Für den Schutz der NATO-Ostflanke soll als Abschreckung gegenüber Russland eine Bundeswehrbrigade abgestellt werden. Bis 2027 soll die Brigade eigentlich aufgestellt sein. Doch es mangelt an Freiwilligen für das Prestigeprojekt. Trotz finanzieller Anreize sind nach wie vor viele Planstellen unbesetzt. Nun wird intern diskutiert, ob man die Freiwilligkeit nicht kippen sollte.
Aus unserer Kooperation mit Der Status
Es sollte ein NATO-Prestigeprojekt der Bundeswehr sein: Eine kampfstarke Brigade an der NATO-Ostflanke in Litauen stationieren, um als Abschreckung gegen Russland zu dienen. Doch anscheinend wirkt der Gedanke an die Ostfront abschreckend: Denn es finden sich nach Spiegel-Berichten einfach zu wenig Freiwillige, die sich als Menschenmaterial zur Verfügung stellen wollen. Dabei hatte sich SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius, als er 2023 die Pläne für die Brigade angekündigt hatte, zuversichtlich gezeigt, deren Reihen mit Freiwilligen füllen zu können. Doch wie so oft, gehen die Wünsche, Träume und Ansichten der Politik an der Realität der Bürger – auch derer in Uniform – vorbei.
Häuptlinge ja, Indianer nein
Dabei wird auch deutlich: Für Posten in Stäben, also von Offizieren und höheren Dienstgraden habe man genug freiwillige Meldungen erhalten. Allerdings sind diese wertlos, solange es keine Mannschaften gibt und genau da mangelt es. Betroffen sind dabei das Panzergrenadierbataillon 122 und das Panzerbataillon 203, die 2027 nach Litauen abgehen und den Kern der Brigade bilden sollen. Für die 640 Dienstposten, die im Panzergrenadierbataillon für Litauen vorgesehen sind, haben sich bisher nur 181 Soldaten beworben. Beim Panzerbataillon gibt es für 414 Posten immerhin 197 Bewerbungen von Soldaten. Noch düsterer sieht es allerdings bei den „neuen Hauptkräften“ der Litauen-Brigade aus: Für Artillerie, Aufklärer, Pioniere und Unterstützungstrupps haben sich für die 1.971 Dienstposten gerade einmal 209 Soldaten gemeldet – rund 10 Prozent. Gegenüber den 28 und 47 Prozent des Panzergrenadier- und Panzerbataillons ein desaströses Ergebnis.
Informationsschreiben und Y-Tours
Dabei hatte man durch umfangreiche Zulagen versucht, die Litauen-Brigade möglichst attraktiv zu machen. Zudem wurden deutsche Schulen in Litauen aufgebaut und Ehepartner sollen Hilfe bei der Jobsuche bekommen. Doch dies alles scheint nichts zu helfen. Die „Freiwilligenbewerbungen sind nicht ausreichend“, zitiert der Spiegel das Fazit aus einem internen Papier. Nun überlegt man, ob man die Einsatzzeit der Freiwilligen in Litauen auf ein Jahr verkürzt. Geplant war eigentlich, dass die Freiwilligen für mindestens zwei Jahre in Litauen bleiben sollen, damit die Einsatzbereitschaft der Brigade durch zu häufige Personalrotationen im Krisenfall nicht geschwächt wird. Aber die Krise ist schon vor einem möglichen Krisenfall da. Zudem will man jetzt noch einmal Aufklärungsarbeit betreiben. Dazu soll das Personalamt 43.000 Informationsschreiben an Soldaten, die für den Einsatz infrage kommen versenden. Ebenso will die Bundeswehr – im Volksmund auch Y-Tours – eine Art „Kaffeefahrten“ anbieten. Bei Tagesausflügen nach Litauen sollen sich die möglichen Freiwilligen ein Bild vor Ort machen und etwa die Kasernen besichtigen.
Oder doch Zwang?
Zudem steht auch im Raum, so berichtet der Spiegel, ob nicht als letztes Mittel auch die Freiwilligkeit gekippt wird. Dies wäre natürlich ein schwerer Schlag für Pistorius und lässt auch für den – noch – freiwilligen Wehrdienst eine ähnliche Entwicklung erwarten. In einer Stellungnahme versucht das Verteidigungsministerium zu kalmieren. Die vorliegenden Zahlen seien nur „ein Zwischenstand von Ende letzten Jahres“ und daher ließe sich aus diesen keineswegs belastbare Prognosen für die Werbung von Freiwilligen ablesen. Unerwähnt bleibt zudem die Frage nach einer möglichen Dienstzeitverkürzung in Litauen oder nach der Freiwilligkeit. Vielmehr erklärt man: „Derzeit ist noch nicht genau absehbar, wie sich die Freiwilligenbewerbungen in den kommenden Monaten entwickeln.“ Und scheint auf das Prinzip Hoffnung und auf die geplanten Werbemaßnahmen zu setzen zu setzten, wenn es weiter heißt: „Momentan gehen wir davon aus, dass mit den initiierten Maßnahmen die Brigade durch Freiwilligenbewerbungen voll besetzt werden kann.“ Dabei hatte man von Seiten der Bundeswehr und auch von Pistorius immer betont, dass der Aufbau der Brigade planmäßig voranschreite.
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