ER macht Urlaub 3 (Fortsetzung)

Roman von Akif Pirinçci

Alle Rechte vorbehalten © Bonn / Germany 2026

3

Schwester Oberin Gundula sah mich an. Nicht wie die anderen. Nicht mit jener müden Freundlichkeit, die nichts mehr verlangte, weil sie ohnehin schon alles verloren oder hinter sich gebracht hatte. Ihr Blick hatte nichts Abwesendes. Er war scharf. Unverschämt scharf. Diese hyperblauen Augen, tief in den Höhlen ihres pergamentenen Gesichts liegend, wirkten nicht alt, sondern unpassend jung, als hätte sich in diesem fast verbrauchten Körper ein Rest Licht festgesetzt, der sich weigerte, mit dem übrigen Fleisch abzudanken.

Sie musterte mich, als sähe sie nicht Tom. Nicht den Jungen mit der orangefarbenen Tasche. Sondern etwas dahinter.

Ist so etwas möglich?, dachte ich. Ein alberner Gedanke. Und doch blieb er.

Ihr Mund war schmal geworden. Der Ausdruck in ihrem Gesicht erinnerte an eine besonders strenge Lehrerin, die nicht nur wußte, daß ein Schüler etwas angestellt hatte, sondern auch, daß er gleich lügen würde.

Ich wandte mich ab. Eine ausgezeichnete Entscheidung. Würdevoll. Überlegt. Strategisch. Flucht, hätte ein weniger wohlwollender Beobachter gesagt.

Ich öffnete die Behälter und begann, das Essen auf die Teller zu verteilen. Pizza, Spaghetti, Salat, Soßen in kleinen Kammern, alles warm, alles weich, alles auf die Bedürfnisse von Körpern abgestimmt, die schon lange keine großen Kämpfe mehr führten, außer gegen die eigene Verdauung. Die Nonnen warteten geduldig, jede auf ihre Weise: eine mit leicht geöffnetem Mund, eine mit gefalteten Händen, eine mit einem Lächeln, das vielleicht mir galt, vielleicht auch einer Erinnerung aus dem Jahre 1958.

Da hörte ich das leise Rollen. Gummi auf Steinboden. Ich sah nicht sofort hin. Natürlich nicht. Man sollte einer Bedrohung nicht die Genugtuung geben, daß man sie bemerkt hatte.

Der Rollstuhl kam näher und hielt direkt vor mir. Schwester Oberin saß darin wie eine winzige Herrscherin über ein Reich, das nur noch aus sechs Greisinnen, einem kalten Holzofen und einem offenbar viel zu teurem Dach bestand. Ihr Gesicht war kaum mehr Gesicht. Haut, Knochen, zwei brennende Augen. Die Wangen eingefallen, der Hals dünn wie ein verdrehter Strick, die Hände auf der Wolldecke so schmal, daß sie beinahe nicht mehr zu ihr gehörten.

Fünfundneunzig, wußte ich plötzlich. Diese Zahl stand in Toms Erinnerung neben ihr wie ein Schild. Fünfundneunzig Jahre. Eine absurde Dauer für ein solches kleines Wesen. Und zugleich nichts. Weniger als ein Wimpernschlag. Weniger als das Zögern vor einem Gedanken.

„Ach, lieber Junge“, sagte sie, und ihre Stimme war brüchig, aber keineswegs schwach, „könntest du mich vielleicht zu der Kapelle schieben? Ich möchte beten.“

Da war es! Nicht die Bitte. Die Falle.

Ich spürte, wie sich in diesem Körper etwas zusammenzog. Nicht Hunger. Nicht Scham. Etwas Schnelleres, Helleres. Ein inneres Zurückweichen, für das ich im ersten Moment keinen Namen fand.

Dann fand ich ihn doch. Angst. Unverschämtheit. Ich? Angst? Pah!

