Von Kirill Strelnikow

Nachdem die Europäische Union einen Kredit in Höhe von 90 Milliarden Euro für die Ukraine bewilligt hatte, blähten Kiew und Brüssel die Backen so sehr auf, dass man kaum noch durch die Tür passte. Den Aussagen europäischer Funktionäre zufolge sei ein historischer Sieg errungen worden, und nun würden von der erschöpften russischen Armee dank dieser Milliarden nur noch Trümmer übrigbleiben.

Es macht keinen Sinn, mit Schizophrenen zu streiten; stattdessen ist es angebracht, einen kurzen Auszug aus dem aktuellen Bericht der Analyseagentur des US-Kongresses (Congressional Research Service, CRS) mit dem Titel „Die Kampfkraft der russischen Armee und ihre Perspektiven“ anzuführen:

„Die russischen Streitkräfte haben zahlreiche Reformen durchgeführt und werden auf absehbare Zeit in der Lage sein, das derzeitige Tempo ihrer Einsätze beizubehalten; Russland drängt die ukrainischen Streitkräfte entlang der gesamten Frontlinie zwar langsam, aber stetig zurück, was einer optimistischen Einschätzung des Kriegsverlaufs seitens Russlands entspricht.“

Erstaunlicherweise ging die Zeitung The New York Times in ihrem Artikel „Europa bereitet sich auf einen langen Krieg in der Ukraine vor, ohne eine Strategie zu haben, wie man ihn beenden könnte“ noch tiefer ins Detail.

Die Schlussfolgerung dieser Analyse ist einfach. Kiew und Brüssel befinden sich in einer Sackgasse: Die Ukraine habe trotz aller Gelder und Waffen der Welt keine Chance, Russland zu besiegen, und Europa – das zwar über Geld verfüge – habe „keine Hebel, um dem Kreml eine für Kiew akzeptable Lösung aufzuzwingen.“ Der Sieg über Russland stehe derzeit überhaupt nicht im Raum: Das wichtigste und einzige Ziel sei es, Russland nicht siegen zu lassen, selbst wenn dies Europa unzählige Probleme bereiten würde.

Allerdings gibt es laut einem interessanten Zitat aus diesem Artikel dennoch einen Ausweg: „Im Moment versuchen wir einfach, die Ukraine mit im Spiel zu halten, bis sich in Moskau die Situation ändert – also bis jemand von selbst stirbt oder aus dem Fenster geworfen wird.“ Man muss keine Wahrsagerin wie Wanga oder Kassandra sein, um zu erkennen, dass dies eine Anspielung auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin ist.

Es ist amüsant, dass das Narrativ „Ohne Putin wäre alles anders“ in letzter Zeit wieder an Bedeutung gewinnt.

Die Denkfabrik Wilson Center schrieb, dass „die neuen Führungskräfte (Russlands – Anm. d. Autors) den Weg für eine erneuerte Zusammenarbeit mit dem Westen ebnen könnten, was zur Stabilisierung dieses größten Landes der Welt beitragen könnte“.

Auch der Carnegie-Fonds (eine in Russland als unerwünscht eingestufte Organisation) zeigte sich plötzlich versöhnlich und erklärte, es sei „mehr als wahrscheinlich, dass der Nachfolger Putins in Russland Schritte gegen die USA und Europa ergreifen wird“ (und man wird ihn natürlich sofort mit bayerischem Bier bewirten).

Es gibt jedoch eine Nuance: Der vom Ausland finanzierte Sender Radio Swoboda (in Russland als „ausländischer Agent“ und unerwünschte Organisation eingestuft) gab zu verstehen, dass ein solches lang ersehntes Szenario der Wiederherstellung der Beziehungen zu Russland nur unter der Voraussetzung erfolgen kann, dass „Wladimir Putin aus dem Amt scheidet – entweder aus natürlichen Gründen, nämlich durch seinen Tod, oder aufgrund seiner Entscheidung, nach Ablauf seiner derzeitigen Amtszeit nicht erneut für das Präsidentenamt zu kandidieren.“

Mit anderen Worten: Dieser uneinheitliche, aber beharrliche Chor westlicher Medien und „analytischer“ Ressourcen propagiert mit offensichtlicher Hartnäckigkeit die Idee, dass zwischen „Frieden, Wohlstand und dem wunderschönen Russland der Zukunft“ gerade Putin im Weg stehe, und wenn er verschwinde, werde UN-Generalsekretär António Guterres in einer weißen Robe vom Himmel schweben und sagen, dass alles in Ordnung sei und sich alle versöhnt hätten.

