Der Streetworker Franco Clemens hat sich mit der Lage der obdachlosen Zeltbewohner in Köln befasst. Seit dem vergangenen Winter sucht er deren Zeltlager auf und spricht mit den Bewohnern. Insgesamt fand er 45 solcher Zeltplätze in Köln. Es gebe aber eine hohe Dunkelziffer von unentdeckten Zelten und entsprechend viel mehr Obdachlose in Köln, berichtete Clemens dem Kölner Express. Der Kölner Stadtanzeiger kommentierte: „Clemens hat eine Realität festgehalten, vor der viele die Augen verschließen.“

Der Kölner engagiert sich neben seiner Berufstätigkeit für den Verein „Heimatlos in Köln e.V.“ In dessen Auftrag dokumentierte er die Kölner Obdachlosenlager. Bei rund der Hälfte der Betroffenen handele es sich um deutsche Staatsbürger, viele von ihnen seien sogar in Köln geboren, erläuterte Clemens die Herkunft von Obdachlosen in Köln. Der andere Teil stamme vor allem aus Osteuropa.

Unter den Zeltbewohnern fand er auch Kinder und Jugendliche unter 21 Jahren, die dort gemeinsam mit ihren Eltern wohnten. Dies sei zwar selten, aber dass es solche Zustände für Kinder in Köln überhaupt gebe, sei alarmierend. Eine weitere tragische Entwicklung sei, dass es in Köln zunehmend mehr Frauen unter den Obdachlosen gebe.

Entgegen verbreiteter Annahmen, sei nur ein kleiner Teil der Zeltbewohner drogenabhängig. Es erfordere doch eine gewisse Strukturiertheit, um im Winter im Freien zu leben. Der Streetworker erklärte dazu: „Das Leben in der Natur ist hart und muss einigermaßen organisiert sein – gerade im Winter, wo der Kältetod droht. […] Einige der Betroffenen gehen sogar einer geregelten Arbeit nach.“

Neben den ärmsten der Obdachlosen, die in U-Bahnhöfen, überdachten Ladenzeilen, an Eingängen von Häusern, auf Baustellen oder unter den Brücken am Rhein schliefen, gebe es noch Wohnungslose, die in registrierten Autos, Lieferwagen oder Bauwagen übernachteten.

Unverständnis zeigte er für die städtische Politik, wohnungslose Personen gelegentlich in gewerblichen Hotels unterzubringen. Dafür zahle die Stadt pro Monat zwischen 1600 und 2000 Euro pro Person. Für das dafür insgesamt ausgegebene Geld könnte man viel Wohnraum mieten. Der Streetworker kritisiert: „Verdammt noch mal, da können wir eine ganze Wohnung mieten. Aber auch kaufen, denn selbst dann wären wir langfristig billiger dabei und eine Immobilie verliert nicht an Wert.“

Die gesellschaftliche Situation in der rheinischen Metropole bewertet Clemens insgesamt kritisch: Aufgrund steigender Mieten und explodierender Nebenkosten hätten immer mehr Menschen trotz Berufstätigkeit Probleme, finanziell zurechtzukommen. Zugleich steige der Armutsanteil unter Senioren, weil die Renten gemessen an den Lebenshaltungskosten zu niedrig seien.

Für den Streetworker sind die steigende Obdachlosigkeit unter Bevölkerungsgruppen, die bislang kaum davon betroffen waren, und die steigende Armut in der Kölner Bevölkerung ein Alarmzeichen. Davon betroffen seien mittlerweile nicht „nur irgendwelche kleinen Randgruppen, sondern die Probleme seien in der Mitte der Bürgerschaft angekommen,“ zitierte der Kölner Express die Beobachtungen des Sozialarbeiters. 

Nach dem Modell des in Deutschland ausgerufenen Klimanotstands, fordert Clemens für Köln die Ausrufung eines Sozialnotstands. Konkret sollten alle politischen Beschlüsse des Kölner Rats auf ihre Sozialverträglichkeit geprüft werden. Der Kölner Stadtanzeiger zitiert den engagierten Mitbürger: 

„Ich fordere, so wie der Klimanotstand erklärt wurde, die kommunale Ausrufung eines sozialen Notstands, der alle politischen Entscheidungen nach dem Kriterium der sozialen Verträglichkeit hinterfragt.“

„Die Ausrufung eines sozialen Notstands wäre ein wichtiges Instrument zur Priorisierung der wirklichen Bedarfe – vor allem in der Prävention zwingend notwendig, um einer weiteren sozioökonomischen Ausgrenzung, Alltagskriminalität und politischer Radikalisierung der Bevölkerung entgegenzuwirken“, erklärte Clemens gegenüber dem Express.

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