Von Dagmar Henn

Eine der auffälligsten Erscheinungen der letzten Jahre ist die extreme Manipulierbarkeit bestimmter Gruppen in der Bevölkerung. Es gibt sicher viele Aspekte, die dabei eine Rolle spielen – so sind die sozialen Gruppen, die besonders empfänglich sind, weitgehend mit jenen identisch, die es historisch ebenfalls waren. Aber im Gegensatz zu anderen Phasen starker politischer Manipulation ist das Ausmaß der frei verfügbaren Information gewaltig, trotz aller Versuche, das Internet zu kontrollieren und zu zensieren.

Gleichzeitig ist, wenn man nach den Schulabschlüssen geht, das Bildungsniveau in der Bevölkerung hoch wie nie. Selbst unter Einbeziehung einer stetig vorhandenen Angst vor dem sozialen Abstieg (die seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 inzwischen schon so selbstverständlich geworden sein dürfte, dass sie kaum noch bewusst wahrgenommen wird), trotz all der Strafmaßnahmen wie Debanking etc. – es bleibt immer noch die Frage, warum selbst die dümmste und unlogischste Propaganda noch akzeptiert wird.

Sicher, auch das inzwischen schon ritualisierte Einfordern von Unterwerfungsgesten spielt eine Rolle. Unterwerfung kann nur von einer unlogischen Erzählung aufgerufen werden, und Unterwerfung war schließlich auch ein Kernbestandteil des ganzen Dressurakts namens Corona. Aber dennoch, selbst wenn man noch einbezieht, wie sehr Menschen versuchen, kognitiver Dissonanz auszuweichen, diesem Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst, einer Art geistigen Kreidequietschens – es geht immer noch zu einfach.

Und es ist ja nicht so, als wäre Geopolitik das einzige Feld, auf dem sehr eigenartige Dinge geglaubt werden. Wenn beispielsweise aktiv Vorstellungen verfolgt werden, Großstädte per Lastenfahrrad zu versorgen – das scheitert schon mathematisch, und dabei geht es nicht um komplizierte Formeln.

Man sollte annehmen, dass jeder, der eine solche Aussage liest, den gedanklichen Schritt vollziehen kann, mit dem man das kontrollieren kann. Selbst wenn man nur einen einzigen Lkw zur Grundlage nimmt, der einen Supermarkt beliefert, die Entfernung zum Auslieferungslager und dann die sich daraus ergebenden Arbeitsstunden – das Resultat macht schnell sichtbar, dass diese Idee nicht funktioniert. Nicht einmal mit zwangsverpflichteten Asylbewerbern als Rikschakulis, bei denen selbst der Mindestlohn eingespart wird.

Jede Tonne Gewicht, die ein Lkw transportiert, setzt sich nämlich in zehn Lastenräder um. Die noch dazu aufgrund der niedrigeren Geschwindigkeit, vor allem im beladenen Zustand, länger brauchen, um die Strecke zurückzulegen. Und da ist noch nicht die Rede von Strecken mit Gefälle, die es schließlich auch gibt; man denke nur an Stuttgart oder Wuppertal …

Gut, in einigen Jahren ließe sich das alles durch Roboter erledigen, da braucht es dann auch keine Fahrräder mehr, vorausgesetzt natürlich, es gibt genug Energie, diese Roboter zu betreiben, aber da steht man natürlich bereits mitten im nächsten Problem: der nachts fehlenden Sonne.

