinnig sind ‒ so wie das „patriotische Bekenntnis“, das künftig Vereinen und Kulturbetrieben abverlangt werden soll. Selbst wenn man, wie ich, zustimmt, dass sich der Kulturbetrieb wieder auf klassische Ideale besinnen sollte, anstatt mit Fördergeldern das zigtausendste Flüchtlingsprojekt oder Antifaschismusprojekt zu finanzieren: Eine adäquate Antwort wäre, Gelder an hochwertige Projekte zu vergeben und die Förderung für dergleichen künstlerisch wertlosen Unfug zu streichen. Ein patriotisches Bekenntnis hilft nichts und stiftet nur Unfrieden.
Und es gibt Szenarien, in denen, ja, eine Regierung der AfD, mindestens auf Bundesebene, unschön enden könnte ‒ etwa, wenn die Partei nicht die gewünschten Ergebnisse liefern würde und die extremistischen Elemente der Partei mehr Zulauf bekämen. Meiner Meinung nach ist allerdings die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich gar nichts Nennenswertes ändern würde, da Politik nun mal Politik ist und Tiger sich dann schneller als zahnlos erweisen, als man so denkt.
Dialog verfehlt – und damit auch den christlichen Auftrag
Doch eines kann man mit Gewissheit sagen: Wenn man den Dialog sucht und mit denselben Vorurteilen hineingeht wie der Mainstream, wird es keinen Dialog geben. Die Initiative ist also ohnehin zum Scheitern verurteilt.
Sie verfehlt damit den eigenen Anspruch und den christlichen Auftrag ‒ und sie wird den Unterstützern der AfD wie auch einem Großteil der Politiker dieser Partei überhaupt nicht gerecht. Sie sind Menschen, die Probleme in ihrem Umfeld benennen und, trotz Widerstands aus Medien und Gesellschaft, artikulieren. Mindestens dafür sollte man sie achten ‒ und ihre Sorgen und Nöte ernst nehmen. Insbesondere, wenn man Christ ist. Zumal viele der von der AfD und ihren Anhängern benannten Probleme ja nicht aus der Luft gegriffen, sondern durchaus korrekt benannt sind, auch wenn man mit den angestrebten Lösungen in Teilen vielleicht nicht übereinstimmt.
Fazit: ein „krasser Fail“
Das „Gebet zur Landtagswahl“, seien wir ehrlich, berührt eher peinlich. Weil es wertvolle christliche Werte in der plumpen Sprache der Ideologie ersäuft. Weil es mit der Initiative „Bewusst wählen“ zu einer Strömung in der deutschen katholischen Kirche gehört, die garantiert dazu führt, dass die Schäfchen auch künftig laut blökend in großen Herden aus den Kathedralen flüchten. Weil das Projekt die Zielgruppe grandios verfehlen und Applaus vor allem von denen bekommen wird, die sowieso schon einen „FCK AFD“-Aufkleber auf dem Auto haben. Und weil es zu guter Letzt seinen eigenen Anspruch eines christlichen Miteinanders im Dialog besser untergräbt als eine Armee Maulwürfe einen englischen Rasen.
Kurzum, wie man heute so schön sagt: Das Ganze ist ein „krasser Fail“.
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