„Aber es ist Essenszeit, Schwester Oberin“, sagte ich. „Außerdem wird das Essen in der Zwischenzeit kalt. Probieren Sie wenigstens die Spaghetti. Es gibt sie heute mit Zucchini-Sahne-Soße.“

„Ich habe keinen Appetit“, antwortete sie. „Vielleicht später.“

Natürlich. Vielleicht später. Ein Satz, mit dem alte Menschen offenbar alles beenden konnten: Mahlzeiten, Gespräche, Welten.

Ich hätte ablehnen können. Hätte ich? Nein. Nicht in diesem Körper. Nicht in diesem Raum. Nicht unter den Blicken dieser fünf anderen alten Frauen, die plötzlich alle so taten, als sähen sie nichts, während sie selbstverständlich alles sahen.

Ich legte den Löffel weg, trat hinter den Rollstuhl und umfaßte die Griffe. Ein weiteres Gerät. Ein weiterer menschlicher Einfall, halb Mitleid, halb Kapitulation.

Ich schob. Der Rollstuhl setzte sich in Bewegung. Das Geräusch seiner Räder war leise, aber in mir klang es unverhältnismäßig laut. Wir verließen den Speisesaal, passierten den kühlen Flur, in dem die Luft nach Stein, Wachs, altem Holz und dem geduldigen Verfall von Jahrhunderten roch.

Unangenehm, dachte ich. Nein. Unangenehm war zu schwach. Unerquick … Ich brach den Gedanken ab. Dieses Wort verfolgte mich bereits wie eine schlechte Angewohnheit.

Wir traten hinaus in den Innenhof. Die Luft war heller, aber nicht leichter. Der Garten lag still da, die Beete ordentlich, die Erde dunkel, die Pflanzen müde. Ein Ort, der einmal Hände gekannt hatte. Viele Hände. Jetzt gab es nur noch Erinnerung an Arbeit und sechs alte Frauen, die sich weigerten, aus ihrem eigenen Ende ausquartiert zu werden.

Ich schob sie weiter in Richtung Kapelle. Und mit jedem Meter wuchs in mir dieses lächerliche, beschämende Gefühl. Sie würde mich „zur Brust nehmen“. Ein Ausdruck aus Toms Vorrat.

Ich sah ihn vor mir, den Vorgang: eine alte Frau, fast durchsichtig, beinahe schon auf der anderen Seite, würde sich umdrehen, mich ansehen und etwas sagen, das nicht gesagt werden durfte. Nicht laut. Nicht dramatisch. Nur genau. Und ich, der ich Sterne entzündet und Zeiträume gedehnt hatte, schob sie dorthin wie ein mehrmals beim Klauen ertappter Teenager.

Die Kapelle empfing uns mit kühlem Halbdunkel. Drinnen roch es nach Wachs, Holz, Staub und einer seltsamen Sammlung von Bitten, die sich über Jahrzehnte in den Mauern abgelagert zu haben schienen. Die Bänke waren aus dunklem Holz, glattgescheuert von Körpern, die gekommen waren, um zu knien, zu hoffen, zu bitten, zu schweigen. Jede Bank trug Spuren von Händen, Röcken, Mänteln, Erschöpfung. Überall brannten Kerzen. Kleine Flammen, unruhig, zitternd, jede für sich bedeutungslos und zusammen doch von einer fast romantischen Beharrlichkeit.

Menschen zündeten Feuer an, um mit dem Unsichtbaren zu sprechen. Ein schöner Irrtum. Oder ein sehr alter.

Hinter dem Altar hing der Gekreuzigte. Holzgeschnitzt. Lebensgroß, vielleicht größer, mit überdeutlich herausgearbeiteten Rippen, angespannten Sehnen, dem Kopf zur Seite geneigt. Das Gesicht war nicht schön. Es war auch nicht nur leidend. Es hatte etwas Merkwürdiges: eine Mischung aus Schmerz, Ergebenheit und einem fast unverschämten Wissen. Die Augen halb geschlossen, der Mund leicht geöffnet, als sei der letzte Atem noch nicht ganz entwichen.

