Von Dmitri Kornew

Zwischen Afghanistan und Pakistan ist ein Krieg ausgebrochen. Am 27. Februar 2026 kündigten die Taliban in Kabul einen massiven Vergeltungsschlag gegen pakistanische Militärstellungen entlang der umstrittenen Durand-Linie an, während Islamabad den offenen Krieg für beendet erklärte. Was mit Grenzkonflikten begann, hat sich zur schwersten militärischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Nachbarn seit Jahren entwickelt – und wirft drängende Fragen nach der möglichen Ausweitung des Konflikts auf.

Es wäre ein Fehler, diese Konfrontation als bloßes Grenzgefecht in einem abgelegenen Winkel der Welt abzutun. Pakistan ist eine Atommacht mit einem der dynamischsten Raketenprogramme Asiens – eine Streitkräftestruktur, die jede militärische Krise maßgeblich prägt, mit der Islamabad konfrontiert ist.

Pakistan konzentriert sich primär auf den Aufbau einer Streitmacht, die Indien Paroli bieten kann, um Aggressionen abzuschrecken und die eigenen Ambitionen in der Region voranzutreiben. Pakistans Atom- und Raketenprogramme sind zudem darauf ausgelegt, dem langjährigen Rivalen potenziell entgegenzutreten. Islamabads Bemühungen werden von mehreren treuen Verbündeten und Partnern unterstützt. Die plötzliche Eskalation an der afghanischen Grenze verdeutlicht jedoch eine umfassendere Realität: Pakistans Raketenarsenal ist nicht länger nur ein theoretisches Abschreckungsmittel in einer fernen Rivalität, sondern Teil einer instabilen regionalen Gleichung.

In diesem Artikel beleuchten wir Pakistans Raketenkapazitäten, ihre Reichweite, ihre strategische Logik und ihre Bedeutung für die regionale Stabilität in einer Zeit, in der sich das Risiko von Fehlkalkulationen erhöht.

Ausländische Technologien und der Aufbau des pakistanischen Raketenarsenals

Pakistans Raketenprogramm ist untrennbar mit seinem Atomprogramm verbunden. Der pakistanische Atomphysiker Abdul Qadeer Khan, bekannt als „Vater der pakistanischen Atombombe“, erhielt von China Konstruktionspläne für Atomsprengköpfe und soll diese an Iran und die Demokratische Volksrepublik Korea weitergegeben haben. Dies legte den Grundstein für eine wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, die zur Weiterentwicklung der pakistanischen Raketenkapazitäten beitrug.

Pakistans Raketenprogramm hat seine Wurzeln in der akademischen Forschung und der Entwicklung geophysikalischer Raketen auf Basis der französischen Eridan-Rakete. In den 1980er Jahren kooperierten mehrere französische Unternehmen mit Islamabad bei Projekten zur Entwicklung von Höhenforschungsraketen für die Atmosphärenforschung.

Nachdem Pakistan 1987 von Indiens Fortschritten in der ballistischen Raketentechnologie erfahren hatte, traf es die politische Entscheidung, eigene Raketen zu entwickeln. Diese Entscheidung führte aus anfänglichen geophysikalischen Raketenprojekten zur ersten einsatzfähigen taktischen Feststoffrakete, der HAFT-I mit einer Reichweite von 70 Kilometern. 1992 wurde diese Rakete bei der pakistanischen Armee in Dienst gestellt. Später wurde ihre Reichweite auf 100 Kilometer erhöht. Heute sind über 100 solcher Raketensysteme in Pakistan stationiert.

In den 1990er Jahren, unter Premierministerin Benazir Bhutto, kooperierte Pakistan aktiv mit China und der DVR Korea in der Raketenentwicklung. Diese Zusammenarbeit umfasste wissenschaftlichen Austausch und Ausbildungsprogramme für Fachkräfte und Studierende. Sie hatte maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der pakistanischen Raketentechnologie.

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Anfang der 2000er Jahre lieferte Nordkorea Pakistan Raketensysteme, die den sowjetischen Scud-Raketen ähnelten und eine Reichweite von etwa 300 Kilometern hatten. Durch den Erwerb dieser Systeme konnte Pakistan Militärpersonal im Raketenbetrieb ausbilden und mit dem Aufbau eines eigenen Raketenabwehrsystems beginnen. Gleichzeitig begannen die experimentellen Arbeiten an flüssigkeitsbetriebenen Triebwerken, die ursprünglich in Nordkorea entwickelt worden waren.

