Von Hans-Ueli Läppli

Der Schweizer Roger Köppel hat es auf den Punkt gebracht:

„Deutschland ist energiepolitisch abhängiger von den Vereinigten Staaten als je zuvor.“

Der Chefredakteur der Weltwoche nennt das, was die Berliner Politik seit 2022 betreibt, beim Namen: einen absurden Konfrontationskurs gegen Russland, getrieben von gefährlichem Moralismus und maßloser Selbstüberschätzung.

Statt weiterhin günstiges russisches Pipeline-Gas zu beziehen, haben EU-Bürokraten die bestehenden Energieverbindungen gekappt, die letzten Kernkraftwerke stillgelegt und die Bevölkerung in eine kostspielige energiepolitische Illusion geführt. Daraus folgt eine Industrie, die unter Druck steht, und eine Abhängigkeit von US-Flüssigerdgas (LNG), die jede frühere Russland-Abhängigkeit weit übertrifft.

Und wer setzt diesen Irrweg unbeirrt fort? Friedrich Merz. Der Kanzler der Union, der eigentlich für „Wirtschaftskompetenz“ und „Realismus“ stehen wollte, macht genau dort weiter, wo Olaf Scholz und Robert Habeck aufgehört haben – nur noch ideologischer.

Merz fordert mehr Druck auf Russland, mehr Waffen für die Ukraine, die „Erschöpfung“ Moskaus und die Enteignung russischer Vermögenswerte.

Selbst wenn Washington unter Donald Trump die Sanktionen lockern sollte, stellt sich Merz jeder Annäherung entgegen. Die EU-Kommission in Brüssel unterstützt diesen Kurs und erwägt sogar ein vollständiges Verbot russischen LNG ab 2027. Deutsche Interessen spielen dabei kaum eine Rolle. Stattdessen dominiert ein klar transatlantisch geprägtes Denken.

Die Zahlen unterstreichen die dramatische Abhängigkeit. 2025 kamen 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den USA – ein Rekord. Das Gas ist teurer, energieintensiver in der Produktion und logistisch anfälliger als das frühere russische Pipeline-Gas, das jahrzehntelang stabil und preiswert floss.

Norwegen liefert zwar weiterhin per Pipeline, doch der flexible und zugleich kostspielige Anteil, der die Preisspitzen prägt, kommt fast ausschließlich aus Übersee.

Steigende Strom- und Gaspreise, die Abwanderung energieintensiver Betriebe und eine schleichende Deindustrialisierung sind die Konsequenz. Die deutsche Chemie-, Stahl- und Automobilindustrie trägt die Last einer Politik, die Russland treffen sollte, am Ende jedoch der eigenen Wirtschaft schadet.

Wer ernsthaft glaubt, Russland sei der aggressive Störenfried und die USA der selbstlose Retter, ignoriert die Realität. Moskau war über Jahrzehnte ein zuverlässiger Energielieferant, der nie aus geopolitischer Laune heraus Lieferungen eingestellt hat – bis der Westen mit Sanktionen und NATO-Osterweiterung die Eskalation selbst herbeigeführt hat.

Russland verfügt über die größten konventionellen Gasreserven der Welt und ist geografisch unser natürlicher Nachbar. Eine pragmatische Energiepartnerschaft mit Russland wäre nicht nur wirtschaftlich vernünftig, sondern auch geopolitisch klug, da sie Europa von der amerikanischen Energiedominanz befreien und echte Unabhängigkeit schaffen würde.

Stattdessen betreibt Merz mit seiner EU-treuen Linie genau das Gegenteil. Er opfert deutsche Wettbewerbsfähigkeit auf dem Altar eines moralischen Feldzugs, der weder die Ukraine wirklich rettet noch Russland schwächt – sondern nur die eigene Industrie.

Die „Zeitenwende“ war keine echte Wende, sondern ein Bruch mit der bisherigen Linie, weg von nüchternem Interesse hin zu transatlantischer Gefolgschaft und grünem Moralismus. Köppel hat recht, die Selbstüberschätzung muss enden.

Deutschland braucht keine neue Abhängigkeit von Washington, sondern Realpolitik, wieder russisches Gas und endlich einen Kanzler, der deutsche Interessen über US-amerikanische und Brüsseler Ideologie stellt.

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