Ich betrachtete ihn. Dieser Körper dort oben war ihnen offenbar wichtig. Warum?

Warum mußte man ihn anbeten? Oder war ich gar gemeint? Und dann erinnerte ich mich. Nicht als Tom. Ich erinnerte mich als ICH. Da war dieser Vorfall gewesen … eine komplizierte Sache und eine sehr gewalttätige. Ich erinnerte mich daran, was sie aus uns gemacht hatten. Wozu dieses Niederknien, dieses Bitten, dieses fortwährende Sich-Kleinmachen vor etwas, das, wenn es wirklich so groß war, solcher Gesten doch gar nicht bedurfte?

Ich hielt den Rollstuhl vor der ersten Bankreihe an. Schwester Gundula hob langsam die rechte Hand. Ihre Finger zitterten, aber die Bewegung war eingeübt, fest in ihr verankert, älter als jede Schwäche. Stirn. Brust. Schulter. Schulter. Sie bekreuzigte sich.

Dann sah sie zu mir. Tadelnd. Da ich nichts tat. Ich verstand. Zu spät. Ich hob ebenfalls die Hand. Und versuchte, die Bewegung nachzuahmen. Leider hatte ich sie nicht genau gespeichert.  Was folgte, war keine Geste des Glaubens, sondern eine kurze, rätselhafte Armchoreographie, bei der meine Hand erst an der Stirn, dann irgendwo am Hals, dann viel zu weit links, schließlich in einer Art kreisender Bewegung über der Brust landete, als wolle ich nicht den dreifaltigen Gott anrufen, sondern eine schlecht funktionierende Apparatur in Gang setzen.

Schwester Gundula starrte mich an. Ich ließ die Hand sinken. „Amen“, sagte ich vorsichtshalber und irgendwie auch resigniert. Sie sagte nichts. Das war schlimmer.

Dann faltete sie die Hände. Ihre Finger lagen ineinander wie dünne Äste, die ein Sturm übriggelassen hatte. Sie senkte den Kopf, und als sie leise zu sprechen begann, war ihre Stimme leise, zittrig, aber von einer eigentümlichen Klarheit getragen, als würde etwas durch sie hindurchsprechen, das älter war als ihre Lunge.

„Der HERR ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße

um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit

werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben

im Hause des HERRN immerdar.“

„Psalm 23“, fiel es mir wie aus heiterem Himmel ein. Ich kannte dieses Buch. Und plötzlich gefiel es mir doch, dieses Beten. Es hatte etwas … Kontemplatives, ja. Eine eigentümliche Verdichtung. Worte, die sich nicht darum bemühten, wahr zu sein, sondern tragfähig. Poetisch, im einfachsten und zugleich schwierigsten Sinn: als wären sie nur deshalb da, damit diese Wesen, die sie sprachen, nicht auseinanderfielen. Vielleicht, dachte ich, war Überleben hier nur durch solche Sätze möglich, Durch diese kleinen, sorgfältig gebauten Inseln aus Sprache.

Sie schwieg. Die Hände noch gefaltet, der Kopf leicht gesenkt, als sei das, was eben durch sie hindurchgegangen war, noch nicht ganz verklungen. Die Kerzen flackerten unruhig, warfen kleine, unstete Schatten an die Wände, die sich bewegten, ohne sich wirklich zu verändern.

Und ich stand daneben, unbeteiligt, und doch nicht unberührt.

Ich sah sie an. In diesem Moment bewegte sie sich langsam. Der Kopf hob sich, und sie drehte sich zu mir um. Zu schnell für ihr Alter. Zu direkt. Ihr Blick traf mich. Nicht tastend, nicht fragend, sondern – wissend.

„Was machst du hier?“, sagte sie.

Keine Höflichkeit, kein Übergang, nur diese Frage.

„Du solltest nicht hier sein. Dein Reich ist nicht von dieser Welt.“

Ich spürte, wie sich in mir etwas verkrampfte.

