Langsam weicht die Vorstellung, der Krieg gegen Iran und dessen Folgen ließen sich für Deutschland locker wegstecken, auch in der Bundesregierung einer etwas realistischeren Wahrnehmung. Zumindest, was das Kerosin betrifft. Für diesen Monat hat nun Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zu einem Krisengipfel ins Ministerium geladen.

Kerosin ist deshalb besonders heikel, weil Europa hier zu 50 Prozent von Lieferungen aus dem Persischen Golf abhängig ist; anders als bei anderen Treibstoffsorten, die zu einem größeren Teil selbst hergestellt werden. Auch Deutschland importiert mittlerweile die Hälfte des verbrauchten Kerosins; das ist mit eine Folge der Tatsache, dass seit 2019 die Kerosinproduktion in Europa um 24 Prozent eingebrochen ist – vor allem in Deutschland.

Bereits Mitte Mai, warnte jüngst der Chef der Internationalen Energieagentur Fatih Birol, könnte das Flugbenzin in Europa knapp werden. Für die große Reisewelle, die üblicherweise im Sommer stattfindet, ist das ein Problem. Und die Befürchtungen eines Mangels gehen so weit, dass womöglich Kerosin zugeteilt werden müsse.

Theoretisch wäre es möglich, in den vorhandenen Raffinerien mehr Kerosin herzustellen; allerdings nur auf Kosten des destillierten Diesels, weil sich diese beiden Treibstoffsorten teilweise in ihrer Zusammensetzung überlappen. Aber nicht jede Raffinerie produziert überhaupt Kerosin oder kann eine solche Umstellung vornehmen. Und auch wenn eine gewisse Verschiebung zwischen Diesel und Kerosin möglich ist – die Gesamtmenge, die sich aus dem eingesetzten Öl überhaupt erzielen lässt, ist weitgehend fest, weil jedes gelieferte Rohöl eine bestimmte Zusammensetzung an Kohlenwasserstoffen verschiedener Längen aufweist.

„Wir kommen möglicherweise in eine Situation, dass in Deutschland Kerosin zugeteilt werden muss, wie es in Italien bereits der Fall ist“, so Claus Wagner, Vorsitzender des Verbands der Air Cargo Abfertiger Deutschlands (VACAD). Die Luftfracht ist da an vielen Punkten wichtiger als der Personenverkehr.

Die Luftfahrtorganisation IATA hatte schon im vergangenen Jahr vor der Abhängigkeit von der Golfregion gewarnt. Aber die Raffineriekapazitäten haben sich zwangsläufig an den Wegfall früherer Lieferanten angepasst oder haben dadurch Probleme, weiterzuarbeiten, wie Schwedt, das russisches Erdöl erhielt.

Die Vorräte, die die Bundesregierung hält, belaufen sich auf 40 Tage; allerdings wurde bereits ein Teil davon ausgeteilt. Die letzten Tanker, die den Persischen Golf vor Beginn des Iran-Krieges verließen, sind inzwischen eingetroffen. Ab diesem Zeitpunkt leeren sich die Tanklager. Übrigens, auch Ramstein und damit die dort startenden und landenden US-Flugzeuge beziehen ihr Kerosin aus den europäischen Raffinerien; eine weitere Angriffswelle auf Iran würde das Angebot weiter schmälern.

Für andere Länder geht es beim Kerosin nicht nur um die Luftfahrt. In weiten Teilen Afrikas und auch noch in einigen Regionen Asiens ist Kerosin der Brennstoff zum Kochen und für die nächtliche Beleuchtung. Gerade diese Länder haben bei einem Bieterwettbewerb um das noch angebotene Kerosin besonders schlechte Startpositionen.

Lars Klingbeil, der SPD-Finanzminister, meint immer noch, die Lösung bestehe darin, „weniger abhängig von fossilen Energieimporten“ zu werden. Sofern man nicht versucht, zur Kohlevergasung zurückzukehren, gibt es da jedoch wenige Möglichkeiten, die fehlenden Treibstoffe für Luftfahrt und Logistik zu ersetzen. Solaranlagen transportieren keine Container von Nord nach Süd.

„Wir sind in einer Situation, die ähnlich herausfordernd ist wie die Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine“, erklärte er. Auch Reiche betont, sie nehme die Sorgen sehr ernst. Die einzige auch in diesem Zusammenhang wirklich wirksame Maßnahme, die die Bundesregierung ergreifen könnte, wird sie jedoch nicht ergreifen. Denn das wäre ein Ende der Russland-Sanktionen.

Im Gegenteil: Vermutlich wird bereits auf dem Krisengipfel am Montag geplant werden, wie man auch Kerosin an die Ukraine liefern kann. Gleiches dürfte beim Diesel drohen, sollte sich auch dort ein Engpass entwickeln. Denn letzten Endes wird auch eine Zuteilung von Treibstoffen den selben Mustern folgen wie das sonst übliche Verhalten.

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