Etwa zur gleichen Zeit erhielt Pakistan Zugang zu Technologien, die bei der Entwicklung der nordkoreanischen Mittelstreckenrakete Rodong-1 (auch als Nodong-1 bekannt) zum Einsatz kamen. Diese Rakete unterschied sich deutlich von den Kopien der sowjetischen Scud-Raketen und hob die nordkoreanische Raketenentwicklung auf ein neues Niveau.

Man geht davon aus, dass die Rodong-1-Rakete auf der sowjetischen U-Boot-gestützten ballistischen Rakete R-21 basierte. Sie wurde vermutlich mit Unterstützung von Experten des russischen Raketenkonstruktionsbüros Makejew entwickelt, die in den 1990er Jahren von Nordkorea angeworben wurden. Diese Raketen trugen wahrscheinlich auch Nordkoreas erste Atomsprengköpfe. Für Pakistan war die Reichweite einer Rakete von 1.500 Kilometern von entscheidender Bedeutung, da sie die Möglichkeit bot, im Bedarfsfall nahezu jedes Ziel in Indien anzugreifen.

Pakistans nächste Rakete war die Feststoffrakete Abdali-I, auch bekannt als HAFT-II. Diese Rakete, die von einem MAZ-7310-Fahrgestell aus gestartet wurde und markierte den Beginn der langjährigen Partnerschaft Pakistans mit weißrussischen Automobilherstellern. Die Abdali-I war etwas größer als die HAFT-I und verfügte über eine Reichweite von 450 Kilometern. Es handelte sich um eine nicht-nukleare Rakete mit einer durchschnittlichen Treffgenauigkeit von rund 150 Metern. Die Tests begannen Anfang der 2000er Jahre, und die Rakete wurde 2005 stationiert. Raketensysteme dieser und höherer Klassen werden vom Strategischen Streitkräftekommando Pakistans – einem Spezialzweig der pakistanischen Streitkräfte – verwaltet.

Die in den nordkoreanischen Rodong-Raketen verwendeten Technologien ermöglichten die Entwicklung von Pakistans erster wirklich strategischer Rakete – der Ghauri-Rakete, auch bekannt als HAFT-V. Pakistan konnte sowohl die nordkoreanische Rakete als auch die mobile Startrampe erfolgreich nachbauen. 1996 beschuldigte die US-Regierung unter Präsident Bill Clinton Pakistan des Transfers von Nukleartechnologie an Nordkorea und unterstellte Islamabad, im Gegenzug Zugang zum nordkoreanischen Raketenprogramm erhalten zu haben. Diese Befürchtungen wurden durch die Entwicklung der Ghauri-Rakete verstärkt.

Der erste Teststart dieser Rakete erfolgte 1998, gefolgt von jahrelangen Optimierungen, um sicherzustellen, dass der Sprengkopf sein Ziel unbeschädigt erreichte. Frühe Tests stießen auf Schwierigkeiten, da die Sprengköpfe aufgrund Pakistans mangelnder Erfahrung in der Entwicklung ballistischer Systeme, die solchen Geschwindigkeiten und Belastungen standhalten konnten, in der Atmosphäre verglühten.

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Raketen, die Pakistans strategischen Horizont neu definierten

Bis 2003 hatte Pakistan eine ballistische Rakete mit einer Reichweite von 1.500 Kilometern in seine strategischen Streitkräfte integriert, die einen Zwölf-Kilotonnen-Atomsprengkopf transportieren konnte. Wie der Prototyp Rodong war auch diese Rakete flüssigkeitsgetrieben und nutzte vermutlich sowjetische Raketentechnologien aus der Mitte der 1960er Jahre. Man geht davon aus, dass diese Raketen aufgrund ihrer Komplexität und der langen Vorbereitungszeit für den Start nur in begrenzter Stückzahl eingesetzt wurden.

Parallel dazu wurden Anstrengungen unternommen, Raketen ähnlicher Klasse mit Feststoffantrieb zu entwickeln. Feststoffraketen bieten unbestreitbare Vorteile: Sie müssen nicht unmittelbar vor dem Start betankt werden, sind einfacher und sicherer zu handhaben und bergen im Vergleich zu flüssigkeitsgetriebenen Raketen weniger Risiken.

Die Entwicklung der Shaheen-I, Pakistans erster strategischer Feststoffrakete, begann Mitte der 1990er Jahre und erwies sich als deutlich anspruchsvoller als die Konstruktion nach nordkoreanischen Vorbildern. Trotz ähnlicher Abmessungen ist die Reichweite der Rakete auf 750 Kilometer begrenzt. Dies ermöglicht jedoch weiterhin Angriffe tief in indisches Territorium.