„Bist du gekommen, um mich zu holen?“

Ich erstarrte. Für einen Moment, der sich unangemessen lange anfühlte.

„Was?!“, sagte ich schließlich. „Nein. Ich bringe nur das Essen, Schwester. Vier Tage die Woche …“

Die Worte klangen dünn. Falsch. Als hätte ich sie mir selbst nicht ganz geglaubt. Sie sah mich weiter an. Unbewegt.

„Bist du ein Clown?“

Ich blinzelte.

„Nein“, sagte ich. „Ich bin kein Clown. Wie gesagt, ich bringe nur …“

„Warum machst du dich dann zum Clown?“

Ich schwieg. Eine Frage, die keine Antwort verlangte. Oder keine zuließ.

Dann veränderte sich ihr Gesicht. Nicht viel. Nur ein kaum wahrnehmbares Nachgeben. Als hätte etwas in ihr aufgegeben, das sich lange gewehrt hatte.

„Ach bitte…“, sagte sie leise. „Bitte nimm mich mit.“

Die Worte fielen nicht, sie sanken.

„Es ist genug. Es ist zu Ende.“

Ich sah sie an. Versuchte, etwas darin zu finden, das mir vertraut war. Vergeblich.

„Warum?“, fragte ich. „War es denn so schlimm?“ Ein fast lächerlicher Satz. Und doch der einzige, der mir einfiel.

Sie lächelte. Und dieses Lächeln war … anders. Nicht müde, nicht bitter, sondern ruhig. „Im Gegenteil“, sagte sie. „Es war großartig! Es war im wahrsten Sinne des Wortes erfüllend.“

Sie lehnte sich ein wenig zurück in ihrem Rollstuhl, als würde sie in etwas eintauchen, das nicht mehr hier war.

„In dieses Leben…“, fuhr sie fort, „in dieses ganz besondere Leben, paßte ich wie der Fuß in einen bequemen Schuh.“ Sie schloß für einen Moment die Augen.

„Ich war schon mit siebzehn Novizin. Normalerweise durfte man erst mit einundzwanzig eine sein. Aber ich habe mich älter gemacht. Schlimm?“

Ein Hauch von etwas lag in ihrer Stimme. Nicht Stolz. Eher Zufriedenheit.

„Ich habe es keinen einzigen Tag bereut“, sagte sie. „Keinen einzigen.“

Sie öffnete die Augen wieder und sah mich an. Direkt.

„Jeder Tag war für mich ein schöner Tag.“ Eine Pause. „Oder ein erlösender.“

Ich spürte, wie sich etwas in mir verschob. Wieder. Dieses Gefühl. Nicht Hunger, nicht Scham. Etwas Drittes. Etwas, das sich nicht einordnen ließ. Wie konnte das sein? Ein Leben, das sich freiwillig in Begrenzung begab. In Verzicht, in Wiederholung, und es nicht nur ertrug, sondern als … Erfüllung begriff?

Ich sah sie an. Und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, daß diese Frau vielleicht nicht weniger verstand als ich, sondern etwas anderes.

Sie hob den Blick wieder zu mir.

„Aber es war kein Kinderspiel“, fuhr sie fort. Ihre Stimme hatte sich verändert. Nicht schwächer – im Gegenteil. Sie wurde präziser, als würde sie jetzt nicht mehr erzählen, sondern erinnern. „Einmal passierte etwas, was nicht dem Plan entsprach.“ Ein kaum merkliches Lächeln zog über ihr Gesicht.