Was diese Art zu denken auszeichnet, die derartige Pläne gebiert, ist eine fehlende Verbindung zwischen unterschiedlichen Bereichen. Und das ist kein exotisches Phänomen. Wenn Vertreter der Bundesregierung auf die massive Steigerung der Benzinpreise mit einer Bemerkung reagieren, dass die Leute eben weniger Auto fahren sollen, zeigt das deutlich, dass Logistik in ihrem Denken nicht vorkommt. Oder die berühmte Just-in-Time-Produktion. Oder die Inflation, die sich von den Treibstoffpreisen auf so gut wie alle Güter ausbreitet. Klar, nur mit dem prozentualen Anteil, den die Transportkosten am Warenpreis haben, aber dennoch …

Es ist ein Denken, das fein säuberlich in Fächer geteilt ist, die zueinander keine Verbindung haben; das keinen Zusammenhang von Ursache und Wirkung mehr herstellt. Theoretisch dürfte das gar nicht geschehen. Theoretisch müsste der höhere Bildungsstand dazu führen, dass Zusammenhänge erkannt und mögliche Folgen von Handlungen durchschaut werden. Praktisch wurde in den letzten Jahren, gerade bei den Russlandsanktionen, vorgeführt, dass die einfachsten Konsequenzen weder erkannt noch bedacht werden. Wie der Absturz der europäischen Produktion von Kunstdünger im Jahr 2022.

Die Antwort auf dieses Rätsel findet sich womöglich in Änderungen im Bildungssystem; das natürlich vor der Herausforderung steht, stetig neue Entwicklungen und Erkenntnisse zu integrieren; das darauf aber in Deutschland auf eine sehr spezifische Weise reagiert hat, die all diese Phänomene auslösen könnte. Das einfache Stichwort dazu lautet „Bulimie-Lernen“.

Den Begriff kennt vermutlich jeder. Es bezeichnet eine Art der Wissensvermittlung, in der in jeweils voneinander getrennten Abschnitten bestimmte Dinge gelernt werden, die dann, nachdem sie geprüft wurden, auch wieder vergessen werden können, und vergessen werden. Das Vergessenwerden hat dabei eine einfache Grundlage: das völlige Fehlen von Kontext. Der fiel nämlich dem zusätzlichen Volumen zum Opfer.

Bei der Tochter einer Bekannten, die in Brandenburg Abitur machte, sah ich einmal ein besonders schlagendes Beispiel. Sie hatte einen Text bekommen, mit der Aufgabe, zu benennen, warum die in dem Text vertretene Position nicht demokratisch sei. Es ging also letztlich um eine Suche nach Stichworten. Der Text war ein Abschnitt aus einer Rede von Rosa Luxemburg Anfang Januar 1919, also kurz vor ihrer Ermordung. Allerdings: Rund um diesen Text fehlte nicht nur die Information, wer Rosa Luxemburg überhaupt war, auch die Revolution 1918 war nicht behandelt worden, ganz zu schweigen davon, wer da warum gegen wen kämpfte.

Was diese Aufgabe besonders absurd machte, war, dass sie aus dem Geschichtsunterricht stammte, und mitnichten dazu diente, damit dann diesen ganzen Kontext zu eröffnen und all die fehlenden Details damit zu verknüpfen, sondern das ganze Thema damit gewissermaßen abgehandelt sein sollte. Häkchen hinter Luxemburg, das genehme Etikett verpasst, und weiter.

Erkenntnis bleibt davon keine. Alles, was Erkenntnis ermöglicht, wird verweigert. Übrig bleibt eine Leerformel („Rosa Luxemburg war keine Demokratin“, abgeleitet aus zehn Zeilen), die abgefragt werden kann. Vermittelt in einer Art und Weise, die garantiert, dass kein Zusammenhang hergestellt wird.

Und das ist fatal. Denn das menschliche Gedächtnis ist keine Datenverarbeitungsmaschine, sondern, wie so vieles, das den Menschen ausmacht, ein Ergebnis sozialer Prozesse. Gedächtnis ist das, was es einer Gruppe ermöglicht, Kohärenz zu entwickeln. Indem die Reaktionen aufeinander nicht nur vom Moment bestimmt sind, sondern von einer Vorgeschichte. Das Gedächtnis verlangt nach einer Geschichte, nach einem Sinnzusammenhang, sogar dort, wo keiner ist. Untersuchungen über Lerntechniken belegen, dass Zusammenhänge es erleichtern, sich Dinge zu merken, so, wie auch Emotionen, die mit Informationen verknüpft sind, diese besser integrieren. Und zu guter Letzt: Es ist die Weitergabe, die eine Information am besten verankert.