Die Rakete wird von einem mobilen Startfahrzeug (TEL) auf einem mehrachsigen MAZ-7310-Fahrgestell gestartet und trägt einen Atomsprengkopf mit einer Sprengkraft von 35 Kilotonnen. Die Shaheen-I wurde 2003 in Dienst gestellt. 2012 folgte die verbesserte Shaheen-IA mit einer Reichweite von 1.000 Kilometern. Schätzungsweise mehrere Dutzend dieser Raketen sind im Einsatz und bilden den Großteil der pakistanischen Atomraketenstreitkräfte.

2014 begann Pakistan mit der Stationierung der leistungsstärkeren Feststoffrakete Shaheen-II. Die Shaheen-II wird von einer sechsachsigen Startrampe auf MAZ-547A-Fahrgestell gestartet, hat eine Reichweite von 2.000 Kilometern und ist mit einem 40-Kilotonnen-Atomsprengkopf ausgestattet. Der Sprengkopf der Shaheen-II verfügt über aerodynamische Oberflächen, die ihm Manöver beim Eintritt in die Atmosphäre ermöglichen. Solche Waffen werden oft als Hyperschallwaffen bezeichnet, obwohl ihre Geschwindigkeit in der Endphase des Fluges knapp unterhalb der echten Hyperschallgeschwindigkeit liegt.

Angespornt von ihren Fortschritten entwickelten pakistanische Ingenieure 2015 die noch leistungsfähigere Shaheen-III. Die 16-rädrige Startrampe auf Basis des chinesischen WS21200-Fahrgestells (abgeleitet von mehrachsigen MAZ-Konstruktionen) trägt einen noch stärkeren 50-Kilotonnen-Sprengkopf. Theoretisch könnte Pakistan die thermonukleare Technologie beherrschen, was darauf hindeutet, dass die Sprengkraft des Sprengkopfes 100 Kilotonnen übersteigen könnte.

Mit einer beeindruckenden Reichweite von 2.750 Kilometern kann sie Ziele im gesamten nördlichen Indischen Ozean, in Teilen Afrikas (einschließlich Sudan und Ägypten), im gesamten Nahen Osten, in Zentralasien, in Teilen Sibiriens, in ganz Zentralchina und in weiten Teilen Südostasiens erreichen. Dies stellt im Wesentlichen Pakistans Höhepunkt in der Entwicklung strategischer Raketen dar. Pakistan könnte zwar noch fortschrittlichere Systeme entwickeln, doch wurden bisher keine neuen Modelle getestet.

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Doch das ist noch nicht alles. 1998, während der Operation „Infinite Reach“ gegen Al-Qaida in Afghanistan, setzten die USA Tomahawk-Marschflugkörper ein. Einige dieser Raketen verfehlten ihre Ziele und landeten in Pakistan. Die pakistanische Regierung hielt dies geheim und überarbeitete die Raketen. Daraufhin testete Pakistan 2005 den Marschflugkörper Babur. Lange Zeit wurde angenommen, der Babur basiere auf dem sowjetischen Marschflugkörper Ch-55, der aus der Ukraine stammte, was sich jedoch als falsch erwies.

Der Babur-Marschflugkörper existiert in verschiedenen Varianten mit Reichweiten von bis zu 900 Kilometern. Er kann sowohl konventionelle als auch nukleare Sprengköpfe tragen. Die modernsten Versionen nutzen Satellitennavigationssysteme wie Galileo und Chinas BeiDou, was eine hohe Zielgenauigkeit gewährleistet. 2018 wurde die Variante Babur-III von einem Raketenboot der Marine aus getestet. Es wurde behauptet, sie könne als Anti-Schiff-Rakete eingesetzt werden. Insgesamt baut Pakistan seine Raketenprogramme systematisch aus, um den Nachteil seiner im Vergleich zu Indien relativ schwachen Marine auszugleichen.

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Pakistan arbeitet auch an der Entwicklung taktischer Kurzstreckenraketensysteme. In diesem Zusammenhang kooperiert Pakistan eng mit China – beide Länder verfolgen im Disput mit Indien gemeinsame Interessen. Während Pakistan einige Raketensysteme direkt von China bezieht, entwickelt es mit Unterstützung chinesischer Experten auch eigene Raketen. Möglicherweise wird Pakistan als Nächstes eine Trägerrakete entwickeln. Das Land verfügt über das nötige Know-how und die Technologie für ein solches Vorhaben; es fehlt lediglich der politische Wille. Doch die Arbeiten in diesem Bereich könnten bereits begonnen haben.

Übersetzt aus dem Englischen.

Dmitri Kornew (bekannter unter der englischen Transliteration „Dmitry Kornev“) ist ein russischer Militärexperte, Gründer und Autor des Projekts „MilitaryRussia“.

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