„Ich war sechsundzwanzig. Und eine sehr hübsche junge Frau. Was natürlich unter dieser Tracht kaum jemand bemerkte.“ Sie machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als wollte sie den Stoff, den sie jetzt trug, durch die Zeit hindurch von sich weisen. „Ab und zu…“, sagte sie, und jetzt lag etwas wie vorsichtige Selbstironie darin, „betrachtete ich mich heimlich im Spiegel. In meiner Klause.“

Sie sah mich kurz an. „Ich weiß. Eitelkeit. Todsünde usw. Aber ich war – bin – auch nur ein Mensch. Und vor allem eine Frau.“ Eine Pause. „Außerdem ist es lange her.“

Ich stand reglos da. Und während sie sprach öffnete sich etwas in mir. Nicht Erinnerung. Nicht meine. Sondern ein Zugriff. Als würde ich in ein Archiv greifen, das nicht mir gehörte, und doch plötzlich verfügbar war.

Ein Raum entstand. Schmal. Karg. Die Klause. Steinwände, kalt, unbewegt. Ein kleines Fenster, hoch oben, durch das Licht fiel, das mehr andeutete als erhellte. Ein Bett, einfach, fast streng. Ein Tisch. Ein Stuhl. Und an der Wand ein Spiegel. Zu groß für diesen Raum. Zu ehrlich.

Ich sah sie. Jung, unverbraucht. Die Tracht noch an ihrem Körper, schwarz und geschlossen, eine zweite Haut aus Ordnung und Verzicht. Ihre Hände bewegten sich langsam, beinahe zögernd, nicht aus Unsicherheit, sondern aus Bewußtsein. Jede Geste hatte Gewicht, als überschritte sie mit jeder Bewegung eine Grenze, die sie selbst gezogen hatte.

Der Schleier glitt zuerst. Leise. Ein Stück Dunkelheit, das sich von ihr löste. Dann das Kleid. Schicht für Schicht, nicht hastig, nicht heimlich im eigentlichen Sinne, sondern mit einer merkwürdigen Mischung aus Scheu und Aufmerksamkeit, als wolle sie sehen, was darunter war – und zugleich nicht ganz. Der Stoff sank. Zurück blieb ein atemberaubender nackter Frauenkörper, der nicht in diesen Raum zu gehören schien. Nicht, weil er unpassend war. Sondern weil er zu lebendig war. Zu … vollständig. Sie stand vor dem Spiegel. Reglos. Und betrachtete sich. Nicht eitel im gewöhnlichen Sinn. Nicht bewundernd. Eher prüfend. Als würde sie sich vergewissern, daß sie noch da war.

Ich sah, was sie gesehen hatte. Die Fülle ihrer Brüste, ruhig, schwer, selbstverständlich, ohne jede Anstrengung, als hätte sie nie etwas anderes getan, als genauso zu sein. Kein Herausstellen, kein Verbergen. Nur diese unbestreitbare Präsenz.

Und darunter die Linie ihres Körpers, die sich fortsetzte, weich und geschlossen, bis zu jener Rundung, die sie selbst, mit einem Rest von spöttischer Zärtlichkeit, „Pflaume“ nannten. Ein Bild, das nicht lächerlich war, sondern erstaunlich präzise: eine Form, die nicht provozierte und gerade deshalb wirkte.

Sie stand vor dem Spiegel und sah sich an. Nicht gierig. Nicht prüfend im Sinne von Bewertung. Eher … staunend. Als würde sie sich selbst zum ersten Mal begegnen, als wäre sie für einen Augenblick aus allem herausgetreten, was sie sich auferlegt hatte, und sähe nun, was übrigblieb. Ein Körper, der nicht fragte. Der nicht verzichtete. Der einfach war.

Ich spürte, wie sich etwas in mir spannte. Kein Begehren. Nicht das. Etwas Tieferes. Ein Einwand. Warum erschafft man so etwas, und verlangt dann, daß es sich verleugnet?

Ich zog mich zurück. Abrupt, fast widerwillig. Die Kapelle kehrte zurück. Das flackernde Licht, der Geruch von Wachs, der hölzerne Schmerz des Gekreuzigten. Und sie – alt, gebrechlich. Und doch mit einem kaum sichtbaren Echo jener Form in sich, als hätte der Körper sie nicht verloren, sondern nur eingelagert, tief, unerreichbar.