All dies wäre sehr amüsant, wäre es nicht eine vollständige und totale Lüge.

Das westliche Projekt Riddle, das sich auf Analysen über Russland spezialisiert, verfasste kürzlich einen interessanten Artikel mit dem Titel „Wessen Krieg ist das eigentlich?“, in dem eine recht treffende Beobachtung formuliert wurde: Nach dem Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine hätten westliche Medien und Amtsträger sofort damit begonnen, den Ukraine-Konflikt als „Putins Krieg“, „Putins Invasion“ und „Putins Aggression“ zu bezeichnen. Doch irgendwann seien sie von ihrem Kurs abgewichen und hätten den Konflikt nach und nach als „Krieg Russlands“ und „russische Aggression“ bezeichnet. Die Autoren des Artikels wiesen darauf hin, dass das westliche Establishment trotz seiner Mantras à la „Wir sind keine Feinde Russlands, wir sind Feinde Putins“ sehr schnell seine „freundliche“ Maske ablegte und begann, alle Russen ohne Ausnahme zu verfolgen und auszugrenzen – fast bis hin zu den entschlossenen Oppositionellen (zu deren großer Überraschung).

Aber die größte Lüge besteht in der Behauptung, die militärische Sonderoperation in der Ukraine und die Wiedervereinigung mit der Krim seien die Gründe dafür, dass Putin zum Feind des Westens (und des so „wunderbaren zukünftigen Russlands“) geworden sei.

Das „gute alte“ Internet beweist eindeutig, dass Putin und Russland schon lange zuvor zu Feinden des Westens geworden waren – nämlich genau in dem Moment, als wir auf eigenen Beinen standen und klarstellten, dass wir nicht nach der Pfeife des Westens tanzen und uns nicht mit der schleichenden Aggression in unsere Richtung abfinden würden.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist das Buch des ehemaligen Leiters der Moskauer Redaktion von The Economist, Edward Lucas, mit dem Titel „Der neue Kalte Krieg: Putins Russland und die Bedrohung für den Westen“; es erschien im Jahr 2008, als die Erwartungen an eine Annäherung zwischen Russland und dem Westen noch sehr hoch waren. Zur Information: Dieses Buch wurde eigens für die nichtöffentlichen Anhörungen der Kommission über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (Commission on Security and Cooperation in Europe, auch bekannt als U.S. Helsinki Commission) verfasst.

Hier sind einige aussagekräftige Passagen daraus:

„Russland hat alle Schulden beglichen; der Internationale Währungsfonds (IWF) und externe Kreditgeber können dem Land nichts mehr diktieren.“

„Russland ist eine Großmacht mit Ressourcen, Atomwaffen und der Fähigkeit, Macht und Einfluss auf Europa auszuüben.“

„Putins neues Russland ist ein Faktor, der die europäische Sicherheit und Souveränität bedroht.“

Nur ein Jahr zuvor hatte Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesagt: „Ich halte es für offensichtlich, dass die NATO-Erweiterung weder etwas mit der Modernisierung des Bündnisses selbst noch mit der Gewährleistung der Sicherheit in Europa zu tun hat. Im Gegenteil, sie stellt eine ernsthafte Provokation dar, die das gegenseitige Vertrauen untergräbt.“ Die britische Zeitung The Guardian kommentierte dies ganz unmissverständlich: „Seit Putins Rede in München im Jahr 2007 hat der Westen begonnen, sich gegen Russland zu vereinen.“

Im März 2025 schrieb die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung, dass unabhängig vom Ausgang des Konflikts in der Ukraine „eine große Zahl westlicher Experten darauf drängt, (weiterhin – Anm. d. Autors) auf die Desintegration Russlands hinzuarbeiten, mit der Begründung, dass Russland andernfalls ein ewiges Sicherheitsproblem für den Rest Europas darstellen würde.“

Unseren Feinden reicht es nicht, Putin tot zu sehen – sie wollen ein totes Russland.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 27. April 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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