Die Erinnerung lässt sich nicht von der Kommunikation und dem Sozialleben trennen, und jedes Wissen braucht ein „Warum“. Nun war es schon zu meiner Schulzeit so, dass man Jahre mit Dreiecken verbrachte und wiedergeben musste, wann zwei Winkel identisch sind oder in welchem Verhältnis Seitenlängen zueinander stehen, aber nie irgendwer auch nur erwähnte, dass all das die Grundlage der Kartografie ist. Der Landvermessung. Aber wenn man das obige Beispiel mit Rosa Luxemburg betrachtet, ist es heute noch weitaus schlimmer.

Wenn sich heute Professoren darüber beklagen, ihre Studenten wären nicht einmal bereit, ein einziges Buch zu lesen, ist das die unmittelbare Konsequenz davon. Denn das, worauf die ganze Schulzeit über gedrillt wurde, ist bestenfalls das Abstract, die kurze Zusammenfassung. Die aufgerufen, abgehakt und wieder vergessen wird. Was dadurch geprägt wird, ist ein Umgang mit Information, der Zusammenhänge völlig ausblendet und dem jede Subtilität fremd ist. Was dann letztlich dazu führt, dass die „klassische“ Informationsaufnahme, durch das Lesen eines Buchs, überflüssig erscheint, weil die zusammenhanglosen Details jederzeit aus dem Internet abgerufen werden können.

Natürlich ist das eine Illusion, denn selbst wenn Informationen weitaus schneller und zahlreicher verfügbar sind, als es früher der Fall war (und eine einzelne Abfrage im Internet sich zurückgerechnet durchaus in mehrere Tage in der Bibliothek übersetzen lässt) – der entscheidende Schlüssel ist nach wie vor, die richtigen Fragen zu stellen. Das aber lernt man nur über Zusammenhänge, denn das Gespür, dass es solche geben könnte, ist die erste Voraussetzung dafür.

Was aber passiert, wenn in Summe acht oder neun Jahre lang darauf dressiert wird, nur Fragmente aufzunehmen und auszuspeien, ohne eine Einbettung in einen Kontext? Weit vor den mehr oder weniger zufällig doch erinnerten Informationsbruchstücken wird etwas ganz anderes eingebrannt: den Autoritäten ist zu glauben.

Wenn rund um dieses Textstück von Rosa Luxemburg die ganze Geschichte der Novemberrevolution gewesen wäre, vom Zivilisationsbruch des Ersten Weltkriegs über den Hunger im Hinterland, die Militärdiktatur, die eigentlich herrschte, den Matrosenaufstand, vielleicht sogar noch die Bereitschaft der Mehrheitssozialdemokratie, einen Kompromiss mit der alten Macht zu schließen – dann hätte das sicher nicht einheitlich eine gewünschte Antwort ergeben, sondern viele verschiedene Positionen zu dieser historischen Phase. Die dann zwar immer noch nicht frei von einer einschränkenden Auswahl gewesen wären, und der Zweck der Schule, die gegebene Gesellschaft zu reproduzieren, nie verschwinden wird, aber das Ergebnis wäre eine selbst erarbeitete Überzeugung gewesen, die sich die Empfänger dieser Bildung mit Sicherheit auch besser gemerkt hätten als das Häkchen hinter „Rosa Luxemburg – nicht demokratisch“.