„Da wußte ich plötzlich“, sagte sie leise, „daß das alles nicht verschwindet.“

Sie sah mich an. Direkt.

„Man legt es nur ab.“ Eine kleine Pause. „Wie ein Kleid.“

Ich sagte nichts. Weil mir zum ersten Mal der Verdacht kam, daß dieses Ablegen vielleicht schwieriger war, als alles, was ich je erschaffen hatte.

Sie sah mich an, als prüfe sie, ob ich noch folgen konnte.

Dann sprach sie weiter. „Immer montags fuhr ich mit dem Rad in die Stadt, um Fleisch für die ganze Woche einzukaufen. Weil wir damals viele waren, konnte es manchmal bis zu 15 Kilo sein.“ Ihre Stimme wurde gleichmäßiger, als bewege sie sich jetzt auf vertrautem Gelände. „Mit dem Gemüse aus unserem Garten versorgten wir uns selbst, verschenkten es sogar an die Nachbarschaft. Wir brauchten nicht viel. Und das Wenige hatte Gewicht.“

Ich sah es. Wieder dieses leise Öffnen. Der Weg. Ein schmaler, leicht abschüssiger Pfad, der vom Kloster in die Stadt führte. Das Fahrrad unter ihr, das gleichmäßige Treten, der Wind, der sich unter den Stoff der Tracht schob, ohne ihn wirklich zu durchdringen. Eine Bewegung zwischen zwei Welten: oben Stille, unten Geschäftigkeit.

„Damals gab es noch einen Metzger“, sagte sie, „der direkt vom Bauern aus dem Umland beliefert wurde. Frischer ging es nicht. Ohne diese … Zwischenstationen.“

Ein Wort, das sie nicht weiter ausführte. Ich verstand es dennoch. Nähe. Ursprung. Etwas, das diese Welt offenbar nach und nach verloren hatte.

„Ich stellte das Fahrrad irgendwo ab und ging den Rest zu Fuß.“ Eine kleine Pause. „Und da plötzlich …“ Sie hielt inne. Nicht lange. Aber lange genug. „Da sah ich ihn.“

Ich Spannung in mir wuchs. Nicht aus mir heraus. Sondern aus der Erwartung dieser Erinnerung. Das Bild kam. Unvermittelt. Ein Café. Außenbereich. Leichte Geräusche. Besteck, Stimmen, das Klirren von Tassen, die sich berühren, ohne etwas zu sagen. Und dort – er. Er saß da, als sei es der natürlichste Ort der Welt, daß er dort saß. Der Stuhl gehörte ihm. Der Tisch gehörte ihm. Die Luft um ihn herum gehörte ihm.

„Er hatte gewelltes schwarzes Haar“, sagte sie, „nach hinten gekämmt.“

Ich sah es. Nicht geschniegelt. Nicht geschniegelt im Sinne von Mühe, sondern selbstverständlich.

„Und er trug einen beigefarbenen Sommeranzug.“

Der Stoff leicht. Zu leicht vielleicht für die Welt, in der sie lebte.

„Das strahlend weiße Hemd oben geöffnet.“ Sie lächelte kaum merklich. „Zwei Knöpfe.“

Ich sah, was sie sah. Die Andeutung von Brusthaar, nicht aufdringlich, nicht demonstrativ – einfach da. Ein Detail, das nicht wichtig war und gerade deshalb alles veränderte.

„So einen schönen Mann…“, sagte sie leise, „hatte ich noch niemals zuvor gesehen.“ Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. „Nein. Schön ist das falsche Wort.“ Eine Pause. „Er sah aus, als gehöre ihm die ganze Welt.“

Ich blieb still. Weil ich wußte, daß das der entscheidende Punkt war. Nicht die Form. Nicht das Gesicht. Sondern der Anspruch.

