Zwei Jahre nach dem Zusammenbruch des Signa-Imperiums rücken Gläubiger zunehmend in die einst abgeschirmten Familienstrukturen des österreichischen Immobilienunternehmers vor.

Die Insolvenz der Laura-Privatstiftung markiert einen weiteren Einschnitt und setzt Luxusobjekte wie das Chalet N am Arlberg erstmals ernsthaft dem Risiko von Zwangsverkäufen aus.

Der Panoramablick vom Chalet N in Oberlech bleibt unvergleichlich: Von der Terrasse eröffnen sich Ausblicke auf die verschneiten Gipfel von Vorarlberg und Tirol.

Das exklusive Objekt mit direktem Pistenanschluss und luxuriöser Ausstattung galt lange als eines der diskretesten Juwelen im Portfolio von René Benko.

Geschäftspartner, Investoren und Vertraute trafen sich hier fernab der Öffentlichkeit. Nun könnte dieses alpine Refugium erstmals unter den Hammer kommen. Die Insolvenz der Laura-Privatstiftung, eröffnet am 11. März 2026 beim Landesgericht Innsbruck, hat diesen Schritt ausgelöst.

Die Stiftung, lange als letzte finanzielle Reserve der Familie betrachtet, steht vor der vollständigen Abwicklung. Vermögenswerte von rund 327 Millionen Euro stehen Forderungen von über einer Milliarde Euro gegenüber, überwiegend geltend gemacht vom Staatsfonds Mubadala aus Abu Dhabi. Selbst eine vollständige Verwertung aller Assets würde die Gläubiger nur teilweise befriedigen.

Als Benko 2023 das Signa-Imperium in die Insolvenz führen musste, handelte es sich um eine der größten Unternehmenspleiten der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Das Konglomerat aus Immobilien, Warenhäusern und Prestigeprojekten wie dem Chrysler Building in New York oder dem KaDeWe in Berlin hatte Schulden in Milliardenhöhe angehäuft. Benko selbst meldete Privatkonkurs an und sitzt seit Januar 2025 in Innsbruck in Untersuchungshaft.

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ermittelt gegen ihn wegen schwerer Betrugs- und Gläubigerschädigungsvorwürfe. In zwei Strafverfahren wurde er bereits verurteilt; die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Benko bestreitet die Vorwürfe und hat Berufung eingelegt. Parallel sichert sein Insolvenzverwalter Andreas Grabenweger verbliebenes Vermögen für die Gläubiger.

Privatstiftungen bildeten über Jahre hinweg das Herzstück von Benkos Vermögensplanung. Die 2006 gegründete Laura-Privatstiftung, ins Leben gerufen von Benko und seiner Mutter Ingeborg, sowie die Ingbe-Stiftung in Liechtenstein fungierten als weitgehend abgeschirmtes Netzwerk privater Vermögenswerte. Formal tritt Benko dabei nicht auf: Stifterin ist seine Mutter, Begünstigte sind die Familienmitglieder. Diese Konstruktionen galten lange als „eiserne Reserve“, die das Vermögen vor Zugriffen von Gläubigern schützen sollte.

Zwischen 2019 und 2022 investierte Mubadala mehrere hundert Millionen Euro in Signa-Gesellschaften. Nach der Insolvenz zog der Fonds vor ein internationales Schiedsgericht der International Chamber of Commerce (ICC) in der Schweiz. In zwei Urteilen im Februar 2026 bestätigte das Gericht weitgehend die Ansprüche des Staatsfonds: Die Laura-Privatstiftung wurde zur Zahlung von rund 700 Millionen Euro plus Zinsen verurteilt, insgesamt summieren sich die Forderungen auf über eine Milliarde Euro.

Das Schiedsgericht stellte fest, dass die Stiftung Vermögen zweckentfremdet habe: Mittel seien statt für Zinszahlungen für den privaten Lebensstil der Familie verwendet worden, darunter Darlehen an Benko, Zahlungen für Immobilienkäufe auf Ibiza und Ausgaben für Rennpferde und Luxusgüter. Die rechtliche Trennung zwischen Signa und den Stiftungen hielt der Prüfung nicht stand.

