Der russische Aktienmarkt ist auf das Niveau des Jahres 2022 gefallen. Der Einbruch dauert nun bereits 17 Wochen in Folge an, wie von der Zeitung Iswestija befragte Experten feststellen. So sank beispielsweise am 7. Juli der Index der Moskauer Börse, der wichtigste „Barometer“ des russischen Aktienmarktes, auf 2.117 Punkte – das ist der Tiefststand seit Dezember 2022. Seit Jahresbeginn hat er fast ein Viertel seines Wertes verloren, davon allein neun Prozent seit Anfang Juli.

Der anhaltend hohe Leitzins der Zentralbank, die Haushaltsregel, die Devisenmarktinterventionen der Bank von Russland, der Rubelkurs, die außenwirtschaftliche Lage und die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit – all dies hat zum rasanten Einbruch des russischen Aktienmarktes beigetragen. Dabei hätte keiner dieser Faktoren für sich allein einen so großen Einfluss haben können – doch in diesem Jahr kamen gleich zahlreiche negative Faktoren zusammen.

Igor Rastorguew, leitender Analyst beim Unternehmen „AMarkets“, stellt im Gespräch mit Iswestija fest, dass die größte Enttäuschung mit dem Leitzins zusammenhängt. Die Marktteilnehmer hatten erwartet, dass die Bank von Russland diesen schneller senken würde. Doch Probleme bei der Logistik und der Kraftstoffversorgung der Regionen könnten die Inflation erneut antreiben. Daher wird die Regulierungsbehörde wahrscheinlich vorsichtiger vorgehen. Auch die starke Landeswährung wirkt sich negativ auf den Markt aus, sagt Roman Andrejew, Geschäftsführer für Investmentratings bei der Agentur „Expert RA“. Aufgrund der starken Währung erzielen Exporteure geringere Rubel-Einnahmen, während ihre Aktien einen bedeutenden Anteil am Aktienindex ausmachen. Zudem üben geopolitische Unsicherheiten, das Fehlen ausländischer Investoren und die geringe Aktivität großer institutioneller Akteure einen starken Druck auf die Kurse aus.

Dabei rechnen Experten vorerst noch nicht mit einer Erholung auf dem russischen Markt. Iswestija erklärt:

Für ein nachhaltiges Wachstum müssen mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein: eine weitere Senkung des Leitzinses, eine Verlangsamung der Inflation, das Ende der Dividendensaison, eine Stabilisierung der Kraftstoffpreise, eine Abschwächung der geopolitischen Risiken und eine klarere Entwicklung des Rubels. Das größte Hindernis bleibt die Politik der Zentralbank. Solange die Renditen von Einlagen und Anleihen hoch sind, ist es für Anleger vorteilhafter, ihr Geld in sichereren Anlageformen zu halten, als Aktien zu kaufen.

Nach Ansicht von Experten könnten Anzeichen einer Normalisierung erst gegen Herbst erscheinen. Vorausgesetzt natürlich, dass die Zentralbank ihre Politik weiter lockert und es zu keinen externen Überraschungen kommt. Ohne Klarheit über den Leitzins, den Rubelkurs und das externe Umfeld bleiben konkrete Zeitangaben für eine Erholung jedoch reine Spekulation, betonen sie. Bis dahin steht dem russischen Aktienmarkt eine schwierige Phase bevor, in der sich jede Nachricht negativ auf die Kurse auswirken wird. Der Index der Moskauer Börse erreicht regelmäßig neue Tiefststände, weshalb es derzeit fast unmöglich ist, den „Tiefpunkt“ zu erraten, bemerken Insider – jede schlechte Nachricht könnte den Einbruch noch verstärken. Daher wird es für Anleger vorerst wichtig sein, ihr Kapital zu schützen, anstatt an Gewinne zu denken, so das Fazit der Marktexperten.

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