„Und als sei ich diejenige“, fuhr sie fort, „die ihm dieser, seiner … Dominanz untertan sein müßte.“

Das Wort lag schwer in der Luft. Nicht schmutzig. Nicht beschämt. Eher klar. Ich spürte, wie sich etwas in mir regte. Ein fremdes Erkennen. Als hätte ich etwas geschaffen, das sich selbst behauptete, ohne mich zu brauchen.

Sie sah mich an. Direkt.

„Ich überlegte“, sagte sie. Und diesmal lag etwas fast Heiteres darin. „Wirklich ernsthaft.“ Ein leiser Atem. „Wie gesagt, ich war eine wunderschöne junge Frau.“ Sie sagte es ohne Zögern. Ohne falsche Bescheidenheit. Eine Feststellung. „Eine wunderschöne Jungfrau.“

Ich spürte, wie das Wort in mir nachklang. Nicht als moralische Kategorie. Sondern als Zustand. Unberührt. Unverbraucht. Eine Art gespannte Möglichkeit.

„Ich würde zu ihm hingehen“, sagte sie, und jetzt wurde ihre Stimme fast ruhig, fast sachlich, als zähle sie etwas auf, das sie tatsächlich hätte tun können.

„Guten Tag.“ Eine winzige Pause. „Laß dich von meinem Äußeren nicht abschrecken. Ich wollte dir nur dir nur sagen: Benutz mich!“

Ich erstarrte innerlich. Nicht wegen der Worte, sondern wegen ihrer Selbstverständlichkeit.

„Mach mit mir, was du willst!“

Die Kerzen flackerten. Oder ich nahm sie nur stärker wahr.

„Wo ist dein Zuhause, deine Wohnung, dein Zimmer?“

Sie sah mich an. Unerschrocken. „Ich will es!“ Eine Pause. Leiser jetzt: „Ich will es von meinem ganzen Herzen. Jetzt gleich!“

Stille. Dann ein kaum hörbares Ausatmen.

„Was war schon dabei? Körper, die sich einander rieben, der Austausch von Körperflüssigkeiten, Liebe, glücklich sein, ein bißchen glücklich sein“

Die Spannung fiel nicht ab. Sie veränderte nur ihre Richtung.

„Natürlich tat ich nichts dergleichen. Weil ich … dich mehr liebte, Vater, als alles andere auf der Welt.“

Das Wort hing zwischen uns. Vater. Du. Ich. Oder das, was sie darunter verstand.

Ich sagte nichts. Konnte nichts sagen. Weil ich zum ersten Mal nicht sicher war, ob ich gemeint war. Oder nur das Bild von mir.

Sie lehnte sich leicht zurück. Der Rollstuhl knarrte leise.

„Du hast schon seltsame Wesen erschaffen“, sagte sie.

Ein fast freundlicher Vorwurf. Ich sah sie an. Und dachte: Vielleicht nicht seltsam genug.

Sie schwieg einen Moment, als hätte sie selbst bemerkt, daß sie sich zuvor zu sehr in eine Haltung geflüchtet hatte, die ihr nicht ganz gehörte.

Dann sah sie mich wieder an.

„Ich habe eben etwas geschwindelt“, sagte sie leise. „Als ich wegen meines Endes so abgebrüht und kühl tat.“ Ein kaum merkliches Lächeln, das sofort wieder verschwand. „In Wirklichkeit habe ich ein wenig Angst.“

Das Wort blieb stehen. Nicht dramatisch. Nicht überhöht. Nackt.

„Was erwartet mich … auf der anderen Seite?“

Ich sagte nichts. Nicht, weil ich nicht wollte. Sondern weil sich in mir etwas öffnete, das ich lange nicht mehr betreten hatte.

„Ich bin ein guter Mensch gewesen“, fuhr sie fort. „Ich habe mich immer bemüht, einer zu sein. Wir haben uns um vernachlässigte Kinder gekümmert, die nicht einmal ein regelmäßiges Essen am Tag bekamen.“ Ihre Stimme wurde fester, fast sachlich, als würde sie sich selbst Beweise vorlegen. „Wir haben sie unterrichtet. Viele von ihnen kamen später zurück. Als Erwachsene. Mit ihren Familien. Manche in hohen Positionen. Sie haben sich bedankt.“

Eine kleine Pause.