Stattdessen ist die entscheidende Lektion, dass das wahr ist, was eingefordert wird. Bewiesen werden muss nichts. Kritik ist nicht vorgesehen. Wenn unter diesen Umständen doch noch so etwas wie kritisches Denken entsteht, ist das ein glücklicher Zufall. Gekoppelt mit dem starken Auslesemechanismus des deutschen Schulsystems, das selbst die klügsten Schüler vor die Entscheidung stellt, das zu äußern, was sie für wahr halten, oder eine gute Note zu bekommen, ergibt sich ein sozialer Drill, der auf der einen Seite eine eigenständige Suche nach Wissen verhindert (denn das belohnende „Heureka!“ erlebt sich auch nur bei Zusammenhängen) und auf der anderen einen Reflex etabliert, das, was der Lehrer oder dann später eben der Staat erklärt, abstandslos zu akzeptieren.

Dabei werden Widersprüchlichkeiten schon deshalb nicht wahrgenommen, weil das grundlegende Bedürfnis nach Kontext so weit unterdrückt ist, dass sich aus den einzelnen Informationen gar keine Geschichte mehr bildet. Die Erzählung von gestern hat nichts mit der Erzählung von heute zu tun, weil sie bereits wieder gelöscht ist und die wahrheitschaffende Autorität sie durch eine neue ersetzt hat.

Ja, das erinnert an George Orwells „Eurasien war schon immer im Krieg mit Ozeanien“, nur dass der Takt viel schneller ist. Schließlich hat es funktioniert, großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit beispielsweise die Geschichte der Vergiftung von Nawalny einzureden, obwohl im Verlauf von wenigen Wochen drei verschiedene Varianten als wahr erzählt wurden und aus dem ursprünglich vergifteten Tee eine Wasserflasche und am Ende sogar eine Unterhose wurde.

Der normale Reflex auf derartige Brüche wäre, spätestens bei der dritten Version die ganze Geschichte abzulehnen. Aber was passiert, wenn der Bulimiedrill das Denken und die Erinnerung beherrscht? Die Widersprüche werden gar nicht mehr wahrgenommen, weil zum einen eben keine Gesamterzählung mehr geschaffen wird, und zum anderen der Glaube an die Autorität so eingegraben wurde, dass er auch im Konfliktfall erst einmal die Steuerung übernimmt.

Das Unglück daran wird verdrängt, weil auch das schon früh und gründlich eingeübt wurde. Denn in Wirklichkeit ist dieses Eintrichtern von Fragmenten ja eine ständige Enttäuschung, weil die Erzählung, auf der unser soziales Wesen besteht, verweigert wird. So wie die Freude an der Erkenntnis. Und das rundet den Mechanismus ab – denn der Moment, in dem die Widersprüchlichkeit oder selbst die Unerträglichkeit des Geforderten fast an die Oberfläche dringt, löst nicht nur die kognitive Dissonanz aus, sondern öffnet auch die Tür zu dieser Enttäuschung, zu dem Unglück, das dieser Drill hinterlässt. Es droht also nicht nur, sich einen Irrtum eingestehen zu müssen, sondern zugleich der verdrängte Schmerz einer tiefen Frustration des Wunsches nach Erkenntnis. Das ergibt ein fast vollendetes geistiges Gefängnis.

Ist das nun ein Versehen oder Absicht? Das wird sich, wie vieles, erst historisch klären lassen. Aber die vielen Beteiligten an diesem Vorgang, von der Erstellung der Lehrpläne bis zu ihrer Umsetzung in den Schulen, deuten eher auf einen bestenfalls halb bewussten Prozess hin. Vielleicht verstärkt dadurch, dass auf die Migration mit einer Erhöhung des Anpassungsdrucks reagiert wurde. Für die Gesellschaft jedenfalls ist das Ergebnis verheerend, denn am Umgang mit den Corona-Irrungen kann man sehen, dass auch keine Aufarbeitung und erst recht keine Aussöhnung möglich ist. Es klingt eigentlich absurd, weil frühere Generationen doch teils ganz andere Leichen im Keller liegen hatten – aber die Bereitschaft zur Selbstkritik, die Fähigkeit, einen Irrweg zu verlassen, dürfte noch selten so niedrig gewesen sein wie jetzt.

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