Von Astrid Sigena

Die Grünen haben in ihrer nordrhein-westfälischen Hochburg Münster eine überraschende Niederlage erlitten: Bei einem Bürgerentscheid stimmte die Mehrheit der Bewohner von Münster-Mitte gegen die Umbenennung der aus der NS-Zeit stammenden Straßennamen. Der Bürgerentscheid war notwendig geworden, nachdem sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Straßennamen gebildet hatte. Zuvor hatte die von den Grünen und ihren Mitstreitern SPD, Volt und Linke dominierte Bezirksvertretung Münster-Mitte im Mai vergangenen Jahres für eine Umbenennung der betreffenden Straßen gestimmt. CDU und FDP plädierten für den Erhalt der Straßennamen, ebenso die AfD, die in Münster allerdings einen schweren Stand hat und nur schwach in den Ratsgremien vertreten ist.

Bei einem Bürgerentscheid am vergangen Sonntag stimmten 52 Prozent der Befragten für eine Beibehaltung der jahrzehntealten Straßennamen. Bei einer Anzahl von 107.299 Abstimmungsberechtigten gaben 35.615 Bürger ihre Stimme ab – eine Abstimmungsbeteiligung von 33,19 Prozent. Ganz offensichtlich gelang es dem links-grünen Bündnis im Stadtbezirk nicht, die Wähler hinreichend zu mobilisieren und von der Notwendigkeit einer Umbenennung zu überzeugen. Damit behalten fünf Straßen des sogenannten Marineviertels ihre altvertrauten Namen. Es bleibt bei den Benennungen „Skagerrakstraße“, „Admiral-Scheer-Straße“, „Admiral-Spee-Straße“, „Otto-Weddigen-Straße“ und „Langemarckstraße“. Die Namen haben jetzt zwanzig Jahre Bestandschutz.

Die nationalsozialistischen Stadtväter hatten in den 1930er Jahren die damals noch am Stadtrand gelegenen Straßen nach Kriegsschauplätzen, Admirälen und U-Boot-Kapitänen des Ersten Weltkriegs benannt, mit dem Ziel, die geistige Kriegstüchtigkeit der Bevölkerung zu stärken und für den kommenden Zweiten Weltkrieg zu mobilisieren, so die Forschungsergebnisse des Historikers Alexander Schwitanski. Bei allen fünf jetzt zur Diskussion stehenden Straßennamen handelte es sich um Erstbenennungen von Straßenneubauten, es gibt also keinen Ursprungsnamen, auf den man im Falle einer Umbenennung hätte zurückgreifen können.

Die von den Nationalsozialisten als Straßenpatrone geehrten Marineoffiziere waren im Weltkrieg gefallen oder bereits vor der Machtübernahme verstorben – eine NS-Verwicklung kann den Militärs folglich nicht vorgeworfen werden. Die Grünen und ihre Verbündeten störten sich vor allem an der Namensvergabe durch die Nationalsozialisten und an der Glorifizierung des deutschen Militarismus und Imperialismus. Die geehrten Personen und Kriegsschauplätze hätten dem Nationalsozialismus als Propagandamittel zur Heroisierung des kriegerischen Opfertodes gedient und müssten deshalb von den Straßenschildern entfernt werden. Die Langemarck-Straße solle ihr „C“ verlieren, die anderen vier Straßen völlig neu benannt werden. Der Bürgerwille sah das anders.

Ein 2025 stattgefundenes Anhörungsverfahren gibt Aufschluss über die Motivation der betroffenen Bürger, sich gegen eine Straßenumbenennung zu entscheiden. Nur eine geringe Anzahl derjenigen, die sich zu Wort meldeten, befürwortete die Umbenennung und wollte die Straßennamen beispielsweise Opfern des Holocausts widmen. Die Mehrheit war jedoch gegen die Straßenumbenennung und begründete dies auch teils ausführlich. Neben zu erwartenden Gründen wie dem Recht einer liebgewordenen Gewohnheit, dem zu erwartenden hohen Aufwand für die Bürger, den Kosten für die Verwaltung und der Dringlichkeit anderer Probleme (besonders der Mangel an bezahlbarem Wohnraum wurde dabei genannt), geriet die historische Analyse erstaunlich differenziert.

Die Bürger argumentierten, dass eine Auslöschung der Vergangenheit keine Lösung darstelle. Sie unterstellten den Umbenennungsbefürwortern, sie wollten eine saubere Vergangenheit. Man könne aber den Nationalsozialismus nicht ungeschehen machen, indem man die Straßennamen aus dem Stadtbild tilge, sondern müsse gerade an den Missbrauch des Gedenkens erinnern. Die Straßennamen spiegelten das historische Werden des Stadtraums wieder, gerade wenn sie unbequem seien. Die Grünen betrieben Geschichtsumschreibung mit ihrer „kleinlichen Symbolpolitik“. Das Ganze wirke wie eine „politische Umerziehungsmaßnahme“.