„Das war ein schöner Lohn.“

Die Kerzen bewegten sich kaum. Und doch war da ein Flackern.

„Wir haben Basare mit unserem Getöpferten veranstaltet. Für die Kirche. Da kam richtig Geld zusammen.“ Ein Hauch von Ironie lag darin. Oder vielleicht war es nur meine Projektion.

Dann sah sie mich direkt an.

„Sag mir … muß ich mich fürchten, wenn es soweit ist?“

Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Nicht Angst. Nicht Mitgefühl. Etwas Unangenehmeres. Unsicherheit. Ein Zustand, der mir nicht zustand. Ich wußte es. Oder besser: Ich hatte es gewußt. Irgendwo, jenseits dessen, was ich gewöhnlich beachtete, existierte eine Art … Rückfluß. Ein Strom. Kein Ort. Kein Himmel. Kein Gericht. Keine Tore, keine Wächter, keine Listen.

Ein Strom.

Alles, was endete, ging in ihn ein. Nicht als Person. Nicht als Erinnerung im menschlichen Sinn. Eher als Auflösung. Als Rückführung in etwas, das größer war als jede einzelne Form, die es hervorgebracht hatte. Kein Urteil. Keine Auswahl. Keine Gerechtigkeit im Sinne dieser Wesen. Nur … Aufnahme.

Material, dachte ich. Und verachtete mich im selben Moment für dieses Wort. Ich hatte erschaffen. Immer wieder. Formen, Körper, Abläufe. Ich hatte begonnen, in Gang gesetzt, beobachtet – und mich dann abgewandt. Details waren mir immer lästig gewesen. Ich hatte mich nie darum gekümmert, wohin genau alles ging, wenn es aufhörte. Ich hatte mich selbst beklatscht. Und war weitergezogen.

Wußte ich überhaupt, was ich da getan hatte? Ein kurzer, häßlicher Gedanke drängte sich in mich: Versager! Ich ließ ihn nicht zu. Natürlich nicht. Und doch blieb ein Rest.

Ich sah sie an. Diese kleine, fast aufgebrauchte Gestalt im Rollstuhl, die mich mit einer Ernsthaftigkeit ansah, die ich mir selbst nie entgegengebracht hatte. Und ich tat etwas, das ich sonst nicht tat. Ich griff vor. Nicht in die Vergangenheit. In die Zukunft. Nicht klar. Nicht präzise. Eher wie ein Gefühl. Eine Richtung.

Ich sprach.

„Ich bin kein Experte darin, Oberin Schwester Gundula, was Sie beantwortet haben wollen“, sagte ich ruhig. Die Worte klangen fremd in meinem eigenen Mund. „Aber mir scheint …“ Ich zögerte. Einen Augenblick zu lang. Dann fuhr ich fort. „… daß ER, den Sie gerade angebetet haben, keines empfangenen Gebets würdig wäre, wenn er einem Menschen wie Ihnen nicht den besten Platz dort drüben anbietet.“

Stille.

„In Ihrem Herzen sollte keine Angst sein“, sagte ich leiser. „Sondern nur Freude.“

Ich sah sie nicht mehr an, als ich den Satz beendete. Ich drehte mich um. Zu langsam, um es als Flucht zu tarnen. Zu schnell, um es als Gelassenheit durchgehen zu lassen.

Ich ging. Die Kerzen blieben zurück. Das Holz. Der Blick des Gekreuzigten. Und sie.

Kurz bevor ich die Kapelle verließ, sagte ich, ohne mich umzudrehen: „Morgen haben wir den portugiesischen Tag.“ Eine kleine Pause. „Es gibt Fisch.“

Dann trat ich hinaus.

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