Der Stiftungsvorstand beantragte daraufhin Eigeninsolvenz. Insolvenzverwalter ist Stefan Geiler von Ullmann Geiler & Partner. Er steht vor einer Mammutaufgabe: Die Stiftung hält Beteiligungen an über hundert Gesellschaften im In- und Ausland, viele eng verflochten mit dem ehemaligen Signa-Netzwerk, von denen viele stark an Wert verloren haben.

Ein Großteil des verbliebenen Vermögens liegt in Immobilien mit hohem emotionalem und symbolischem Wert. Das Chalet N in Oberlech (Wert: rund 20 Millionen Euro) ist bereits mit Pfandrechten belastet, unter anderem der Hypo Vorarlberg. Auch die Villa N in Igls, langjähriger Familienwohnsitz, wird auf etwa 60 Millionen Euro geschätzt. Weitere Assets umfassen Zinshäuser in Innsbruck, ein Jagdrevier in der Steiermark und Beteiligungen in Deutschland. Experten rechnen damit, dass diese Vermögenswerte sukzessive veräußert werden.

Die erste Gläubigerversammlung ist für Mai 2026 angesetzt. Mubadala hat seine Forderungen angemeldet und wird voraussichtlich den Löwenanteil der Quote erhalten, allerdings nur einen Bruchteil der ursprünglichen Summe.

Die Ingbe-Stiftung in Vaduz, ebenfalls dem Benko-Umfeld zugerechnet, hält Vermögen im dreistelligen Millionenbereich, darunter Kunstwerke, Goldbestände und Immobilienanteile, etwa an einer Villa am Gardasee. Insolvenzverwalter Grabenweger hat dort im Dezember 2025 Klage eingereicht. Im Januar 2026 verhängte das Fürstliche Landgericht Vaduz eine einstweilige Verfügung über Teile des Vermögens (rund 50 Millionen Euro, inklusive Basquiat-Gemälde). Eine endgültige Entscheidung steht aus; Experten sehen die Chancen wegen des liechtensteinischen Stiftungsrechts als begrenzt. Parallelklagen gegen die Laura-Privatstiftung wurden teilweise abgewiesen.

Wie viel für Gläubiger übrig bleibt, hängt auch vom Ausgang der laufenden Strafverfahren ab. Das Oberlandesgericht Wien stellte in Haftprüfungsbeschlüssen fest, dass Benko faktisch die zentralen Entscheidungen bei Signa und den Stiftungen getroffen habe. Sollte sich diese „faktische Machthaberschaft“ bestätigen, könnten Gläubiger leichter auf Stiftungsvermögen zugreifen.

Benko selbst verbringt aktuell seine Zeit in der Justizanstalt Innsbruck und hat Berichten zufolge einen Antrag gestellt, dort als Tischler zu arbeiten. Die Familie hat bereits erhebliche Verluste erlitten. Die Laura-Privatstiftung war nicht die erste, auch die Familie-Benko-Privatstiftung war 2024 insolvent geworden.

Die Insolvenz der Laura-Privatstiftung eröffnet ein weiteres Kapitel im Signa-Fall. Für Gläubiger bietet sie eine Chance, Forderungen zumindest teilweise zu realisieren. Für die Familie Benko ist es der bislang schmerzhafteste Verlust: Die letzten privaten Reserven stehen offen zur Disposition.

Ob Chalet N am Arlberg oder Villa N in Igls tatsächlich verkauft werden, und wie viel der Stiftungsvermögen letztlich für die Gläubiger verbleibt, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden. Der Fall Benko zeigt, wie komplex, international verflochten und juristisch anspruchsvoll die Abwicklung eines solchen Imperiums ist, und dass selbst ausgeklügelte Stiftungskonstrukte keinen absoluten Schutz vor wirtschaftlicher Realität bieten.

René Benko steht heute nicht nur vor strafrechtlichen Konsequenzen, sondern auch vor dem schrittweisen Verlust seines verbliebenen Vermögens. Die Suche nach den letzten Reserven geht weiter, ebenso die juristische Aufarbeitung eines der spektakulärsten Unternehmenszusammenbrüche der jüngeren europäischen Geschichte.

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