Außerdem wüssten viele Bewohner gar nicht mehr, wofür die Straßenbezeichnungen in der nationalsozialistischen Ideologie ursprünglich gestanden hätten. Der Skagerrak sei für sie einfach eine Meerenge. Die Bevölkerung empfinde heute nicht mehr nationalsozialistisch und der mündige Bürger wisse die deutsche Vergangenheit verantwortungsvoll einzuordnen. Heutzutage denke man, wenn man die Straßennamen sehe, nicht mehr an die Glorifizierung von Kriegern und Schlachten, sondern würdige vielmehr die Opfer sinnloser Kriege. Eine Umbenennung hingegen fördere vielmehr das Vergessen geschehener Verbrechen.

Ein Anwohner reagierte sogar regelrecht erbost auf die aus seiner Sicht bevormundenden Belehrungen der diesbezüglich aktiv gewordenen Parteien:

„Mir als Bürger zu unterstellen, ich würde mir die Perspektive der Nationalsozialisten zu eigen machen, empfinde ich als schweren Affront gegenüber meiner Bildung, Anstand und Moral.“

Die Langemarckstraße sollte seiner Ansicht nach „als Symbol für den Missbrauch einer ganzen Generation durch ein militaristisches Regime gelten.“ Ein weiterer Anwohner meinte, gerade die Langemarckstraße könne „als Mahnmal vor kriegerischen Auseinandersetzungen dienen.“ Andere Straßenbewohner sprachen von einer regelrechten „Umbenennungswut“ der Stadt Münster. Sehr viele Münsteraner wünschten sich eine Fortexistenz der Straßennamen und gleichzeitig eine historische Kommentierung.

Es nützte da auch nichts mehr, dass die Münsteraner Grünen in ihren Werbevideos zum Bürgerentscheid hüpften und mit den Füßen stampften:

„Gegen Opfermythen, vermeintliche Heldentode und NS-Propaganda.“

Ebenso wenig fruchtete der Verweis auf die Friedensstadt Münster, die ihrem Status als Friedensstadt entsprechend würdige Straßennamen benötige. Womöglich liegt der Misserfolg des Parteienbündnisses auch darin begründet, dass Grüne, SPD und Volt als Friedensapostel unglaubwürdig erschienen. In einem Aufruf aus dem Jahr 2023 hatten sie neben Sanktionen gegen Russland auch eine militärische Unterstützung für die Ukraine inklusive Panzerlieferungen gefordert. Bloße Lippenbekenntnisse gegen einen deutschen Militarismus, der sich angeblich in Straßennamen versteckt, wirken bei diesem offensichtlichen Bellizismus schal.

Zur Niederlage der Umbenennungsbefürworter wird auch beigetragen haben, dass die Bürgerinitiative zum Stopp der Umbenennungen differenziert vorging: Zwar plädierte sie für einen Beibehalt der gewohnten Straßennamen,  befürwortete jedoch die Aufstellung erklärender Zusatztafeln, die die umstrittenen Namen historisch einordnen sollten. Man wolle einen begehbaren Geschichtsort schaffen, hieß es. Die ideologischen Hintergedanken der Nationalsozialisten bei der Straßenbenennung würden für die heutigen Bewohner keine Rolle mehr spielen. Außerdem drohte die Bürgerinitiative mit einer ganzen Umbenennungslawine: Auf einer Liste mit geplanten Umbenennungen stünden insgesamt 60 Straßennamen.

Eben dieses Argument dürfte dahingehend eine Rolle gespielt haben, dasss die befragten Bürger in Münster-Mitte, auch wenn sie von den aktuellen Umbenennungswünschen nicht betroffen waren, weitere derartige Aktionen fürchteten. Schließlich gibt es im Stadtteil St. Mauritz beispielsweise auch eine Gorch-Fock-Straße, benannt nach einem in der Skagerrak-Schlacht gefallenen Dichter, dessen Erbe die Nationalsozialisten ebenfalls missbrauchten. Und auch die Manfred-von-Richthofen-Straße hat die Bezirksvertretung Mitte schon im Visier. Grund genug für viele Bürger, ein Stoppsignal zu geben.

Zumal das Umbenennungsbündnis eine gewisse Inkonsequenz walten ließ: Die nach der Schlacht von 1914 benannte Tannenbergstraße bleibt. Da die SPD sich in der Bezirksvertretung für die Beibehaltung dieses Straßennamens stark gemacht hatte, stimmten auch Grüne und Volt dafür. Lediglich die Linken plädierten weiterhin auch für die Abschaffung der Tannenbergstraße. Einem Bewohner der Skagerrak-Straße im Marineviertel war es höchstwahrscheinlich nicht zu vermitteln, warum er die Strapazen einer Straßenumbenennung auf sich nehmen soll, sein Nachbar, der im Kreuzviertel in der Tannenbergstraße lebt, jedoch nicht. Ebenso wurde auf eine Umbenennung der Prinz-Eugen-Straße verzichtet.

Der Bürgerentscheid in Münster ist kein Rechtsruck hin zu einem Hurrapatriotismus, der die ruhmreichen Kriegstaten des Ersten Weltkriegs zu glorifizieren wünscht. Die Bürger des Marineviertels wünschen sich vielmehr in Zeiten erneuter Kriegstüchtigkeit Nachdenklichkeit und ein Bewusstsein dafür, was Kriege an Menschenleben kosten. Darauf deutet das Abstimmungsergebnis hin. Die Nazi-Keule der Grünen dagegen geriet zu plump. Die Münsteraner ließen sich von ihr nicht einschüchtern.

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